Montag, 25. Juli 2011

Tillichs Anthropologie


Gemäß der Methode der Korrelation geht Tillich bei seinen christologischen Erwägungen von der menschlichen Existenz aus. Tillich selbst bezeichnet die Christologie als eine Funktion der Soteriologie und verdeutlicht damit, weshalb das Problem der menschlichen Existenz quasi den Ausgangspunkt der christologischen Erwägungen bildet: "Das Problem der Soteriologie schafft die christologische Frage und weist in die Richtung, in der die christologische Antwort gegeben werden muss."


Kluft zw. Potentialität und Aktualität, zw. Essenz und Existenz

"Existieren" bedeutet, dass etwas im Bereich der Wirklichkeit steht, dass es aus dem absoluten Nichtsein und aus dem Grund des Seins "heraussteht" (eksistiert). Gerade die Bedeutung des "Herausstehens" macht für Tillich deutlich, dass etwas, das existiert, gleichzeitig in beidem, dem Sein und dem Nichtsein steht.
Tillich übernimmt zur Charakteristik des Seins die aristotel. Unterscheidung zw. Potenz und Akt: Wenn etwas existiert, so hat es aktuelles Sein. Es hat den Zustand der reinen Potentialität überwunden. Aber selbst potentielles Sein ist nicht nichts, es hat den Stand einer realen Möglichkeit. Als Aktuelles steht das aktuelle Sein im relativen Nichtsein, in der Potentialität, und steht zugleich heraus aus ihm.

Die Kluft zwischen Potentialität und Aktualität stellt einen Zwiespalt in der Wirklichkeit dar. Dabei geht es um die Entdeckung, dass die Wirklichkeit aus zwei Ebenen besteht. Tillich nennt sie die essentielle und die existentielle Ebene. Die Essenz beschreibt, was der Mensch sein soll, die Existenz, was er ist. Die Existenz ist Sein zwischen Aktualität und Potentialität, das deshalb immer zugleich mit dem Nichtsein verbunden ist. Die Essenz dagegen ist als rein potentielles Sein wahres Sein, sie steht in Verbindung mit dem Grund des Seins.

Tillich nimmt hier offensichtlich Gedanken aus Platons Ideenlehre auf und verknüpft diese mit der Unterscheidung des Aristoteles und wendet sie neuzeitlich existenzial-ontologisch auf die Existenz des Individuums an.


Der Fall als Übergang von der Essenz zur Existenz

Auf dem Hintergrund dieser philosophischen Gedanken wird der "Fall" für Tillich zum Symbol für die universale menschliche Situation. Als positiv verstandenen Mythos interpretiert Tillich Gen.1-3 als Beschreibung des Übergangs vom essentiellen zum existentiellen Sein und gibt der Erzählung von Schöpfung und Fall damit eine umfassende anthropologische Bedeutung. Damit gewinnt die Geschichte vom Sündenfall eine transhistorische Bedeutung, was er schildert ist kein historisches Ereignis, sondern eine transhistorische Bedingung menschlicher Existenz.

Die Schöpfung ist Ausdruck des Wesens Gottes. Gott ist Schöpfergott, zu seinem Wesen gehört das Schaffen.
Die Schöpfung ist gute Schöpfung, da sie Gott als reine Essenz schafft. Sie ist ein rein potentielles Sein, das in vollkommener (Willens)Übereinstimmung mit Gott steht. Das essentielle Sein der guten Schöpfung lebt in der Hinwendung zu Gott.
In dieser Schöpfung kommt es zum Fall. Voraussetzung für den Fall ist, dass der Mensch im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen Freiheit hat. Eine der Qualitäten dieser Freiheit, über die nur der Mensch als Ebenbild Gottes verfügt, ist die Möglichkeit der Abwendung von Gott, d.h. die Abwendung vom wahren Sein. Dies ist ein Akt des Unglaubens.
Die Motive für den Fall, d.h. für den Übergang von der Essenz zur Existenz, sind ebenfalls in dieser Freiheit begründet. Tillich bezeichnet die essentielle Natur des Menschen als "Träumende Unschuld". Sie hat lediglich nicht-aktualisierte Potentialität. Die Möglichkeit des Übergangs zur Existenz wird daher als Versuchung erfahren. Die träumende Unschuld treibt über sich hinaus, getrieben von der Angst vor der Bedrohung durch das absolute Nichtsein, sie drängt in die Existenz. Der Mensch "steht in der Alternative, entweder seine träumende Unschuld zu bewahren, ohne wirkliches Dasein zu erleben, oder seine Unschuld zu verlieren und Erkenntnis, Macht und Schuld dafür einzutauschen. Die Angst dieser Situation wird als Versuchung erlebt. Der Mensch entscheidet sich für die Selbstverwirklichung und beendet damit den Zustand der träumenden Unschuld." [Hinter dieser ontologischen Beschreibung steht die Erfahrung, dass gerade die Angst eine wichtige Ursache für die Sünde ist.]

Das Ereignis des Übergangs von der Essenz zur Existenz hat transhistorische Qualität. "'Adam vor dem Fall' und 'die Natur vor dem Fluch' sind Potentialitäten. Sie sind keine aktuellen (historischen) Zustände. Aktuell findet sich der Mensch stets im Zustand der Existenz ebenso wie das ganze Universum". Die Vorstellung eines Paradieses wäre absurd. Schöpfung und Fall fallen in einem Punkt zusammen, sie koinzidieren. "Die Schöpfung ist gut, aber sie ist reine Potentialität." Die aktualisierte Schöpfung verfällt den Bedingungen der Existenz.
Tillich kann deshalb die Essenz auch als die wahre Welt, die Existenz dagegen als die geschaffene Welt verstehen. Die Existenz ist damit ein immer durch das Nichtsein bedrohtes Sein.

Mit dieser Begrifflichkeit interpretieren Tillich die biblische Vorstellung von der Herrschaft der Sündenmacht und die altkirchliche Erbsündenlehre.

Der Mensch verfügt über die Freiheit als Möglichkeit eines totalen und zentrierten Aktes der Person. Darin ist auch seine Verantwortlichkeit begründet. Allerdings ist der sich entscheidende Mensch nie frei in seinen Entscheidungen, da alle Potentialitäten, die diese konstituieren, durch einen Gegenpol begrenzt sind: Der Mensch ist immer unterschiedlichen Faktoren und Mächten unterworfen. Das ist die schicksalhafte Seite der Existenz, die in ihrer Universalität von der Welt repräsentiert wird. Freiheit und Schicksal gehören daher zusammen. Sie gehören auch deshalb zusammen, weil es das Schicksal des Menschen ist, dass er seine Freiheit immer irgendwie wahrnehmen muss.

Es lassen sich im ganzen Universum Analogien zur Freiheit und zum Schicksal finden. Folglich lässt sich der Begriff Existenz auf das Universum wie auf den Menschen anwenden. Daher ist auch der Ausdruck "gefallene Welt" berechtigt. Die aktualisierte Schöpfung verfällt eben durch Freiheit und Schicksal dem Zustand der Existenz.


Entfremdung

Der Zustand der Existenz als Folge des Übergangs von der Essenz zur Existenz, also als Folge des Falls, wird von Tillich als Zustand der Entfremdung bezeichnet. "Der Mensch ist entfremdet vom Grund des Seins, von den anderen Wesen und von sich selbst." Die tiefere Bedeutung des Begriffs "Entfremdung" liegt darin, dass das Seiende essentiell zu dem gehört, wovon es entfremdet ist.
Entfremdung bezeichnet die tragische Schuld und das universale Schicksal. Tillich unterscheidet davon die Sünde als Element der persönlichen Verantwortung im Phänomen der Entfremdung. "Das Wort Sünde enthält das persönlich-aktive sich Wegwenden von dem, wozu man gehört."
Tillich nennen drei Merkmale der Entfremdung:
- Unglaube bezeichnet den Akt, in dem der Mensch sich von Gott  abwendet, sich von Gott entfremdet. In seiner existentiellen  Selbstverwirklichung wendet sich der Mensch seiner Welt und  sich selbst zu und verliert seine essentielle Einheit mit dem
 Grund von Selbst und Welt. Unglaube bedeutet den Verlust der  Willenseinheit mit Gott.
- Der Mensch verfügt über Selbstbewusstsein, d.h. vollkommene Zentriertheit. Das macht seine Größe aus, weshalb er "Ebenbild  Gottes" genannt wird. Aber diese Größe macht ihn auch zur  Selbstüberhebung fähig, so dass er sich selbst zum Zentrum  seiner selbst und der Welt macht. Er will seine Endlichkeit  nicht anerkennen. Das ist die Hybris, die Selbsterhebung des  Menschen in die Sphäre des Göttlichen.
- Schließlich bezeichnet Konkupiszenz "die unbegrenzte Sehnsucht, das Ganze der Wirklichkeit dem eigenen Selbst einzuverleiben". Sie steht für den grenzenlosen Charakter der Begierde  nach Erkenntnis, Sexualität und Macht.
Jedes Merkmal der Entfremdung widerspricht dem essentiellen Sein des Menschen, seiner potentiellen Vollkommenheit. Selbst-Widerspruch aber treibt zur Selbstzerstörung: Die ontologischen Grundelemente verlieren ihre essentielle Bezogenheit aufeinander und brechen in Gegensätze auseinander. Freiheit und Schicksal entarten zu Willkür und mechanischer Notwendigkeit, Dynamik und Form zu grenzenloser Vitalität und unschöpferischem Legalismus, Individuation und Partizipation in Subjektivismus und unpersönlichen Kollektivismus. Diese Strukturen der Destruktion werden als Übel bezeichnet.
Der vom Grund des Seins entfremdete Mensch verfällt nun seiner Endlichkeit, seinem Sterben müssen. Seine essentielle Angst vor dem Nichtsein verwandelt sich in die Furcht vor dem Tod. Letztlich treibt die Entfremdung zur Verzweiflung. Hier treffen alle Elemente des Übels zusammen: Angst, Schuld, Sinnverlust. "In der Verzweiflung - nicht im Tod - gelangt der Mensch an das Ende seiner Möglichkeiten (...). Sie ist der Konflikt zwischen dem, was der Mensch potentiell ist und darum sein sollte, und dem, was der Mensch aktuell ist. Die Qual der Verzweiflung ist das Gefühl, dass man für den Verlust des Sinnes der eigenen Existenz selbst verantwortlich ist und doch unfähig, ihn wiederzugewinnen."
Tillich unterscheidet dabei drei Formen von Angst vor dem Nichtsein und Verzweiflung, die jeweils in einer bestimmten Epoche dominieren:
- Die Angst vor Schicksal und Tod (-> vorherrschend in der Zeit  der alten Kirche).
- Die Angst vor Schuld und Verdammnis (-> vorherrschend im  Mittelalter und in der Reformation).
- Die Angst vor Leere und Sinnlosigkeit (-> vorherrschend in der  Neuzeit und Gegenwart).

Im Symbol des "Zornes Gottes" spiegelt sich die Erfahrung dieser Verzweiflung. Damit ist nicht etwa eine Gemütsstimmung Gottes gemeint, sondern die Tatsache, dass die göttliche Liebe gegen das steht, was gegen die Liebe steht. "Das ist die einzige Weise, in der die Liebe in dem, der sie zurückstößt, wirken kann. Indem sie dem Menschen die selbstzerstörerischen Konsequenzen seiner Verwerfung der Liebe zeigt, handelt die Liebe ihrer eigenen Natur gemäß, obgleich der Mensch, der dies erlebt, es als Drohung gegen sein Dasein erfährt". "Nur Glaube an Vergebung kann das Bild des zornigen Gottes in das Bild des Gottes der Liebe verwandeln."

Damit stellt sich die Heilsfrage als die Frage nach der Überwindung dieser Situation der Existenz. In diesem Zusammenhang bezeichnet Tillich die Lehre von der "Knechtschaft des Willens" als universales Faktum. Darin kommt die Unfähigkeit des Menschen zum Ausdruck, den Bann seiner Entfremdung zu durchbrechen, die Vereinigung mit Gott zu erreichen. Sämtliche Wege der Selbsterlösung sind zum Scheitern verurteilt. Der Mensch "muss empfangen, um handeln zu können. Neues Sein ist die Voraussetzung für neues Handeln." Damit ist das Thema der Christologie angeschlagen.

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