Freitag, 31. Januar 2014

Einleitungswissen zum Römerbrief

Textkritisch gibt es in Röm. einige Probleme: - Es gab Ausgaben, die nach dem 14. Kap. endeten (z.B. Markion). Sie sind zwar nicht mehr erhalten, aber nach Kirchenväterangaben dem Origenes bekannt. Auch andere Kirchenväter zitieren nie aus Kap.15/16. Nach Trobisch geht diese Auslassung eher auf einen defekten Archetypus als auf eine bewusste Streichung zurück. 15,1-16,23 sind unzweifelhaft paulinisch. - Fehlende Adresse des Römerbriefes (1,7) in G (9.Jhdt, von irischen Mönchen geschrieben). Auch bei Origenes Ausgabe ohne Adresse. Ging eine Ausgabe ursprünglich nach Ephesus? - Doxologie 16,25-27 nach Meinung einiger Exegeten nicht auf Paulus zurückzuführen (ungewöhnlich viele für Paulus untypische Ausdrücke). Einige Hssenthalten jedoch Doxologie nicht, andere an je verschiedenen Stellen (hinter Kap.14; hinter Kap.15; am Ende; an mehreren Stellen doppelt). Trobisch sieht in der Doxologie den redaktionellen Versuch, einen beschädigten Archetyp (Ende bei Kap. 14) mit einem Schluss zu versehen. Alle verschiedenen Varianten wurden dann durch Konflation zu fast allen erdenklichen Möglichkeiten kombiniert. Literarkritische Probleme gibt es v. a. am Briefende: Kap.16 stellt eine einzigartig lange Grußliste dar. Im 18.Jhdt entstand die These, dass diese Grußliste zu einem Briefexemplar für die Gemeinde in Ephesus gehörte (verbunden m. d. anschriftlosen Hss). Kap.16 wäre demnach abzutrennen. Dafür spricht: - Unwahrscheinlich, dass Paulus so viele Menschen in einer fremden Gemeinde kennt; in Ephesus könnte er durch seinen langen Aufenthalt so viele Menschen kennen. - Die einzig Bekannten (Priska und Aquila - 16,3) sind nach Act.18, 18f mit Paulus nach Ephesus gegangen. - Epänetus (16,5) als Erstling der Provinz Asia angesprochen. - Scharfer und autoritärer Ton von 16,17-20 sind eher in der bekannter Gemeinde Ephesus als in Rom verständlich. - 15,33 ist eigentlich ein sinnvoller Briefschuld (P46 hat Doxologie 16,25-27 nach 15,33). Dagegen spricht allerdings: - Vielleicht kennt Paulus so viele Menschen in Rom, weil diese nach Aufhebung des Claudius-Edikts nach Rom zurückgekehrt waren (dafür jedoch kein Zeugnis). - Die Strenge von 16,17-20 ist als formelhaftes Element an der Briefschuld verstehbar. - Briefschuld mit Segenswunsch (15,33) ist für Paulus untypisch. Es wäre auch denkbar, dass in 16,1-23 der Briefschuld des Briefes nach Ephesus überliefert ist, aus dem Teile (z.B. 16,21-23) aber auch nach Rom gingen. Paulus greift wahrscheinlich auf einige Traditionsstücke zurück: - 1,3f Christolog. Formel - 3,25f Jesus Christus - 4,45: Hingegeben wegen unserer Verfehlungen, auferweckt wegen unserer Gerechtmachung. An der Echtheit des Römerbriefes ist nicht zu zweifeln. Über den Adressaten, die Gemeinde in Rom, praktisch nichts bekannt. Sie wurde wohl schon in den 40er Jahren gegründet (beim Claudius-Edikt war (49) sie bereits vorhanden, wie die Vertreibung von Priska und Aquila zeigen). Über ihre Gründer ist nichts bekannt, sicher war es jedoch nicht Petrus. Er kam (wenn überhaupt) erst später nach Rom. Röm. ist der einzigste Brief an eine nicht von Paulus selbst gegründete Gemeinde (-> Führt zu stärker dialogischem Stil - Diatribe). Dennoch lässt sich einiges über die Gemeinde sagen: - ein Teil ist jüd. Herkunft (4,1; 7,1) - die meisten sind Nicht-Juden (1,5+13; 9,3ff; 10,1). Die Annahme, mit den Starken von Kap.14f meine Paulus die Heidenchristen, ist zwar möglich, lässt sich aber im Blick auf 1.Kor.8-10 entkräften. Wie bei der Rechtfertigungslehre geht Paulus wohl auch hier auf theoretisch mögliche Argumente gegen seine Lehre ein (v.a. in Hinblick auf einen möglichen Konflikt mit den Juden). Über Ort und Zeit der Abfassung ist auch 15,25f zu entnehmen, dass Paulus vor seiner Reise nach Jerusalem steht, in der er die Kollekte überbringen will. Nach 15,23 sieht Paulus seine Arbeit im Osten als beendet an. Diese Situation ist auch Act.20, 2ff gegeben. Dort wird berichtet, dass Paulus 3 Monate in Korinth blieb, um dann die Reise nach Palästina aufzunehmen. Röm. ist folglich zw. 55/56 und 57/58 (zu den Daten vgl. "Die Biographie des Paulus") in Korinth geschrieben. Über den Anlass zur Abfassung gibt es verschiedene Thesen: - Röm. gehört zur urchristl. Publizistik. Der Brief ging nicht nur an die röm. Gemeinde, sondern von Anfang an auch an andere wichtige Missionszentren des Paulus (s.o.). Paulus will damit zur Klärung und Festigung seiner Verkündigung beitragen. Einen aktuellen Anlass gab es kaum. Kümmel spricht von Röm. als Selbstbekenntnis des Paulus. - Röm. ist ein Stück Reisevorbereitung. Paulus schließt seine Tätigkeit im Osten ab, steht vor seiner Jerusalemreise, deren Ausgang ungewiss ist, und will dann weiter nach Spanien, wozu er die Unterstützung der röm. Gemeinde braucht (15,24ff). Durch den Brief will er sich in Rom vorstellen und dort zugleich Befürchtungen zerstreuen: - Ich belaste die Gemeinde nicht durch Eskalation innergemeindlicher Spannungen (Starke/Schwache - 14,1-15,13). - Ich stehe nicht bedingungslos auf Seiten der Heidenchristen, die nach dem Claudius-Edikt wohl dominieren (Röm.9-11) - Ich bemühe mich um ein positives Verhältnis zu den Juden. - Ich bin (unüberbietbar) loyal gegenüber dem Staat (Röm.13). - Röm. als theologisches Testament des Paulus (Bornkamm). Polemische Äußerungen werden unpolemisch wiederholt oder korrigiert: - Korrektur antijudaistischer Aussagen (Röm.11 -> 1.Th.2,14-16: Juden gilt Gottes Gnadenzusage, nicht Gottes Zorn). - War Paulus im antiochen. Konflikt kompromißlos für die Freiheit von Speisegeboten, so plädiert er jetzt für die Anpassung der Freien (Starken) an die Schwachen (Röm.14f/1.Kor.8-10 -> Gal.2,11ff). - Die Apologie des Gesetzes Röm.7,7ff korrigiert die negativen Wertungen des Gesetzes in Gal.3 - Die singularische Deutung des ÷▒»ñ░½á Aí░áá½ in Gal.3,16 wird Röm.4,17ff pluralisch korrigiert (vgl. 9,6ff). - Glossolalie wird als unaussprechliches Seufzen (8,26ff) gegenüber 1.Kor.12-14 positiver gewertet. - In 1.Kor.1,18f bekämpft Paulus mit seiner Kreuzestheologie je weisheitliche theologia naturalis; in Röm.1,18ff setzt er sie dagegen als Argument für die allgemeine Schuldverfallenheit voraus. - Der Leib-Christi-Gedanke dient in 1.Kor.12,12ff polemisch zur Eindämmung der Ansprüche weniger Pneumatiker; in Röm.12, 12ff wird unpolemisch jedem ein Charisma zugesprochen. - Röm. ist Dokument persönlicher Identitätsfindung. Paulus hatte durch seine Bekehrung einen schroffen Bruch erfahren, war aber zeitlebens von dem angezogen, wogegen er sich entschieden hatte ("Nachentscheidungskonflikt"). Auseinandersetzungen mit judaistischen oder enthusiastischen Gegnern sind bei Paulus immer auch Auseinandersetzungen mit sich selbst. Mit Hilfe einer systematischen Ausformulierung seiner Gedanken wahrt Paulus seine Identität zw. Juden und Heiden, Judaisten und Enthusiasten. Röm. ist wohl in der Mitte des Spannungsfelds zw. Reisevorbereitung, aktueller Polemik bzw. Apologie und grundsätzlicher Zusammenfassung der eigenen Theologie zu sehen. Röm. 2,1ff wehrt sich Paulus gegen den "Kritiker", der meint vor Gott bestehen zu können. 3,1ff und 6,1ff wehrt er sich gegen Angriffe a. s. Rechtfertigungslehre. Unsicher ist, ob hier echte od. fiktive Kritik aufgegriffen wird. Dazu verschiedene Positionen: - Paulus gibt seine Diskussion mit den Juden wieder. - Paulus steht in Diskussion mit dem Judenchristentum, das am Gesetz festhalten will. - Paulus argumentiert gegen Libertinismus. Er wehrt sich dagegen als Antinomist zu gelten, weist antijüdische Polemik zurück (3,1f) u. betont d. ethischen Konsequenzen d. Taufe (6,1ff). Alle drei Hypothesen nehmen einen zu konkreten Anlass an. Dabei wird verkannt, dass Paulus sich hier grundsätzlicher als in seinen anderen Briefen äußert. Dabei geht sicher die Erfahrung von früheren Auseinandersetzungen mit ein. Paulus will also in d. ihn nicht kennende Gemeinde aufkommende Kritik vorwegnehmend entkräften. Die Gliederung ist sehr klar und Übersichtlich (vgl. Bibelkunde). Lediglich ist umstritten, ob besser 1,18-4,25/5-8 oder 1,18-5,21/6-8 gegliedert werden sollte. Conzelmann spricht sich gegen eine Gliederung des ersten Teiles 1-8 in 1-5 Rechtfertigung und 6-8 Heiligung aus, da dieses Schema unpaulinisch und nachreformatorisch ist und in 4,25 der entscheidende Einschnitt sei. Jedoch gegen eine solche Gliederung spricht nach Theißen: - Parallelität der Blöcke 1,18-3,20 und 3,21-5,21 (vgl.1,19 und 3,21; Abfolge Gegenwart - Zukunft). - Röm.6-8 und 9-11 greifen jeweils Fragen aus 3,1-8 auf und beantworten sie Grundsätzlich. Ein Neuansatz liegt deshalb in 6,1ff und 9,1ff. Jedoch sind weder 6-8 noch 9-11 aus dem Gesamtzusammenhang herauslösbar. Besonderheiten: Röm. zeigt besonders die dialogischen Elemente des Diatribenstils; oft eher theologisches Traktat als Brief (z.B. im Vgl. mit Gal., wo die gleiche Thematik behandelt wird). Röm. ist folglich viel theoretischer als Gal. und 1./2.Kor. Lit: Conzelmann/Lindemann, AB, S.242-250 (nur im Referat wahrgenommen); W.G.Kümmel, E.i.d.NT, S.266-279 (nur im Referat wahrgenommen); Vorlesungsmitschrift G.Theißen, Römerbrief, WS 85/86; darin D.Trobisch, Literar- und textkritische Fragen zum Röm.

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