Montag, 25. Juli 2011

Tillichs ontologischer Gottesbegriff


Der ontologische Gottesbegriff

Tillich geht in seiner gesamten Theologie von bestimmten ontologischen Grundeinsichten aus:

In Anlehnung an Schellings Identitätsphilosophie bestimmt er Gott als den Grund allen Seins, als das Sein-Selbst oder auch als die "Macht des Seins". Dies hebt hervor, dass Gott als die Macht des Seins, die jedes Seiende und die Totalität alles Seienden transzendiert, nicht als etwas Seiendes, als "Wesen" gefasst werden kann, sondern alles Seiende transzendiert. Tillich bringt diesen Gottesbegriff auch in der Rede von Gott als dem Unbedingten oder dem Absoluten zum Ausdruck.
Eine Folge dieses Gottesbegriffs ist, dass alle objektbezogene Sprache, die Gott versucht zu beschreiben, an Gott vorbeigehen muss. Gott ist nicht als Objekt zugänglich.
Hinter diesem Ansatz steht der klassisch theologische Begriff der
Aseität Gottes, seines Aus-Sich-Selbst-Hergeleitet-Seins. Gott ist durch nichts bedingt, es gibt keinen Grund, der vor ihm war, noch irgendetwas, das ihn begrenzen oder ihm Widerstand leisten könnte. Er ist das, was er ist, durch sich selbst.

Gott ist aber nicht nur für sich. Er ist zugleich der der wirkende Grund in allen endlichen Strukturen und Beziehungen. Gott ist der Grund alles Seienden. Diese ontologische Aussage beschreibt, was die Bibel das Schöpfersein Gottes nennt. Gott ist also schöpferisch, weil er Gott ist.
So drückt die Aussage von Gott als dem Grund des Seins die schöpferische, erhaltende und vollendende Nähe Gottes zu allem Seienden aus, seine Immanenz. Diese Wendung des Gottesbegriffs von der Transzendenz zur Immanenz ist die Grundlage des für Tillich wichtigen Gedankens der analogia entis. Gottes Immanenz ist zugleich die Voraussetzung aller Rede von Gott. Und so ist die Lehre von der Schöpfung die grundlegende Aussage über die Beziehung zwischen Gott und der Welt, über eine ständige Qualifiziertheit des Seienden, und ist somit unabdingbare Voraussetzung der Versöhnungslehre.
Diese Immanenz Gottes in der Welt durch seine Schöpfertätigkeit bildet die ontologische Voraussetzung für d. Korrelationsmethode und für die symbolhafte Rede von Gott (s.u.).

Der Gottesbegriff Tillichs lebt damit von einer grundlegenden Spannung: Gott ist einerseits als der Grund allen Seins ganz anders als alles Sein, er transzendiert jedes Seiende. Zugleich ist er als Grund des Seins in jedem Sein selbst gegenwärtig. So können Tillich zugleich die Allgegenwart Gottes und seine totale Jenseitigkeit festhalten.

Abschließend ist zu betonen, dass es für Tillich gerade dieses ontologische Fragen nach dem Sein Gottes ist, das unweigerlich vollzogen werden muss, damit die Theologie nicht auf eine Wiederholung und Systematisierung von Bibelworten reduziert wird. Er spricht gar von einer potentiellen Ontologie in der Bibel.


Der prophetische (protestantische) Protest

Beim prophetischen Protest handelt es sich um den Protest gegen die Unbedingtsetzung eines Bedingten. Diesen Protest sieht Tillich in der Reformation wieder aufgebrochen, da die Wiederentdeckung der Rechtfertigung allein aus Gnade Protest gegen gegenwärtige und handhabbare Heiligkeit und Absolutheit bedeutet. Deshalb kann Tillich den prophetischen Protest auch protestantisch nennen (Diesen Protest teilt Tillich mit der dialektischen Theologie).
Er richtet sich gegen die Religion und jede weltliche Erscheinung, die sich selbst verabsolutiert. Er ist kein Privileg der Kirche. So sah Tillich z.B. im 19.Jhdt. bei Nietzsche und bei Marx den prophetischen Geist hervorbrechen, beide Male unter dem Zeichen des Kampfes gegen das Christentum.
Es gehört für Tillich zur Wahrheit jeder Religion, die immer in der Gefahr stehen, die eigene Position mit derjenigen Gottes gleichzusetzen, sich unter das Gericht der prophetischen Kritik zu stellen. Gerade im Eingeständnis der eigenen weltlichen Zweideutigkeit gewinnt eine Religion Wahrheit (auch dies ein Gedanke der dialektischen Theologie).
Der prophetische Protest kann nur gelingen, weil und wenn er vom Unbedingten ausgeht. Das Unbedingte ist nicht greifbar, aber es ergreift. Religion ist nichts anderes als das, was uns unbedingt angeht oder reines Ergriffensein durch das Unbedingte. Es ist die Dialektik des Unbedingten, dass es konkret präsent, aber nicht fassbar ist. Da der Glaube mit dem Unbedingten zu tun hat, es aber nicht in den Griff bekommt, entsteht für das Denken des Glaubens die Schwierigkeit, wie die Inhalte des Glaubens ins Bewusstsein gehoben und zur Sprache gebracht werden können, so dass das Unbedingte in Sicht kommt, ohne verfügbar zu werden.


1 Kommentar:

  1. "Wenn eine Gans sich einen Gott erdichtet, dann muss er schnattern."
    Michel de Montaigne

    Schöne Grüsse aus der www.freidenker-galerie.de
    Rainer Ostendorf

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