Freitag, 31. Januar 2014

Daniel, Buch und Theologie

Stellung im Kanon: - in der BH am Ende der Schriften, allerdings noch vor Esra/Nehemia und Chronik (Evtl. war Prophetenkanon bei der Entstehung bereits abgeschlossen). - in LXX, Vulgata und bei Luther schließt Dan. die Reihe der großen Propheten. Zusätze in LXX gegenüber BH: - 3,24-50: Gebet Asarjas. - 3,51-90: Lobgesang der drei Männer im Feuerofen. - Anhänge: Dan.13: Rettung der Susanna durch Daniel - Dan.14,1-22: Die Entlarvung Bels als toten Götzen - Dan.14, 23-42: Daniel tötet den Drachen und wird in der Löwengrube wunderbar gerettet. Eine Datierung der apokalyptischen Teile ist durch die erkennbaren Zeitbezüge möglich: 7,8 und 8,9-25: Anspielung auf Antiochos IV., der den Jerusalemer Tempel entweihte (168 v.Chr). Die Endfassung stammt also frühestens aus der Makkabäerzeit. Die Sprache enthält nicht nur pers, sondern auch griech. Lehnwörter. Dazu kommen viele relativ junge Theologumena (Engellehre, Auferstehungsglaube). Das Dan.Buch ist somit in seiner Endfassung wohl um 100 v.Chr entstanden (Die Vision 11f kennt allerdings noch nicht den weiteren Verlauf der Geschichte nach 164/3) und damit das jüngste Buch des ATs. Doch ist davon auszugehen, dass die Weisheitserzählungen in ältere Zeit zurückreichen (Daniel in Ez.14, 14+20 als Vorbild neben Noah und Hiob, Ez.28, 3 als exempl. Weiser genannt; Herrscher werden sehr positiv dargestellt). Das Buch selbst datiert sich in die Zeit des babyl. Exils (Dan.1,1). Doch ist die Chronologie, die das Buch von der Geschichte des Orients zeichnet, verworren und falsch. Es gab also keine klare Vorstellung mehr von Babylon. und pers. Zeitalter, oder sie war einfach unwichtig. Hier zeigt sich also bereits der typisch apokalypt. Zug zur Pseudepigraphie. Zur Komposition des Danielbuches: - 1-6: Erzählungen von Daniel und seinen Freunden, praktisch nicht apokalyptisch. Daniel und seine Freunde erweisen sich als vorbildhafte Fromme, die sich trotz Gefahr an das Gesetz JHWHs halten und dafür von JHWH wunderbar gerettet werden. Nur in der Einleitung treten die Freunde und Daniel gemeinsam auf. Dabei liegt eine konzentrische Komposition vor: 1: Einführung der 4 Hauptpersonen: Im Folgenden sind die Freunde vorbildlich Glaubende, während Daniel als Weiser auftritt (-> Traumdeutungen). 2+7: Rahmen: Vision von den vier Weltreichen 3+6: Märtyrerlegenden mit parallelem Aufbau: Befehl zur göttlichen Verehrung des Königs - Verweigerung - Denunziation - Strafvollzug - wunderbare Rettung - Anerkennung JHWHs durch den heidnischen König (ähnl. Dan.14). 4+5: Zentraler Text dieser Komposition: Göttl. Gericht über den König. - 7-12: Visionen, hier v.a. apokalyptisches Material. Darin eingebaut: Daniels Bußgebet (9). - 13f (nur LXX): Erneut drei Erzählungen ganz im Sinne der ersten. Dabei ist der Sprachen-Wechsel auffallend: 2,4b-7,28 sind aramäisch verfasst. Vielleicht wurde 1-2,4a aus dem Aramäischen ins Hebräische rückübersetzt, um die Einheit des Buches deutlich zu machen. Die Interpretation des Dan.-Buches hat auszugehen vom Zusammenschluss von Weisheitserzählungen und Apokalyptik (in LXX sogar Rahmung). Dadurch wird deutlich: - Die apokalyptischen Texte werden in die Zeit Daniels (babyl. Exil) zurückdatiert, dadurch durchschreitet die apokalypt. Geschichtsdarstellung den Raum von der Zeit des exil. Daniel (Nebukadnezar!) bis zur Gegenwart. Die Weissagung bekommt mehr Glaubwürdigkeit, da sie zum großen Teil bereits erfüllt ist (-> vaticina ex eventu). - Die apokalyptische Geschichtsschau mit ihrer deterministischen Konzeption wird durch die Erzählungen ethisiert: es ergeht eine Mahnung zum treuen Aushalten. Das treue Aushalten wird durch die Zukunftserwartung motiviert: es ist zwar vielleicht noch eine Weile bis zum Ende, doch dieses kommt ganz gewiss. Beides kann nur in seiner Beziehung aufeinander durchgehalten werden. - Das Motiv der Visionen bzw. Träume und ihrer Deutung verbindet beide Teile. Zu den Weisheitserzählungen: - Adressaten sind wohl die Juden der persischen Diaspora (vgl. Esther). Sind sie vielleicht schon einige Zeit früher als die Visionen schriftlich aufgezeichnet worden, oder hat der Autor des gesamten Buches mündliche Traditionen aufgenommen? - Sie schildern Daniel und seine Freunde auffällig loyal zum jeweiligen heidnischen König. Nebukadnezar z.B. wird auch nicht als Feind geschildert, sondern die heidn. Denunzianten sind die eigentlichen Gegner. Immer wieder gelingt es, den König zum Eingreifen für die Juden und gegen die Denunzianten zu bewegen (vgl. Esther). Damit ergibt sich eine Aufforderung zur Loyalität gegenüber den heidn. Herrschern. - Wichtiger aber ist die Loyalität gegenüber JHWHs Gebot. Im Zweifelsfalle muss also der Konflikt mit der Staatsmacht riskiert werden. Die Erzählungen wollen Mut machen, diesen Konflikt im Vertrauen auf JHWH durchzustehen und nicht von JHWH abzufallen. Dies geschieht, indem den Gläubigen ganz individuelle und übernatürliche Hilfe in Aussicht gestellt wird. Doch wird der Gehorsam nicht von einer solchen Hilfe abhängig gemacht (3,18). - Obwohl das Festhalten an den Geboten eine zentrale Stellung einnimmt, erscheinen die Gebote entgeschichtlicht: Sie sind nicht heilsgeschichtlich verankert, Väter-, Exodus- und Zionstradition spielen keine Rolle. - In den Geschichten soll auch zum Ausdruck gebracht werden, dass bei aller Macht der heidn. Herrscher, JHWHs Geschichtsmacht, auch wenn vielleicht verborgen, dennoch größer ist. Er kann sogar heidn. Großkönige ein- und absetzen. Zu den apokalyptischen Aussagen: - Die Dauer der Bedrängnis wird nicht genau genannt. Es wird mit einer geheimnisvollen Zahlensymbolik gesprochen (12,7), die immer wieder für Neuinterpretationen offen ist. So gibt es folgende Zahlenangaben für die Zeit bis zum Ende: dreieinhalb Jahre (? 7,25; 9,27; 12,7); 1150 (8,14), 1290 (12,11), 1335 (12,12) Tage; 70 Jahrwochen seit dem babyl. Exil (Dan.9,2+24). - Eine im AT einmalige Endzeiterwartung begegnet 7,9-14: Unsicher ist, wie der Menschensohn in 7,13f zu deuten ist. Folgende Möglichkeiten gibt es: - Der Vergleich mit Ez.1, 16 und 2,1 lässt an einen gewöhnlichen irdischen Menschen denken. Wird hier alte Messias-Tradition aufgenommen? Zwar wird nicht an das Davidshaus oder an Bethlehem/Benjamin erinnert, doch wird davon gesprochen, dass der Menschensohn Macht, Ehre und Königtum über alle Völker haben wird. - Im Deuteabschnitt 7,17-27 wird der Menschensohn kollektiv interpretiert und mit den Heiligen des Höchsten identifiziert (7,27). Sind diese Heiligen des Höchsten Israel? - Außerbibl. (iranische?) Einflüsse könnten vorliegen, so dass an ein himmlisches Wesen gedacht wird. So treten ja auch im Verlauf des Dan.-Buches verschiedene Engel, gar Engelfürsten (Michael und Gabriel) auf. Nicht zu Übersehen ist der Kontrast Menschengestaltiger oben, Tiergestaltige unten. - Typisch apokalyptisch ist die Verlängerung des Tun-ErgehensZshgs. in den neuen Äon. Dies z.B. mit der Aufnahme der Vorstellung vom Buch des Lebens (Dan.12,1f; vgl.7,10; Ps.69,29; Ex.32,32f; Jes.4,3; Mal.3,16). - Bei Daniel findet sich bereits der typisch apokalypt. Rückgriff auf die ältere Heilsprophetie. Ihre Heilszusagen werden für die Zukunft erwartet und ihr Eintreffen berechnet (Dan.9, 2+24 -> Jer.25, 11f; 29,10). So werden die überlieferten Prophetenworte innerhalb der apokalypt. Eschatologie aktualisiert. Dies geht aufgrund einer Auslegungsmethodik, die einen zweifachen Schriftsinn annimmt. - Der Apokalyptiker des Dan.-Buches steht auf der Seite, die die Notzeit mehr leidend als kämpfend zu bestehen versucht. Sein Blick ist unbeirrbar auf die allein von Gott kommende Heilszeit gerichtet. Es gibt keine Möglichkeit, den Anbruch dieser Zeit zu beschleunigen. Nur treues Aushalten ist gefragt. Folglich kann auch der Makkabäer-Aufstand nur aus der Distanz gewürdigt werden (11,34). - Typisch apokalyptisch ist auch das Schema der vier Weltreiche mit absteigendem Wert (wie bei Hesiod im Bild der immer weniger wertvollen Metalle beschrieben). Ursprgl. war damit wohl die Abfolge Babylonier-Meder-Perser-Griechen gemeint; in späterer Zeit konnte es aber auch auf die Abfolge Babylonier-PerserGriechen-Römer gedeutet werden. - Viele fremde mythische Traditionen und Symbole finden sich vor allem in den Visionen (z.B. erinnern die Tierwesen an die Mischwesen des Zweistromlandes). - Die irdischen Ereignisse sind in himmlischen Ereignissen präfiguriert, ja die eigentlichen Entscheidungen werden im himml. Bereich getroffen (vgl. Nebeneinander von 10 und 11). - Hier findet sich noch keine universalistische Heilshoffnung. Allein das Gottesvolk, das den Geboten treu ist, erwartet Heil. Dan. steht damit noch ganz innerhalb des atl. Grundschemas "JHWH - Israels Gott; Israel - JHWHs Volk". Darin unterscheidet sich Dan. von der späteren Apokalyptik. - Die große Vision 10-12 beschreibt die histor. Entwicklung recht detailliert und historisch zutreffend (wenn auch ohne Namensnennung) bis zur Entweihung des Tempels (167) und dem Makkabäeraufstand (als vaticinum ex eventu). Die wirklich in die Zukunft gerichtete Prophezeiung beginnt 11,40. Die Wiedereinweihung des Tempels ist noch nicht bekannt. Die Wirkungsgeschichte des Dan-Buches ist groß: Das Weltreichsschema fand in manche Geschichtsschau Eingang, Menschensohn, Auferstehung, Engellehre spielen in späterer apokalypt. Literatur und im NT eine große Rolle.

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