Dienstag, 19. Juli 2011

Protestant. Kirche, Politik und Gesellschaft


Die Entwicklung der politisch-kirchlichen Grundstimmung im deutschen Protestantismus der Weimarer Zeit ist durch folgende Momente gekennzeichnet:

Rückwärts gewandter Konservativismus

Statt die in der Weimarer Verfassung garantierte Selbständigkeit der Kirche nun als positive Chance zu verstehen, gaben die Führer des deutschen Protestantismus zunächst ihrem "tiefen Schmerz" Ausdruck, dass die "Herrlichkeit des Deutschen Reiches, der Traum der Väter" zerbrochen war, dass das deutsche Kaiserhaus, der "Bannerträger deutscher Größe" und die "fürstlichen Schirmherren" verloren gegangen waren. Insgesamt war man also konservativ eingestellt. Dies äußerte sich z.B. daran, dass
- die Mehrzahl der kirchlich gebundenen Protestanden die national-monarchische Deutschnationale-Volkspartei (DNVP) unterstützte, die niemals ein positives Verhältnis zur Weimarer  Verfassung gewonnen hat (Hoffnung auf Restauration des Kaiserreiches). Die DNVP sah in einem lebendigen Christentum die  aufbauenden und erhaltenden Kräfte, die das dtsch. Volk in  Staat, Schule und Haus bedürfe.
- offizielle evang. Gremien zwar ihre parteipolitische Neutralität betonten und mit der neuen Regierung zusammenarbeiteten, um  die kirchl. Rechte zu wahren und die Rechtskontinuität nicht  abreißen zu lassen, doch führende Persönlichkeiten, Präsides,  Generalsuperintendenten u.a. Mitglieder der Parlamentsfraktion  der DNVP waren.
- die öffentlichen Kundgebungen des Kirchentages und des Kirchenausschusses vornehmlich patriotischen Charakter trugen. Dies  ging z.B. von einer Anklage gegen den Versailler Friedensvertrag (1921, mehrmals wiederholt), über die vaterländische Kundgebung des Königsberger Kirchentages (1927), bis zum Widerspruch gegen die "Kriegsschuldlüge" (1931). Hier verband sich  konservatives und völkisches Denken miteinander.
- ca. 80% der Pfarrerschaft konservativ-national eingestellt war  und auf die Wiedergeburt des Reiches hoffte, die im Gegensatz  zu den demokratischen Kräften der Republik geschehen sollte.
- bei der Reichspräsidentenwahl 1925 Hindenburg als der Kandidat  des evangelischen Volkes empfohlen wurde.
- von evangel. Seite Protest gegen die geplante Fürstenenteignung  erhoben wurde. - die Anwendung von Röm.13,1ff auf die demokratische Regierung  umstritten blieb.
- als 1930 der "Christliche Volksdienst", der als evangelische  Parallele zum kathol. Zentrum ein positives Verhältnis zur  Demokratie suchte, mit 14 Abgeordneten in den Reichstag einzog,  protestant. Rechtskreise die "Christlich-Deutsche Bewegung"  als Abwehrfront gründeten.
So war bei den meisten Protestanten die Bindung an die Vergangenheit größer, als die Bereitschaft mit den revolutionären Kräften zusammenzuarbeiten. Diese konservative Grundhaltung im deutschen Protestantismus der Weimarer Republik hat folgende Ursachen:
- Der dtsch. Nationalismus war schon seit seinem Entstehen in  der Romantik christlich verbrämt worden.
- Die enge Bindung des Protestantismus an die Monarchie durch das  landesherrliche Kirchenregiment.
- Die starke ideologische und theologische Unterstützung des  Staates im Krieg wird nach der Niederlage nicht aufgearbeitet,  es entsteht kein Schuldbewusstsein. Stattdessen kommt es zur  Ablehnung der Weimarer Republik, die als Folge dieses unglücklichen Kriegsausgangs erlebt wird. Die Dolchstoßlegende trifft  hier auf fruchtbaren Boden.
- Das Versagen er Kirche in der sozialen Frage führt zur  Distanzierung der bürgerlich-kleinbürgerlichen Kirche von der  Arbeiterschaft und der von dieser getragenen Sozialdemokratie,  die zur tragenden Partei der Weimarer Republik wird.
Lediglich im religiösen Sozialismus (vgl. -> "Der religiöse Sozialismus") gab es eine gegen den vorherrschenden Konservativismus gerichtete Gegenströmung, die allerdings nur eine kleine Minderheit (vornehmlich von Pfarrern und Universitätstheologen) repräsentierte.

Erstarkung des kirchlichen Selbstbewusstseins

Im Laufe der 20er Jahre kam es aber zu einem charakteristischen Wechsel in der Grundhaltung der protestantischen Führer. Der rückwärtsgerichtete Konservativismus, der die Vergangenheit auf Kosten der Gegenwart glorifizierte wurde abgelöst durch ein neues kirchliches Selbstbewusstsein. Hierzu trugen bei:
- Der bedeutende Kirchenhistoriker Karl Holl (1866-1926) hatte  schon 1911 in einem Aufsatz ("Luther und das landesherrliche  Kirchenregiment") gegen das landesherrliche Kirchenregiment und  für die Freiheit der Kirche (im Rückgriff auf Luther) votiert.  1921 gibt er seinen Aufsatz neu heraus, was dazu führt, dass die  Selbständigkeit der Kirche nun zunehmend positiv als Geschenk  und als Aufgabe verstanden wird.
- Der Generalsuperintendent der Kurmark, Otto Dibelius (18801967) gab mit seinem (lila eingebundenen) Buch "Das Jahrhundert der Kirche" (1926) einer bereits einsetzenden Neubewertung der Situation wirkungskräftigen Ausdruck. Dieses Buch war  ein Bekenntnis zu den neuen Aufgaben und Möglichkeiten der  freien Kirche im weltanschaulich neutralen Staat. Angesichts  des verheerenden Zustandes des dtsch. Volkes sah Dibelius die  Aufgabe der Kirche in der Wiederaufrichtung, Kräftigung und  Neuorientierung des Volkes durch das Evangelium. Dies sollte  geschehen durch die Umsetzung christlicher Grundsätze in Politik und Gesellschaft, durch eine Durchdringung aller Lebensbereiche durch den kirchl. Einfluss. Weil nach dem Ende des  landesherrlichen Kirchenregiments nun die Kirche die Möglichkeiten hat, diese Aufgaben am Volk zu vollbringen, kann Dibelius  das Ende des Summepiskopats positiv bewerten. Fortan lautete  die Devise nicht mehr "Thron und Altar", sondern "Kirche und  Volk".
- Diese nicht mehr ganz so negative Einschätzung der Gegenwart  zeigte sich auch in der vorsichtigen Öffnung der Kirchenpolitik  für die Republik, wie sie durch Hermann Kapler, seit 1925  Präsident des preußischen EOKs und damit auch des Kirchenbundes,  vorgenommen wurde.
- Aufschlussreich ist, wie Theophil Wurm in der Abwehr des nationalsozialistischen Zugriffs auf die Unabhängigkeit der Kirche  diese als Frucht des kirchlichen Kampfes versteht. 14 Jahre  früher war die Unabhängigkeit noch als aufgenötigt empfunden  worden.
Dieses neue Selbstbewusstsein der Kirche gestattete zwar eine positive Aufnahme der kirchlichen Selbständigkeit, bedeutete aber keinesfalls eine völlige Überwindung des rückwärtsgerichteten Konservativismus.

Spaltung und Polarisierung des Protestantismus

Gegen Ende der 20er Jahre kam es zunehmend zur Polarisierung innerhalb des deutschen Protestantismus, v.a. in der Generation der jungen Theologen:
Unter der jungen Theologengeneration entstand eine über den Konservativismus der Kirchenpolitiker hinausgehende völkisch orientierte Theologie, die bei Ablehnung aller liberaler und demokratischer Prinzipien den politischen Konservativismus mit einem volksmissionarischen Ansatz verbinden konnte. Das deutsche Volk sollte nun christlich durchdrungen werden. Zugleich sollten alle undeutschen Elemente aus der Theologie verbannt werden. Die vorsichtige Öffnung gegenüber der Republik ist diesen Kräften bereits ein Verrat an der nationalen Sache. Im Sommer 1932 schlossen sich diese Kreise in der preußischen Landeskirche zur "Glaubensbewegung deutsche Christen" zusammen.
Auf der anderen Seite war es neben der kirchlichen Aufbruchsbewegung um Dibelius und in der kirchenpolitischen Praxis noch kaum bemerkt zu dem theologischen Neuansatz der Dialektischen Theologie gekommen (vgl. -> "Die Dialektische Theologie"). Das wachsende kirchliche Selbstbewusstsein und das engagierte wie kritische Verhältnis der dialektischen Theologen zur Kirche musste zum Zusammenstoß führen. Der äußerst polemische Aufsatz K.Barts "Quousque tandem..." eröffnete 1930 den Streit. Barth wirft hier der Kirche vor, in ihrer selbstbewussten Selbstbehauptung gerade ihren Auftrag und damit ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. In seinem Aufsatz "Die Not der evangelischen Kirche" (1931) konkretisierte Barth seine Kritik und wies auf die Problematik der Rede von der "deutsch-evangelischen Kirche" hin. Eine erste vorsichtig-positive Aufnahme der barthschen Kirchenkritik in kirchlichen Kreisen stellte dann das "Wort und Bekenntnis Altonaer Patoren in der Not und Verzweiflung des öffentlichen Lebens" (Herbst 1932) dar.
Der Streit um Berufung des Berliner Pfarrers Günther Dehn (18821970) auf den Lehrstuhl für prakt. Theologie der Universität Halle war der Anlass für eine erste, heftige Auseinandersetzung zw. den verschiedenen Richtungen. Dehn, ursprünglich religiöser Sozialist, hatte sich an die dialektische Theologie angenähert und galt wegen verschiedener kritischer Äußerungen zur christlichen Verherrlichung von Krieg und Heldentod bei den Rechten als "marxistischer Pazifist" und damit als untragbar. Die bereits völkisch-national beherrschte Studentenschaft versuchte Dehn an der Aufnahme seiner Vorlesungen im WS 31/32 zu hindern. Dehn wurde von verschiedensten Seiten zusammen mit der dialekt. Theologie angegriffen. Da antwortete K.Barth im Februar 1932 mit einem Artikel, indem er sich ganz auf die Seite Dehns stellte. Ein folgender Briefwechsel zw. K.Barth und E.Hirsch steckte die beiderseitigen Positionen ab. Die Auseinandersetzung war noch nicht entschieden, als mit dem Sieg der NSDAP in den Reichtagswahlen ganz andere Probleme auf die Kirche zukamen.

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