Donnerstag, 28. Juli 2011

Vorverständnis und Anknüpfungspunkt


Der Mensch, der der Geschichte begegnet, begegnet ihr nie rein objektiv. Er tritt immer schon mit bestimmten Fragen an einen Text heran. Um Fragen zu können, muss ihn ein bestimmtes Interesse leiten. Die Interpretation setzt ein - wie auch immer geartetes - Verhältnis zu der Sache voraus, die im Text zur Sprache kommt. D.h. die Subjektivität des Historikers ist ein nicht auszulöschender, notwendiger Faktor (Bsp.: "Platon versteht nur, wer mit ihm philosophiert").
Dieses Verhältnis zur Sache, die im Text zu Wort kommt, ist nie neutral, sondern immer nur in einer bestimmten "Ausgelegenheit" vorhanden. Dieses bezeichnet Bultmann als "Vorverständnis". Ohne ein solches gibt es keine Kommunikation zwischen Text und Ausleger (Bsp.: Ich muss ein Vorverständnis für Liebe, Sünde, Vergebung usw. - als meine eigenen Möglichkeiten - haben, wenn ich überhaupt verstehen soll, was mir davon in einem Text gesagt wird: "Wir wissen darum, wie man von Liebe und Freundschaft wissen kann, auch wenn man nicht Liebe gefunden hat, keinem Freund begegnet ist...Wir wissen darum - und wir wissen es doch erst eigentlich, wenn die Liebe geschenkt wird, wenn der Freund begegnet. Aber um es eigentlich wissen zu können, ist vorausgesetzt, dass es von vornherein eine Möglichkeit des Lebens ist").
Gilt das Gesagte aber auch für Gott und die Bibel? Kann der Mensch von Gott schon ein Vorverständnis haben? Kann er zur Bibel schon im Voraus in einem Lebensbezug stehen? Kann er schon vor der Offenbarung Gottes wissen, wer Gott ist?
Barth leugnete die Möglichkeit eines solchen Vorverständnisses oder auch eines gegebenen Anknüpfungspunktes des Wortes Gottes im Menschen. Bultmann behauptet jedoch: "Der Mensch kann sehr wohl wissen, wer Gott ist, nämlich in der Frage nach ihm." In dem menschlichen Fragen und Suchen drückt sich bereits - bewusst oder unbewusst - eine Beziehung des Menschen zu Gott aus. Würde der Mensch nicht schon vor der Offenbarung in einer Beziehung zu Gott stehen, wäre er nicht schon von der Gottesfrage bewegt, er würde in keiner Offenbarung Gottes Gott als Gott erkennen.
Diese Beziehung kann sich in verschiedener Gestalt ausdrücken. D.h. sie muss keineswegs in der direkten Frage des Menschen nach Gott zum Ausdruck kommen, sie kann sich z.B. auch in der Frage nach dem Sinn der Welt oder der Geschichte artikulieren. Es ist jedoch immer die Frage des Menschen nach der Eigentlichkeit seines Daseins. Da der Mensch in allem Augenblicklichen seines Lebens noch nicht eigentlich er selbst ist, ist er immer auf die Zukunft ausgerichtet, d.h. immer auf dem Weg zu seiner vor ihm liegenden Eigentlichkeit. Indem nun der Mensch - bewusst oder unbewusst - von der Frage nach seiner Existenz bewegt wird, wird er genauso (bewusst oder unbewusst) von der Frage n. Gott bewegt: "Die Frage nach Gott und die Frage nach mir selbst sind identisch."
Hier gibt Bultmann zugleich Antwort auf die Frage nach dem Anknüpfungspunkt der Offenbarung Gottes beim Menschen: Dieser besteht nicht in einer besonderen Fähigkeit oder Empfänglichkeit des Menschen, sondern ist anders zu verstehen: Da die Existenz des Menschen als ganzer zusammengefasst ist in der Frage nach seiner Eigentlichkeit, diese Frage aber als die Frage nach Gott den Anknüpfungspunkt darstellt, gilt: "Der Mensch in seiner Existenz, als ganzer, ist der Anknüpfungspunkt."
Aber auch die menschliche Frage nach der Eigentlichkeit ist nie in reiner Form da, sondern schon immer in einer bestimmten Gestalt. ("Ausgelegenheit"); Zebu in einem Gottesbegriff, in einer Religion oder Weltanschauung, einer Ethik oder Philosophie. Mit dieser Formgebung hat nun aber der Mensch die Frage nach sich selbst und damit auch nach Gott selbst beantwortet. Das heißt nun seinerseits, dass alle menschlichen Antworten auf die Frage nach Gott und nach sich selbst "Illusionen" sind. Mit ihnen setzt er sich in Widerspruch zu Gott. In der Frage des Anknüpfungspunktes kann Bultmann deshalb auch sagen, dass der Anknüpfungspunkt der Offenbarung Gottes der Widerspruch des Menschen gegen Gott sei. Aber gerade auch die Einsicht, dass der Mensch im Widerspruch zu Gott steht, weist darauf hin, dass er bereits in einem Verhältnis zu Gott steht (auch ein verkehrtes Verhältnis ist eines).
Der Begriff des Vorverständnisses macht es Bultmann möglich, an dem total transzendentalen Charakter der Offenbarung Gottes, an ihrer Jenseitigkeit und Unverfügbarkeit festzuhalten und trotzdem die Kontinuität der geschichtlichen Existenz des Menschen nicht durch die göttliche Offenbarung zerbrechen zu lassen. Der Ort ist die Bestimmung des Menschen zu Selbst, die sich in der Frage nach seiner Eigentlichkeit ausdrückt und dort immer wirksam ist. In der Begegnung mit der Offenbarung in Christus wird das Vorverständnis des Menschen von Gott ins Bewusstsein gehoben, kritisch aufs Spiel gesetzt, negativ seiner Verkehrtheit überführt und positiv zur Erfüllung gebracht.
[Die Frage wäre hier zu stellen, ob Bultmann nicht unsauber das "Verhältnis zur Sache", das mit der Fraglichkeit der menschl. Existenz ja gegeben sein mag, mit dem für das Verstehen notwendigen Vorverständnis identifiziert. Im Vorverständnis brauche ich eine irgendwie hinreichende positive Übereinstimmung mit dem Verständnis der Sache, wie es der Text bietet. Gerade in der Frage nach der eigenen Existenz (meinem Verhältnis zur Sache also) und in der dem Text entgegengesetzten Beantwortung dieser Frage gibt es aber nur Widerspruch, keine Übereinstimmung zw. meinem Vorverständnis und dem Verständnis des Textes von der Sache.]


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