Freitag, 29. Juli 2011

Schöpfung, Vorsehung und Prädestination in der luther. Orthodoxie


Die Vorsehung (providentia)

Der Vorsehungsgedanke (Providentia) der luther. Orthodoxie hat verschiedene Aspekte:
- Zunächst ist er eng verknüpft mit der Schöpfungslehre und  bildet deren notwendige Ergänzung. Von dieser Seite her betrachtet ist die Vorsehung nichts anderes als die fortgesetzte  Schöpfung (creatio continuata). Ferner hat Gott nicht nur am  Anfang den Grund der Dinge gelegt, sondern er erhält sie auch  in ihrer fortgesetzten Existenz. Ohne dieses Erhaltungswirken  (conservatio) können sie nicht bestehen bzw. ihrer Natur  gemäß wirken ("non ex se et suis res creatae subsistunt: sed  portat Deus omnia verbo virtutis suae - Hebr.1,3" -> J.Gerhard,  Loci). So setzen die Existenz, die Bewegung und das Wirken des  Menschen und der Dinge das ständige Schaffen und Erhaltungswirken Gottes voraus (continuus influxus verbi creantis et conservantis). Ohne Gottes anhaltende Mitwirkung würden alle Dinge  ihr natürliches Wirkungsvermögen verfehlen (z.B.: Nährkraft des  Brotes u.ä.).
- Ebenso stehen alle Handlungen, alle Ereignisse unter Gottes  direkter und völliger Leitung und Aufsicht, d.h. nichts geschieht ohne seinen Willen. So lenkt er auch alles zu dem Ziel,  das er in seinem Ratschluss bestimmt hat. Dies bedeutet aber  keinen göttlichen Eingriff in den freien menschlichen Willen  und in die Kausalabläufe. Innerhalb von Gottes Fürsorge für die  Schöpfung nimmt der Mensch die oberste Stelle ein. So bilden  Gottes Absichten mit dem Menschen und das Ziel, das er dem  Menschen in seinem Heilsplan gesetzt hat, der Dreh- und Angelpunkt des Laufs der Welt. Der Mensch kann dabei bezeichnet  werden als eine "mundi epitome" (Zusammenfassung der Welt).  Aus dem Bibelwort "denen, die Gott lieben werden alle Dinge zum  Besten dienen" wird eine aktive Leitung des Geschehens abgeleitet, die im Unterschied zur conservatio gubernatio genannt  wird. Die gubernatio leitet sich also von Gottes Heilsplan ab.
- Die  Vorsehung  schließt  zugleich  das  Vorherwissen  (praescientia) ein. In diesem weiß Gott in einem ständigen  JETZT (in perpetuo nyn) alles. Da Gott ewig ist, ist seinem  Wissen keine zeitliche Begrenzung auferlegt. Mit diesem Vorherwissen Gottes ist zugleich sein aktiver Wille verbunden, sich  der Schöpfung und des Menschen anzunehmen. Es kann somit als  Gottes ewiger Ratschluss (decretum) hinsichtlich all dessen bezeichnet werden, was zu seiner Zeit zur Ausführung gelangt.
Die Lehre von dem Vorhersehen wurde in späterer orthodoxer Tradition in eine Anzahl verschiedener Begriffe und Definitionen aufgespalten. Es bleibt jedoch unzweifelhaft, dass diese Lehre für die gesamte lutherische Glaubensauffassung von wesentlicher Bedeutung war, denn sie prägte sowohl das allgemeine Weltbild, als auch die Frömmigkeit des Einzelnen.

Denkschwierigkeiten ergaben sich hier bei der Frage nach dem Bösen im Verhältnis zu Gott. Der calvinistische Gedanke, dass Gott nach seinem verborgenen Willen das Böse vorausbestimmt und gewirkt hat (soweit geht Luthers deus absconditus - Gedanke nicht), wird schon bei Melanchthon, für den zwei einander entgegengesetzte Willen Gottes nicht denkbar sind, abgelehnt. Dennoch wird auch in der lutherischen Orthodoxie betont, dass Gott in unterschiedlichster Weise auch bei den bösen Handlungen aktiv mitwirkt: so erhält er dabei den Menschen und seine natürlichen Fähigkeiten auf Grund seines Erhaltungswirkens; er erlaubt, dass das Böse geschieht; er verlässt den Menschen, der das Böse tut; er zieht diesem Täter eine Grenze nach seinem freien Wohlgefallen oder kann das Böse zum Guten wenden (Bsp.: In Ex.7,3 "verhärtet" Gott das Herz des Pharaos. Dies ist nicht zu verstehen als Prädestination zum Bösen, sondern als Strafe für die Unbußfertigkeit des Herrschers -> Verbindung von Praescienz und aktivem Willen Gottes).


Die Predestination (praedestinatio bzw. electio/reprobatio)

Die Probleme der Prädestination werden in der lutherischen Orthodoxie hauptsächlich im Einklang mit den Bestimmungen der Konkordienformel gelöst. Diese verwendet den Begriff Prädestination recht allgemein (den alles umfassenden Gnadenrat Gottes) und ordnet dieser die Prädestination im emgeren Sinne (die Gnadenwahl) unter.
Die Prädestination im engeren Sinne, die Gnadenwahl oder Erwählung (electio), betrifft nur die Menschen, die zum Glauben an Christus kommen und in diesem Glauben bis ans Ende bleiben. Diese Menschen hat Gott vor der Erschaffung der Welt in Christus zum ewigen Leben erwählt. Die Erwählten können zwar durch Todsünden den Hl. Geist vertreiben und sich unter den zeitlichen Zorn Gottes stellen, können aber nicht endgültig abfallen und verloren gehen.
Die Verwerfung (reprobatio) gilt denen, die bis ans Ende in Unglauben und Unbußfertigkeit verharren. Sie trifft das gerechte Urteil des ewigen Todes. Auch dies hat seinen Grund in einem ewigen decretum (Gottes ewiger Ratschluss in Verbindung mit seinem Vorherwissen).
Aber weder Erwählung noch Verwerfung sind bedingungslos (kein decretum absolutum, wie in der reformierten Orthodoxie). So erfolgt die Erwählung um Christi willen und beruht darauf, dass Gott voraussieht, wer bis ans Ende im Glauben bleibt (ex praevisa fide). Für die Verwerfung gilt analoges.
Die lutherisch-orthodoxe Prädestinationslehre bleibt also bei einer nicht rational durchgeführten Theorie stehen: Einerseits ist Gott der alleinige Grund der Erlösung des Menschen. Andererseits ist nicht Gott, sondern die eigene Bosheit des Menschen Ursache für die Verwerfung. Von der Frage nach Gottes All-Wirken nimmt man in diesem Zusammenhang deutlich Abstand, was bedeutet, dass die Thesen Luthers (de servo arbitrio) nicht voll zum Tragen kommen. Die calvinistische Vorstellung einer doppelten Predestination wird deutlich abgelehnt.

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