Dienstag, 19. Juli 2011

Wolfhart Pannenberg


Wolfhart Pannenberg wurde 1928 in Stettin geboren, hatte eine Professur für systematische Theologie in Wuppertal, Mainz und München. Wichtige Werke:
- Offenbarung als Geschichte
- Grundzüge der Christologie (1964)
- Ethik und Ekklesiologie. Ges. Aufsätze (1977)
- Anthropologie in theol. Perspektive (1983)
- Grundfragen systemat. Theologie (1980)
- Wissenschaftstheorie und Theologie (1987)
- Metaphysik und Gottesgedanke (1988)
- Systemat. Theologie Bd. 1 (1988)

Offenbarung als Geschichte - Gottes Geschichte in der Geschichte

Pannenbergs erster gegen die existentiale Theologie gerichteter Aufsatz trägt den Titel "Heilsgeschehen und Geschichte" (1959) und beginnt so: "Geschichte ist der umfassendste Horizont christlicher Theologie. Alle theol. Fragen und Antworten haben ihren Sinn nur innerhalb des Rahmens der Geschichte, die Gott mit der Menschheit und durch sie mit der ganzen Schöpfung hat, auf eine Zukunft hin, die vor der Welt noch verborgen, in Jesus Christus jedoch schon offenbart ist." Das ist Pannenberg theol. Programm "in nuce".
Pannenberg kämpft dabei in einer doppelten Frontstellung: Zum einen richtet er sich gegen die existentiale Theologie des Kreises um Bultmann und Gogarten; zum anderen gegen die heilsgeschichtliche Theologie. Er wirft beiden vor, dass sie vor der Bedrohung des christlichen Glaubens durch die hist.-krit. Forschung fliehen. Die heilsgeschichtliche Schule flüchtet sich in eine Art "Übergeschichte". Die existentiale Schule zieht sich auf die "Bedeutsamkeit" der Geschichte und auf die "Geschichtlichkeit"
des Einzelnen zurück. Gerade an letzterer kritisiert Pannenberg, dass bei ihr ganz im Zuge der Neuzeit der Mensch an die Stelle Gottes tritt und zum Träger der Geschichte wird, ja diese in seine Subjektivität hineinreißt. Geschichte nur noch als Lebensäußerung des Menschen. "Die letzte Spitze" dieses radikalen Humanismus bildet "die Emanzipation der Geschichtlichkeit von der Geschichte". Wie nun dieses Dilemma lösen?

Wenn die Offenbarung Gottes in einem geschichtlichen Geschehen der Vergangenheit verborgen liegt, dann kann es zu ihr keinen anderen Zugang geben als durch die hist. Forschung und dann muss die Wahrheit des Historikers auch "irgendwie auf die der Gottesgeschichte bezogen sein". Daher ist Pannenberg Ausgangspunkt die faktisch geschehene Geschichte in ihrer Priorität vor allem Glauben und Verstehen.
Pannenberg geht dabei aus von dem Postulat der Einheit der Geschichte. Die Konzeption einer Einheit dieser Geschichte erfordert nach Pannenberg zwei Voraussetzungen:
- Die Einheit der Geschichte muss transzendent begründet sein  (Innerhalb der Kontingenten Ereignisse der Geschichte muss es  einen universalen Sinnzusammenhang geben. D.h. dass es ohne den  Gottesgedanken keine Einheit der Geschichte gibt. Der Historiker kann ohne den Gottesgedanken nicht auskommen).
- Die Geschichte muss ein Ende haben (Wir können die Geschichte  nur von ihrem Ende her als ganze erfassen. Sonst würde immer  die unberechenbare Zukunft vor uns liegen.). In Jesus Christus  ist die Vollendung der Geschichte bereits eingetreten. "Denn:  An ihm ist mit der Auferstehung von den Toten bereits geschehen, was allen anderen Menschen noch bevorsteht." Deshalb ist  von Jesus Christus her die Geschichte schon zu überschauen.
Auch bei Pannenberg (vgl. Moltmann) spielt die jüd. Apokalyptik eine wichtige Rolle. Sie konzipiert eine universale Geschichte, in der sich Gott in seinen Geschichtstaten fortschreitend offenbart und erst am Ende endgültig als der eine und einzige Gott in Erscheinung tritt.
Pannenberg sucht nun in einer Art Rückschlußverfahren die Selbstoffenbarung Gottes indirekt "im Spiegel seiner Geschichtstaten" zu erkennen. Die Texte der Bibel sind daher nach dem hist. Ort zu befragen, den sie im Kontext dieser Geschichte Gottes einnehmen. So betrachtet er AT und NT unter dem Schema von Weissagung und Erfüllung und rettet sich über deren bekanntes Dilemma mit dem theol. Argument, dass die AT-Verheißungen von Gott nur anders erfüllt worden seien, als ihre ersten Empfänger sie verstanden hätten. Nur im Rahmen der Verheißungsgeschichte Gottes mit Israel ist das Geschick Jesu für uns verständlich; nur in ihrem Licht erweist sich Jesus als die Offenbarung Gottes.
Pannenberg universale Theologie der Geschichte unterscheidet sich von der herkömmlichen heilsgeschichtlichen Theologie dadurch, "dass sie prinzipiell historisch verifizierbar sein will". Die Geschichtsoffenbarung Gottes ist "jedem, der Augen hat zu sehen, offen". "Man muss keineswegs den Glauben schon mitbringen, um in der Geschichte Israels und Jesu Christi die Offenbarung Gottes zu finden". Die hist. Kenntnis der Tatsachen (= Vernunft) gilt hier als Voraussetzung für den Glauben. Menschen, die diese offenbare Wahrheit nicht sehen, bezeichnet Pannenberg als "seltsamerweise Verblendete".
Pannenberg mutet dem Historiker die Beweislast dafür zu, dass in Jesus Christus die Offenbarung Gottes stattgefunden hat. Auch die Historizität der Auferstehung lässt sich beweisen. Das Argument der grundsätzlichen Gleichartigkeit der Geschichte lässt Pannenberg nicht gelten, da sich sonst nichts Neues in dieser ereignen würde.
Pannenberg will in seinem universalhistorischen Entwurf die Universalität des biblischen Gottes durch die unbeschränkte Ausdehnung der hist. Forschung erweisen und auf diese Weise den christlichen Glauben für unsere Zeit geistig bewähren. Mit Pannenberg und seinen fast gleichaltrigen Freunden (v.a. R.Rendtorff und U.Wilckens) meldete sich so die "dritte Generation" (der Theologen des 20.Jhdts.) zu Wort, die behauptete, dass die ganze Geschichte eine Geschichte Gottes sei und dies auch beweisen wollte. Angesicht von Marxismus und "Tod Gottes" schien Gott gerettet.

Zur Kritik an Pannenberg:
- Zu Pannenbergs Deutung der Auferstehung. Alles Neue in der  Geschichte bleibt insofern gleichartig, als es immer im Horizont des Todes geschieht. Die Neuheit der Auferstehung ist  somit eine völlig andere als die der Neuheiten der Geschichte.  Pannenberg nimmt also weder den Tod als Ende des Lebens noch  die Auferstehung als wirklichen Neuanfang wirklich ernst im  Sinne der Bibel.
- Pannenberg nimmt eine mittlere Position zwischen Barth und  Bultmann ein. Während Barth oben in der Ewigkeit anhebt und  Bultmann unten beim Kerygma, steht Pannenberg festen Fußes in  der geschehenen Geschichte.  Conzelmann zu Pannenberg:  "Behauptung hin oder her, das Unternehmen läuft auf einen neuen  Versuch hinaus, den Glauben durch hist. Fakten zu begründen.  Ich verstehe nur nicht, warum man das nicht wahrhaben will. Aus  einem letzten Respekt vor Lessing - oder einer letzten Angst  vor Bultmann?"

Zur Christologie

Pannenberg konzipiert seine Christologie als Reaktion auf die "Wort-Gottes-Theologie". Sie ist gegen die existentiale Theologie gerichtet (s.o.).
Pannenberg versteht seine Christologie als "Christologie von unten", die bei der Wirklichkeit der Geschichte Jesu ansetzt, bei seinem "Geschick" (nicht bei seinem Glauben oder seinem Vollmachtsanspruch). Eine "Christologie von oben" als Gegensatz setzt bei der Inkarnation an und macht erst dann Leben und Tod Jesu zum Thema.
Jesu Handeln und Geschick (Leben, Tod und Auferstehung) machen das Wesen der Menschen und ihre endgültige Bestimmung offenbar: Jesu Handeln ist bereits jetzt Anteilgabe an seinem besonderen Verhältnis zu Gott. Jesu Auferstehung zeigt, dass die Menschen das Leben der Auferstehung haben sollen. Damit wird die Auferstehung zum Schlüssel der Christologie Pannenbergs: Sie ist Vorwegnahme des Ziels der Universalgeschichte.

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