Donnerstag, 28. Juli 2011

Zur Kritik an Bultmanns Ansatz


Mit großer Konsequenz versucht Bultmann - indem er das Handeln Gottes auf die Existenz des Menschen bezieht - die Offenbarung aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu übersetzen. Dennoch - oder geraden deshalb - muss gefragt werden, ob er auch die GANZE Botschaft herüberbringt.
Grundsätzlich ist nichts gegen eine Zuhilfenahme philosophischer Kategorien und Begriffe durch die Theologie zu sagen (selbst Karl Barth gibt eine solche "Brille" zu). Gefährlich kann es aber werden, wenn die Theologie ihre Freiheit gegenüber der Philosophie verliert und sich von ihr das Gesetz des Denkens vorschreiben lässt. Deshalb ist kritisch zu fragen: Übernimmt Bultmann mit der Philosophie Heideggers nicht auch Elemente, die das Evangelium verkürzen oder die dem Evangelium fremd sind? auf diesem Hintergrund sind folgende Anfragen an Bultmann zu richten:

Ist Heideggers Existenzanalyse wirklich rein formal?

Hat Bultmann die von ihm beabsichtigte rein formale Bindung an die heideggersche Existenzananlyse durchgehalten, oder ist unbemerkt aus der formalen Bindung eine materiale geworden? Ist Heideggers Existenzanalyse wirklich so neutral, wie Heidegger und Bultmann meinen? Kann sie wirklich ohne ein bestimmtes Existenzideal arbeiten, oder wird nicht gerade das Streben, zur Eigentlichkeit zu gelangen, zum Existenzideal erklärt? Wenn Bultmann am ntl. Glaubensbegriff stark die Seite der Entscheidung und des Gehorsams betont, dann meint er nicht so sehr den Ruf Jesu in die Nachfolge, als vielmehr den Ruf Heideggers in die Eigentlichkeit.

Anthropologische Engführung

Dann lässt sich eine anthropologische Engführung feststellen, die im existenzphilosophischen Ansatz gründet. Insbesondere eine These Heideggers hat sich hier verengend ausgewirkt: Heidegger verlegt alle Geschichtlichkeit in die Geschichte der menschlichen Existenz. Die Wirklichkeit Gottes, die seiner Geschichte in der Welt und die der Welt werden in die menschliche Existenz hineingezogen. Weil der Charakter der Offenbarung in Christus als jenseits des Menschen liegende Tat Gottes nicht angetastet wird, löst sie sich nicht in der Subjektivität des Menschen auf. Die kosmische Weite dieser Offenbarung, ihr Bezug auf das Schicksal der ganzen Welt (und nicht nur auf die Existenz des Menschen) geht bei Bultmann jedoch verloren. Von der Heilsgeschichte als universales Geschehen ist bei Bultmann (fast) nichts übrig als der eine Punkt in der Gegenwart, in dem der einzelne Mensch im Glauben das Leben als Geschenk der göttlichen Gnade ergreift und darin Sinn und Ziel der Geschichte erfährt ("Schau nicht um dich in der Universalgeschichte...In deiner Gegenwart liegt der Sinn der Geschichte, du kannst ihn nicht als Zuschauer sehen, sondern nur in deiner verantwortlichen Entscheidung. In jedem Augenblick schlummert die Möglichkeit, der eschatologische Augenblick zu sein.”)

Privatisierung der Eschatologie

Eine derartige Interpretation biblischer Eschatologie bedeutet die Privatisierung ihres kosmischen Universalismus in einer punktuell verstandenen individuellen Existenz ("Eschatologie hat gänzlich ihren Sinn als Ziel der Geschichte verloren und ist im Grunde als Ziel des individuellen Seins verstanden"). Somit verkürzt sich das Kerygma, das das Handeln Gottes an der Welt bezeugt, zum Entscheidungsruf, der den Menschen in seiner Existenz trifft und ihn aus der Uneigentlichkeit in die Eigentlichkeit führen soll. Die Zukunft Gottes wird reduziert auf die Zukunft des Menschen, die Vergangenheit wird zum Modell für die in der Gegenwart zu treffenden Entscheidungen.

Spiritualisierung der christlichen Existenz

Mit der Privatisierung der Eschatologie geht bei Bultmann eine Spiritualisierung der christlichen Existenz einher. Der Blick ist dabei ganz auf das Selbst gerichtet, es fehlt das Bedenken der ganzen Welt als Welt Gottes. Hier ist zu fragen, ob denn überhaupt ein Selbstverständnis OHNE Weltverständnis möglich ist, oder ob nicht vielmehr beide miteinander korrespondieren, in Korrelation stehen. Der Mensch ist nun mal in fast unübersehbarer Weise eingebunden in die Welt. Gott redet nicht nur von Person zu Person, sondern handelt an der Welt als ganzer. Dies kommt in der totalen Abstraktion der menschlichen Existenz von ihren Weltbezügen bei Bultmann nicht in den Blick (es ist zwar da, aber bleibt unbeachtet). Man kann sagen, dass es bei Bultmann zwar Geschichtlichkeit, aber keine Geschichte, zwar Geschöpflichkeit, aber keine Schöpfung gibt.
Damit geht einher, dass es für Bultmann praktisch keine spezifisch christliche Ethik mehr gibt.

Die Reduktion auf das formale "Dass"

Bultmann hält mit Bestimmtheit daran fest, dass sich Gott in einem Ereignis der Geschichte offenbart hat. Fragt man nun aber nach, was sich ereignet hat, was denn eigentlich geschehen ist, werden die Antworten unergiebig: "Damit Jesus als eschatologisches Phänomen verstanden werde, bedarf es nur dessen, dass das das seines Gekommenseins verkündigt werde." "Es braucht inhaltlich von Jesus nichts gelehrt zu werden als dieses Dass, das in seinem historischen Leben seinen Anfang nahm und in der Predigt der Gemeinde weiter Ereignis wird." Mit dieser Beschränkung der Offenbarung auf die bloße Faktizität ihres Geschehenseins hängt auch Bultmanns Vorliebe für Paulus (der "Christus nach dem Fleisch" nicht mehr kenne) und das Johannesevangelium (nach Bultmann ist in ihm die Offenbarung ganz auf das bloße gestaltlose Dass des Gekommenseins Jesu als des Offenbareres konzentriert; Jesus offenbart als der Offenbarer Gottes nichts anderes, als dass er der Offenbarer ist) zusammen.
Woher kommt nun Bultmanns Desinteressiertheit am historischen Jesus?
-> historische Skepsis: "Ich bin der Meinung, dass wir vom Leben  und der Persönlichkeit Jesu so gut wie nichts mehr wissen  können." Dies entspricht durchaus dem Ergebnis der historischkritischen Erforschung des NT (-> formgeschichtl. Methode)
-> theologisches Interesse: Bultmanns reformatorisch-theologischer Denkansatz schlägt hier voll durch: der Glaube darf sich  auf kein Werk, hier auf kein Ergebnis der historischen Forschung, stützen. Deshalb hat bei Bultmann die historische Kritik die Aufgabe, dem Glauben alle historischen "Absicherungen"  zu entziehen (d.h. nicht festzustellen wie es gewesen ist,  sondern wie es nicht gewesen ist). Weil die Forschung nichts  für den Glauben relevantes finden DARF, FINDET sie auch NICHTS:  "Mit einer großen Frage endigt hier die Forschung - und soll  sie auch endigen!" Hier trifft sich in Bultmann die dialektische Theologie, die behauptet, dass es in der Welt nichts gibt,  woraus der Glaube eine direkte Erkenntnis Gottes gewinnen kann,  mit der formgeschichtlichen Forschung, die nachweist, dass im NT  keine historischen Berichte, sondern "nur" Glaubenszeugnisse  vorliegen.
Hier ist die Gefahr gegeben, dass der hermeneutische Bogen, den Bultmann von der Vergangenheit in die Gegenwart schlagen will, schon in seinem Ansatz, beim Übergang vom historischen Jesus zum kerygmatischen Christus, zerbricht. Wo ein geringes Interesse an der Frage nach dem geschichtlichen Grund der Verkündigung von Jesus Christus in der Verkündigung der Person Jesu selbst besteht, wo es "gewesen sein möge, wie es wolle", droht der Zusammenhang zwischen irdischem Jesus und gepredigtem Christus zu zerreißen: Weshalb sollte denn nicht auch die Voraussetzung des Kerygmas ein Mythos sein? Wird nicht im Festhalten am bloßen "Dass" das Kerygma zu einer allgemeinen, zeitlosen Wahrheit? Kann man sich dann noch auf die Geschichte berufen? Wie kann eine nackte Heilstatsache, ein "inhaltsleeres Paradox" den Glauben hervorrufen?

Die "Austauschbarkeit" Jesu Christi

Die Reduktion der Bedeutung Jesu auf das "Dass" seiner Existenz ist für Bultmann möglich, da Jesu Heilsbedeutung sich reduziert auf die paradoxe Aussage "Dieser Mensch ist Sohn Gottes". Dieses unbewiesene Paradox nötigt mich zum ungeschützten Glauben, der mein neues Selbstverständnis ausmacht.
Dadurch ist aber Jesus als der Offenbarer prinzipiell austauschbar. Auch ein anderes Paradox könnte, mit dem entsprechenden Glaubensruf vorgetragen, diese Funktion erfüllen.
Darin zeigt sich wieder die Priorität der Anthropologie: Abseits von Jesus Christus wird festgestellt, worin das Heil besteht und wie wir zu ihm kommen. Deshalb ist Jesus Christus im Prinzip auch ersetzbar

Methodendualismus

Das schon festgestellt Miteinander von historischer Kritik und Glauben führt bei Bultmann zu einer Zweigleisigkeit: Auf der einen Seite hat er das NT historisch-kritisch durchforscht wie kaum einer - auf der anderen Seite behauptet er, dass der Prediger die Bibel nicht anders vor sich liegen habe denn als "das gedruckte vom Himmel gefallene Buch", und dass ihn alles, was er historisch-kritisch über ihre Entstehung wisse, in diesem Moment nichts angehe. Dieser Methodendualismus führt zu einer Doppelung der Gestalt Jesu in einen historischen Jesus und einen kerygmatischen Christus (hierzu ein Bild von R.Bohren: "Nachdem er den Text historisch-kritisch beerdigt hat, soll er ihn existential wieder auferwecken").

Verlust des narrativen Elements

Was in Bultmanns Theologie zu kurz kommt, ist ihre erzählende Seite: Immer gelangt die Theologie an den Punkt, an dem sie nicht nur verkündigt, sondern auch erzählt; und zwar immer dieselbe Geschichte: Die Geschichte Jesu von Nazareth, sein Weg vom Jordan bis Golgatha. Allerdings hat sie die Geschichte jeweils anders zu erzählen, und zwar immer so, dass sie zur Antwort auf die Frage der jeweiligen Zeit wird, und damit den Menschen hilft, ihre eigene Geschichte zu bestehen.


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