Mittwoch, 21. Februar 2018

Der Versuch einer christlichen Gnosis (Basilides, Valentinus)



Von Harnack stammt die These, dass der Gnostizismus ein ursprünglich christliches Phänomen sei, nämlich Ergebnis der Hellenisierung des Christentums. Die Religionsgeschichtliche Schule sah dagegen in der Gnosis eine vorchristliche Strömung (Ursprung im syropalästinischen Raum oder Iran), die in der Begegnung mit dem Christentum verschiedene Sekten hervorbringt, die den Sammelnamen Gnostizismus erhielten. Die starken jüdischen Einflüsse auf die Gnosis dürfen dabei nicht vergessen werden und sprechen gegen Harnacks These. Ob aber die Gnosis bereits vor der Begegnung mit dem Christentum voll ausgebildete Systeme hatte, ist umstritten.

Die Gemeinsamkeit der gnostischen Systeme liegt in der Kosmologie, die den Rahmen bildet für die Soteriologie:
- Gott ist eine rein geistige Größe. Die Materie dagegen ist widergöttlich, schlecht und böse (=> Abwertung des irdisch leiblichen Lebens).
- Die materielle Welt wird verstanden als Emanation Gottes oder es gibt die Vorstellung, sie sei herausgefallene aus Gottes Lichtherrlichkeit. Das Entstehen der Welt wird oft erklärt durch den Fall eines ursprünglich aus Gott hervorgegangenen Wesens.
- In der Welt der Materie sind die göttlichen Lichtfunken seit der Weltentstehung gefangen. Ihre Errettung besteht darin, dass sie sich von der ihnen eigentlich fremden Materie befreien und sich wieder mit der Gesamtheit der göttlichen Lichtherrlichkeit vereinen. Gott wird dabei modalistisch/pantheistisch als die Gesamtheit aller göttlichen Lichtfunken betrachtet.
- Erlösung findet in den gnostischen Systemen dadurch statt, dass die Menschen die Einheit zwischen dem göttlichen Lichtfunken in ihnen und der gesamten göttlichen Lichtherrlichkeit erkennen und diese Einheit bereits symbolisch vergegenwärtigen. Erlösung ist somit nicht Neuschöpfung, sondern Aufhebung eines uranfänglichen Irrtums, und der Erlöser ist lediglich der Mitteiler dieser Erkenntnis.

Dieses Grundsystem wird nun verschieden ausgestaltet:

- Kerinthos (um 100 in Ephesus) eröffnet die Reihe der Gnostiker im 2.Jhdt (laut Legende traf er den Apostel Johannes im Bade).
- Die Schule des Satornilos, einem Schüler des Simon Magus und des Menander, war in Syrien verbreitet.
- Basilides (ca. 120-140 in Alexandrien): Unterscheidung zwischen zwei Erlösungsprinzipien: Der große Archon, der Engelfürst der Heiden schafft Christus, die obere Gotteskraft, und ein zweiter Archon, der Engelfürst der Juden, schafft sich ebenfalls einen Sohn, nämlich Jesus, die untere Gotteskraft.  Beide wirken nun zusammen, um die verstreuten Menschenseelen wieder zu vereinigen und zur vorweltlichen Ruhe zurückzuführen.  Dabei wird nicht an eine wahre Menschlichkeit Jesu gedacht. Der Erlöser ist ein Geistwesen, eine körperlose Kraft, die auch nicht leidet (Idee von der Vertauschung zwischen Jesus Christus und Simon v. Kyrene, der an Jesu Stelle gekreuzigt wurde).
- Valentinus (aus Ägypten stammend, zw. 135 und 160 in Rom  lebend): Dreiteilung der Welt in Pleroma (abgestufter Ort der  obersten Gottheit in größter Ferne zur Welt), Zwischenwelt  zwischen Pleroma und Erde (Ort der Weltschöpfung durch den  Demiurgen, den Gott des ATs, der aufgrund einer Hybris aus dem  Pleroma ausgestoßen wurde) und Hyle (die Macht des erlösungsfeindlichen Weltstoffes). Dementsprechend Unterscheidung der Gemeinde in Pneumatiker, Psychiker und Hyliker (je nachdem welche Elemente bei der Schöpfung in die Menschen eingegangen sind). Der Erlöser (Christus) ist reiner Geist, der durch Maria wie durch einen Kanal hindurchgegangen ist, wird verstanden als Ruf, der dem göttlichen Kern im Menschen die Erkenntnis bringt und ihn damit befähigt zum Aufstieg der Seele. Christus erscheint deshalb in vielen Gestalten, ist aber eigentlich ein geistiges, unpersönliches Prinzip. Die Erlösung und damit die Weltgeschichte sind vollendet, wenn alles Pneumatische auf Erden den Weg zum Ursprung gefunden hat.
- Weitere Zeugnisse: Thomasevangelium (ca. 140), Brief an Rhegius, Evangelium Veritatis (Nag-Hammadi), gnostisierend auch die Oden Salomos.

Gefahren der Gnosis für die christliche Lehre: - Einheit von Schöpfung und Erlösung und damit auch von AT und apostolischer Tradition wird zerrissen.
- Mythologisieren und Entpersonalisierung des Menschen (Erbsünde nur noch als Verhängnis, nicht mehr als Schuld; keine Verantwortung gegenüber dem Schöpfer).
- Mythologisieren und Entgeschichtlichung der Person Jesu (-> Doketismus).
- Ablehnung der sichtbaren Welt.
- Bedrohung der Einheit der Gläubigen durch Unterscheidung von Pneumatikern, Psychikern und Hylikern.
- Gefahr des nicht zu begrenzenden Synkretismus.
- Tod und Auferstehung spielen überhaupt keine Rolle. Erlösung wird zur Erkenntnis.




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