Freitag, 29. Juli 2011

Prolegomena der Dogmatik in der lutherischen Orthodoxie


Die Prolegomena der altprotestant. Dogmatik umfassen fast regelmäßig eine Definition von Theologie, methodische Besinnung über Dogma und Glaubensartikel und eine Lehre von der Hl. Schrift als Basis und Richtschnur theologischer Erkenntnis. Hier soll zunächst Definition und Methode der Theologie in den Blick genommen werden (zur Bedeutung der Schrift vgl. -> "Das Schriftprinzip in der luther. Orthodoxie").


Begriff der Theologie

Definition der wahren Theologie:
Der eigentliche Gegenstand der orthodoxen Dogmatik ist die theologigia viatorum revelata (mediata). Diese Theologie wird in den verschiedenen Definitionen als eine praktische Fähigkeit (habitus; oder auch genauer sapientia oder scientia, womit habitus mentis gemeint sind) begriffen, aus der Hl. Schrift alles (bzw. die wahre Religion) zu lehren, so dass der Mensch zum Glauben und damit zur ewigen Seligkeit geführt wird. Dazu erklärt, beweist und verteidigt die Theologie die von ihr gelehrten Glaubensartikel.
Bemerkenswert ist, dass es in der Gegenstandsbestimmung der Theologie zu einem Vorrücken des Religionsbegriffs kommt. Dabei kann sogar dann die religio naturalis (allgemeine Verehrung Gottes in Kult und Frömmigkeit) als ein Vorbau und Basis der religio christiana angesehen werden (vgl. das Verhältnis natürl. Theologie, offenbarte Theologie).
Dem Theologen wird hier ein ganz konkreter Ort im Rahmen der vielfach gebrochenen Offenbarung Gottes zugewiesen: Die Theologie hat ein prakt. Ziel. Sie ist v.a. Weisheit und lehrt den Menschen, wie er den Weg zum Heil findet. Natürlich ist sie deswegen nicht vernunftfeindlich, denn sie bleibt immer eine Haltung aus vernunftbestimmter Einsicht (habitus intellectualis). Der Glaube aber wirkt mehr, er bewegt nicht nur die Einsicht, sondern auch den Willen. Theologie ist nicht Sache jedes Gläubigen, und so gibt es einen Unterschied zw. dem Habitus der Glaubenden und dem Habitus der Theologen. Letzterer setzt den ersten voraus, geht aber über ihn hinaus.


Die Methode der Theologie - Der Begriff des Glaubensartikels

Für die gesamte altprotestant. Dogmatik hat die Theologie eine bestimmte Arbeitsweise: Sie entnimmt der Hl. Schrift bestimmte Sätze - Glaubensartikel (Dogmen) - und formuliert sie in Übereinstimmung mit den altkirchl. und reformator. Bekenntnissen. Dabei wird unterschieden zwischen:
- historischen Sätzen, die lehren, was geschehen ist.
- dogmatischen Sätzen, die lehren, was wir glauben sollen.
- moralischen Sätzen, die lehren, was wir tun sollen.
Da allein der Glaube zur Seligkeit führt, sind die dogmatischen Sätze die eigentlichen Glaubensartikel oder Dogmen.

Die Bedeutung der Dogmen wird in der Lehre vom Fundament des Glaubens erfasst. Das Fundament des Glaubens ist ein Dreifaches:
- Das wesentliche (fundamentum essentiale aut substantiae) ist  Gott und Christus selbst. Er ist der Urgrund alles Glaubens.
- Das organische oder dienende (fundamentum organicum seu ministeriale) ist d. Hl.Schrift. Sie gründet in Gottes Offenbarung.
- Das dogmatische oder lehrhafte (fundamentum dogmaticum seu  doctrinale) ist das theologische Dogma. Die Dogmen gründen in  der Schrift. Sie werden wird nicht durch Menschen erzeugt,  sondern ist bereits bei der Offenbarung schon durch Gott gebildet. Allein durch die Darlegung (der für den Glauben  notwendigen - s.u.) Dogmen werden die Menschen zum Glauben und  damit zur Seligkeit geführt.
(vgl. hierzu die Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei K.Barths Lehre von der dreifachen Gestalt des Wortes Gottes, KD I/1).

Die Dogmen bilden miteinander eine aus mehreren Artikeln bestehende Einheit (Bild von der Kette mit mehreren Gliedern). Das Fundament des Glaubens enthält so mehrere einzelne Dogmen, die einander zugeordnet sind und so zusammen ein einziges Fundament begründen. Wer deshalb ein einzelnes Fundament des Glaubens leugnet, der leugnet (nach Quenstedt) auch alle anderen. Damit war dialogische Kohärenz aller (fundamentalen) Glaubensartikel behauptet.

Diese Dogmen lassen sich in folgende Gruppen unterteilen:
Die hier vorgenommenen Unterscheidungen und Zuordnungen werden im sog. synkretistischen Streit um die Unionsbestebungen des G.Calixt strittig (vgl. -> "Der synkretistische Streit"). Doch setzt sich die hier dargestellte Position durch.
Das wahre Fundament des Glaubens ruft alle wesentlichen Teile des Glaubens hervor. Damit der Glaube unverletzt bleibt, müssen durch die fundamentalen Dogmen alle Lehren ausgeschlossen werden, die einen grundlegenden Teil des Glaubens verletzen. So werden zu den articuli fidei fundamentales primarii constituentes v.a. die zentralen Positivaussagen der Soteriologie gezählt; zu den articuli fidei fundamentales primarii conservantes die altkirchlichen Grunddogmen, die Lehren von Sünde, Gesetz und Rechtfertigung; zu den articuli fundamentales secundarii immerhin noch Artikel wie die Lehre von der communicatio idiomatum. Nicht fundamentale sind Lehren wie z.B. die Frage, ob die Welt im Frühling oder im Herbst erschaffen sei.
Durch diese Unterscheidung war es einerseits möglich, alle konfessionellen Sonderlehren als heilsnotwendig zu bezeichnen, andererseits aber dem einfachen Gemeindeglauben trotzdem seine heilswirkende Kraft nicht zu bestreiten.
Gerade durch die kontroverstheologische Situation und die sich verhärtende Abschließung der Konfessionen wächst die Zahl der Sekundärartikel auf praktisch alle lehrmäßigen Erläuterungen der Grundartikel, wodurch die endgültige Unvereinbarkeit zw. luther. und reformierter Tradition festgeschrieben wird.

Hintergrund dieses method. Vorgehens ist der Glaubensbegriff: Der Glauben wird nun verstanden als Kenntnisnahme (notitia) der heilschaffenden Lehre, als Zustimmung (assensu) zu dieser Lehre und als Vertrauen (fiducia), das daraus geschöpft wird. Die Wahrheit der Dogmen ist vollkommen objektiv und unabhängig vom subjektiven Glauben der einzelnen. Durch Zustimmung und Vertrauen werden sie lediglich subjektiv angeeignet. Die intellektuelle Funktion bei der Aneignung ist ausschließlich rezeptiv. Die Basis ist das aristotel. Wahrheitsmodell der adaequatio intellectus ad rem.


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