Montag, 25. Juli 2011

Tillichs Christologie


Erst nach der anthropologischen Vorarbeit, die die Entfremdung der menschl. Existenz von ihrer Essenz herausgearbeitet hatte (vgl. -> "Tillichs Anthropologie"), setzt die eigentliche Christologie ein. Sie steht unter dem Leitmotiv: Das Neue Sein ist in Jesus als dem Christus erschienen (vgl. 2.Kor.5,21).


Das neue Sein in Jesus, dem Christus

In Jesus als dem Christus erscheint das Neue Sein, das wahre, wesenhafte Sein unter den Bedingungen der Existenz, richtet und überwindet sie. Jesus als der Christus zeigt den unter den Bedingungen der Existenz Lebenden, was der Mensch essentiell ist und darum sein sollte. Er repräsentiert das wesenhafte Menschsein, die Einheit zwischen Mensch und Gott. "Das Paradox der christlichen Botschaft besteht darin, dass in einem personhaften Leben das Bild wesenhaften Menschseins unter den Bedingungen der Existenz erschienen ist, ohne von ihnen überwältigt zu werden".
"Das Neue Sein ist das essentielle Sein unter den Bedingungen der Existenz, das Sein, in dem die Kluft zwischen Essenz und Existenz überwunden ist."
Verkürzt kann Tillich auch von wesenhafter Gott-Mensch-Einheit in der Existenz sprechen, die deshalb als paradox bezeichnet wird, weil sie gegen alle Erfahrung des Menschen von sich und seiner Welt steht und daher Ausdruck einer neuen Wirklichkeit ist.
Diese Position ähnelt stark der Position Schleiermachers, der von einem unübertreffbaren Gottes-Bewusstsein in Jesus spricht und diesen als Urbild dessen, was der Mensch wesenhaft ist und wovon er abgefallen ist, bezeichnet. Tillich bestreitet das keineswegs, betont aber, dass sein Begriff "wesenhafte Gott-Mensch-Einheit" beide Seiten dieser Beziehung gleichmäßig hervorhebt, während bei Schleiermacher die menschliche Seite überwiegt. "Jesus als der Christus ist sowohl ein historisches Faktum als auch der Gegenstand gläubiger Aufnahme."
Das grundlegende Ereignis des Christentums beruht auf einem Namen und auf einem Titel. Der Name Jesus von Nazareth weist auf die konkrete menschliche Existenz hin, in der die mit dem Titel "Christus" bezeichnete wesenhafte Gott-Mensch-Einheit erschienen ist.


Die kosmisch-universale Bedeutung Christi

Erst indem Christus in seinem personhaften Sein Gemeinschaft gründet, kann es den Widerspruch der Existenz überwinden, denn nur im Miteinander von Personhaftigkeit und Gemeinschaft wird der Bruch der polaren ontologischen Elemente Individuation und Partizipation geheilt. Die Bedeutung des Christus ist jedoch zunächst auf die historische Menschheit beschränkt, ist er ja unter den Bedingungen menschlicher Existenz erschienen und macht die ewige Beziehung Gottes zum Menschen offenbar. In anderen Bereichen des Universums, zu anderen Zeiten sind andere Manifestationen möglich. Jedoch ist festzuhalten: Nur im Menschen, in dem die Existenz am radikalsten ist, auf Grund seiner Freiheit, kann die Existenz überwunden werden. Allerdings sind in ihm alle Schichten des Seins gegenwärtig, so dass das ganze Universum in der Form wechselseitiger Teilnahme an dem partizipiert, was dem Menschen widerfährt. Denn auch das Universum muss an der Erlösung partizipieren, sonst wäre es unweigerlich der Selbstzerstörung preisgegeben.
In diesem Sinne hat die Geschichte der Menschheit in Christus ihr Ziel erreicht, wenn sie natürlich auch noch nicht aufgehört hat. Es kann in einem qualitativen Sinn vom Ziel der Geschichte geredet werden, weil mit dem Erscheinen des Christus das Neue Sein geschichtliche Wirklichkeit wurde. Quantitativ ist diese Verwirklichung jedoch noch nicht zu Ende, "denn sie ist in die Verzerrungen und Zweideutigkeiten der Existenz hineingezogen".
"Der Christus ist kein isoliertes Ereignis im Sinne des "es war einmal", sondern er ist die Macht des Neuen Seins, das in aller vorhergehenden Geschichte seine letztgültige Manifestation in Jesus als dem Christus vorbereitet und in aller folgenden Geschichte aufgenommen und verwirklicht wird."


Das neue Sein und das Gesetz

Die Erlösung ist der Gehalt der Aussage in 2.Kor.5, 17: "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur." Es ist deshalb neues Sein, weil es die alte Situation unter dem Gesetz überwindet. Das Gesetz ist für Tillich "das essentielle Sein des Menschen, das gegen seine Existenz steht, indem es gebietet und richtet." In dem Grad wie das essentielle Sein in die Existenz hineingenommen und in ihr verwirklicht wird, hat das Gesetz aufgehört Gesetz zu sein. Dies korrespondiert mit der Aussage des Paulus, dass Christus das Ende des Gesetzes ist (Röm.10, 4). "Wo Neues Sein ist, gibt es kein Gebot und kein Gericht."
"Gäbe es kein personhaftes Leben, in dem die existentielle Entfremdung überwunden ist, dann würde das Neue Sein eine Forderung und eine Erwartung sein und nicht Wirklichkeit in Raum und Zeit."


Christus und der historische Jesus

Genauso wichtig wie die Erscheinung des neuen Seins in der Existenz ist aber auch die Tatsache, dass Jesus als der Christus aufgenommen wurde. Ohne die gläubige Aufnahme wäre Jesus allerhöchstens eine bedeutende historische Persönlichkeit geworden, aber niemals die letztgültige (und wirksame) Manifestation des Neuen Seins selbst (vgl. den Zusammenhang zw. objektiver und subjektiver Offenbarung). Daher kann Tillich auch behaupten, dass das Christentum in dem Augenblick entstanden ist, als einer der Jünger zu Jesus sagte: "Du bist der Christus." Er kann in diesem Zusammenhang auch sagen, dass der Christus ohne die Kirche nicht der Christus ist. Ein reales Ereignis veranlasste seine Anhänger das ihnen bekannte Symbol der Auferstehung zu seiner Beschreibung zu verwenden.
Wir erfahren von diesem Neuen Sein in Jesus Christus aus dem Neuen Testament. Es enthält das Bild des Christus als Ergebnis der Aufnahme des Neuen Seins durch die ersten Zeugen. "Es repräsentiert die aufnehmende Seite jenes Ereignisses und bezeugt seine faktische Seite."
Wenn das Sein Christi auch durch die Aufnahme erst zustande kommt, dann kann es nicht angehen, sich vom Sein des Christus auf seine Worte zurückzuziehen. Sie haben wohl Macht, aber nur deshalb, weil der, der sie ausspricht, der Träger des Neuen Seins ist. Ähnliches gilt für die sonstigen Äußerungen des Christus, die im Neuen Testament geschildert sind. Sein Handeln und Leiden sind "lediglich" Manifestationen seines Charakters als des Christus (-> Eine Begründung des Glaubens allein im historischen Jesus ist nicht möglich).

Tillich unterstreicht, dass das biblische Bild des Christus drei Dinge betont:
- die völlige Endlichkeit des Christus,
- die Echtheit der Versuchungen,
- den Sieg über die Versuchungen.
Diesbezüglich gilt es hervorzuheben, dass Jesus als der Christus, da er endliche Freiheit ist, realen Versuchungen ausgesetzt war. Auch Leben in der Einheit mit Gott ist der Polarität von Unerfülltheit und Erfülltheit ausgesetzt und ist somit nie ohne die Gefährdungen, die daraus folgen. Somit besteht stets die Gefahr der Konkupiszenz, wie sie auch für den Christus bestand. Wäre er der Versuchung erlegen, hätte er aufgehört der Christus zu sein (vgl. Hebr.4, 15: "versucht allenthalben wie wir, jedoch ohne Sünde").
Seine Entscheidungen gegen die Versuchung waren allerdings keine zufälligen Entscheidungen, sondern sie standen, wie es bei allen menschlichen Entscheidungen der Fall ist, unter Gottes lenkendem Schaffen (Vorsehung). Dies wirkt durch die menschliche Freiheit hindurch. Tillich kann auch sagen, dass die Versuchungen Jesu als des Christus aus der Einheit mit Gott heraus überwunden wurden.

Insgesamt geht es Tillich bei der Betrachtung dieser drei biblischen Aspekte darum, die völlige Menschheit im Ereignis Jesus als der Christus zu betonen (Gegen eine hohe Christologie, die die Gottheit zu Ungunsten einer vollen Menschheit hervorhebt). Dazu verweist er auch auf dessen menschliche Irrtumsfähigkeit, Machtlosigkeit u.ä. Ferner betont Tillich die Verwobenheit Jesu als des Christus mit der Tragik der Schuld, insofern er seine Feinde unausweichlich schuldig werden ließ (es kann darum in gar keiner Weise von einer Schuld der Juden als Repräsentanten des Gesetzes geredet werden).


Kreuz und Auferstehung als die zentralen Symbole

Tillich unterscheidet in der Interpretation des NTs zwischen historischen, legendären und mythisch-symbolischen Elementen in den Texten, wobei vor allem letztere die kosmische Bedeutung des Ereignisses Jesus als der Christus hervorheben. Es gibt zwei zentrale Symbole, die in ihrer Beziehung zueinander die universale Bedeutung Jesu als des Christus zum Ausdruck bringen: das Kreuz des Christus und die Auferstehung des Christus. "Sie entsprechen den zwei grundlegenden Beziehungen des Christus zur existentiellen Entfremdung": Seine Unterwerfung unter die Bedingungen der Existenz wird im Symbol des Kreuzes ausgedrückt, sein Sieg über die Existenz, d.h. sein Bewahrt-Werden vor der Verfallenheit an die Existenz, im Symbol der Auferstehung. Die Auferstehung ist so der Sieg des Neuen Seins über die zerstörerischen Mächte. Damit ist der Riss zw. Existenz und Essenz überwunden.

Natürlich gibt es zu beiden mythologische Entsprechungen, die die Verfasser des Neuen Testaments beeinflusst haben. Dennoch sind die beiden Symbole für Tillich zugleich Ereignisse. Die Bedeutung eines Symbols beruht ja gerade auf seiner Verbindung von Faktum und Symbol. "Ohne das faktische Element würde der Christus nicht an der Existenz teilgenommen haben und hätte darum nicht der Christus sein können."
Während das Kreuzigungsgeschehen als historisch sehr wahrscheinlich nachgewiesen werden kann, ist es beim Geschehen der Auferstehung vielmehr der Glaube daran, der durch das Ergriffensein durch die Macht des Neuen Seins gegründet ist und die Gewissheit des Sieges über die letzte Konsequenz der existentiellen Entfremdung, über den Tod, verbürgt. Tillich spricht von einer spirituellen Gegenwart Christi, der der Geist ist. "In dieser Weise ist das konkret-individuelle Leben des Menschen Jesus von Nazareth über seine Vergänglichkeit in die ewige Gegenwart Gottes hinaufgehoben."
Tillich nennt seine Theorie der Auferstehung "Restitutionstheorie". Im Gegensatz zu physikalischen, spiritistischen und psychologischen Theorien stellt er die Erfahrung der Jünger und ihrer Nachfolger, dass die Macht des Neuen Seins in Jesus als dem Christus sie aus Negativität und Verzweiflung befreit hat, in den Mittelpunkt. So ist Auferstehung die Restitution Jesu zum "Christus", eine Restitution, die in der nie verlorenen Einheit zwischen Jesus und Gott wurzelt und im Bewusstsein seiner Jünger sich ereignet hat.
Die Wirklichkeit des Neuen Seins wird also durch den Glauben, der ein Akt des wagenden Mutes ist, verbürgt. Seine Existenz ist identisch mit der Gegenwart des Neuen Seins, weil er durch dessen Überwindung der existentiellen Entfremdung überhaupt erst ermöglicht wird.


Einordnung der Christologie Tillichs in klassische Schemata

Tillich möchte ausdrücklich nicht von "Inkarnation" reden, wenn dadurch die Gefahr der Behauptung "Gott ist Mensch geworden" entsteht. Denn das einzige, was Gott nicht tun kann, ist aufzuhören, Gott zu sein. Es ist sinnvoller von Inkarnation zu reden als "Botschaft, dass Gottes erlösende Teilnahme an der menschlichen Situation in einem personhaften Leben offenbar geworden ist". Darin sind für Tillich auch adoptionistische Elemente enthalten, die unterstreichen, dass es sich bei Jesus als dem Christus nicht um ein verwandeltes göttliches Wesen handelt, das auch gar keine Möglichkeit hätte, vollständig an der Situation der Existenz teilzunehmen und darin diese zu überwinden.
Christus ist das Urbild des erlösten Menschen, der ganz vom Logos durchdrungen ist. Damit handelt es sich bei Tillichs Christologie um eine Aufnahme der klassischen Logoslehre als die Lehre von der Identität des absolut Konkreten mit dem absolut Universalen. Da aber zu unterscheiden ist zw. dem ewigen Logos und seiner Manifestation in Christus vertritt Tillich vollständig das Interesse des Extracalvinisticums.
Person und Werk Christi gehören für Tillich zusammen, sein Sein ist das erlösende Handeln Gottes. In ihm ist Offenbarung,
als entfremdetes Sein überschreitende und somit heilende Manifestation des Seinsgrundes.

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