Donnerstag, 28. Juli 2011

Kerygma und Glaube


Wie kann ich nun aber den Tod Jesu nicht nur als ein menschliches Sterben ansehen, sondern an ihn als ein Heilsereignis glauben, das auch mein Geschick gewendet hat und so das Kreuz Christi als das meine übernehmen?
Bei dieser Frage geht es um die Vergegenwärtigung dieses Ereignisses. Dies geschieht nur im gepredigten Wort. Denn an die Auferstehung Christi zu glauben heißt für Bultmann nichts anderes, als an das Wort zu glauben, das mir hier und jetzt verkündet wird.

Das Kerygma als Vergegenwärtigung der Offenbarung

Kerygma (von khryþµÓ = Heroldsruf, Botschaft, Proklamation, Zeugnis, Predigt) ist einer von Bultmanns zentralen Begriffen. Er soll ausdrücken, dass die ntl. Verkündigung durch die gegenwärtige Predigt zur persönlichen Anrede Gottes an mich wird, die mich hier und heute in meinem Gewissen als Entscheidungsruf trifft.
Dabei sind Inhalt und Vollzug des Kerygmas identisch. Inhalt des Kerygmas ist das Christusereignis; dieses Ereignis vollzieht sich hier und jetzt in der Predigt. Wo das Wort von Christus verkündigt wird, dort ist das Christusgeschehen gegenwärtig, nicht als zeitlose Wahrheit, sondern als hier und jetzt sich ereignend. Damit wird die Predigt selbst zum eschatologischen Ereignis: "Die Predigt ist selbst Offenbarung und redet nicht nur von ihr." Jesus Christus ist in der Verkündigung so selbst gegenwärtig.
Was sich in der Bibel als eine Kette von Offenbarungsereignissen (mit dem Höhepunkt in Christus) darstellt, konzentriert sich bei Bultmann ganz auf das Kerygma. Alles, der ganze Ereignischarakter der Offenbarung, konzentriert sich bei ihm auf den einen Punkt des jetzt, auf das in diesem Augenblick erklingende Wort der Predigt. So gehört die Predigt zu Heilsgeschehen, IST das Heilsgeschehen. So kann es keinen Weg hinter sie zurück zu einem von ihr losgelösten Heilsfaktum geben (historischer Jesus oder etwa ein apokalyptisches Weltdrama). Von daher ist Bultmanns Theologie Worttheologie, Kerygma-Theologie.

Das neue Selbstverständnis als Legitimation theolog. Aussagen

Dem Begriff "Kerygma" korrespondiert der Begriff "Selbstverständnis". Das dem Menschen im Kerygma begegnende Offenbarungshandeln Gottes, eröffnet dem Menschen ein neues Selbstverständnis. Dies bedeutet, dass die Verkündigung dem Menschen die Augen über sich selbst öffnet und er sich in seiner konkreten existentiellen Lebensbeziehung neu versteht. Von da her bezeichnet Bultmann den Glauben als ein neues Selbstverständnis/Existenzverständnis.
Hier zeigt sich, dass die existentiale Interpretation der einzig mögliche Weg ist, die Wahrheit der christlichen Glaubensaussagen zu erweisen. Denn auch die Theologie muss die von ihr aufgestellten Sätze als sinnvoll erweisen. Da sie ihre Wahrheiten keiner objektiven Überprüfung unterziehen kann (Experiment), kann sie die Wahrheit ihrer Sätze nur in Bezug zur Wirklichkeit und im Hinblick auf ihre Bedeutsamkeit für die Existenz erweisen: Kann der Mensch wirklich durch den Glauben ein neues Verständnis seiner selbst gewinnen?
Dies hat Einfluss auf die Redeweise der Theologie; deren Gegenstand ist Gott. Von ihm kann man nicht "direkt" reden (in allgemeinen Sätzen und Wahrheiten unter Absehen der existentiellen Situation des Redenden), sondern nur "indirekt" (in Sätzen und Wahrheiten, die in Bezug stehen zur konkreten existentiellen Situation des Redenden oder Angeredeten. Alle theologischen Aussagen sind nur als existentielle Aussagen wahr. Deshalb betont Bultmann, dass man von Gott nur reden könne, wenn man zugleich vom Menschen rede. "Ich stelle die Theologie als Anthropologie dar, was nichts anderes meint, als dass ich die theologischen Aussagen als Aussagen über die Existenz fasse." Von seinen Kritikern wird Bultmann an dieser Stelle vorgeworfen, dass er mit seiner existentialen Interpretation die Transzendenz Gottes und  die Objektivität seiner Offenbarung auflöse. Dies greift jedoch zu kurz, denn Bultmann will Offenbarungstheologe sein. Auch als existentialer Interpret hält er unbedingt an der Transzendenz Gottes fest: für ihn bleibt das Handeln Gottes der menschlichen Existenz vorgegeben. Denn der Glaube ist "Antwort auf einen Anruf" und deshalb "...von jenseits her in die Welt gebracht, und nur so und nur deshalb eine Haltung, die mit der jenseitigen Welt verbindet." So behauptet Bultmann nicht, dass Gott außerhalb des Glaubens nicht wirklich sei, sondern nur, dass er außerhalb des Glaubens nicht erkennbar sei. Letzteres ist für ihn jedoch sehr wichtig. So betont er, dass allein der Glaube Gottes Handeln erkennen kann, und dass deshalb vom Handeln Gottes allein in Beziehung auf die menschliche Existenz geredet werden kann. Diese Beziehung des göttlichen Handelns auf die Existenz des Menschen soll die existentiale Interpretation zum Ausdruck bringen und so die Offenbarung Gottes aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen.

Die Ungesichertheit des Kerygmas

Von hier aus betont Bultmann, der Glaube dürfe nicht hinter das Kerygma zurückfragen, um sich etwa einer historischen Legitimation zu versichern: "Es wäre eine Verirrung, wollte man zurückfragen nach dem historischen Ursprung der Verkündigung, als ob dieser ihr Recht erweisen könnte. Das würde bedeuten: den Glauben an Gottes Wort durch historische Untersuchung begründen zu wollen. Das Wort der Verkündigung begegnet als Gottes Wort, dem gegenüber wir nicht die Legitimationsfrage stellen können, sondern das nur fragt, ob wir es glauben wollen oder nicht." Deshalb ist für Bultmann auch die Frage nach dem historischen Grund des Kerygmas in der Person und Botschaft Jesu selbst ohne Bedeutung. "Man darf nicht hinter das Kerygma zurückgehen, es als Quelle benutzend, um einen historischen Jesus (...) zu rekonstruieren. (...) Jesus Christus, der Gepredigte, ist der Herr." Der Glaube erweist sich gerade darin als Glaube, dass er an das Kerygma trotz seiner historischen Nichtausweisbarkeit glaubt. Einziges Kriterium für die Wahrheit des Kerygmas ist dies, dass es uns vor die Entscheidung stellt, wie wir uns selbst verstehen wollen: als Existenz, die an dem Sichtbaren und Verfügbaren hängt, oder als Existenz, die aus Gottes Gnade, frei von sich selbst aus dem Unsichtbaren, Unverfügbaren lebt.

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