Dienstag, 19. Juli 2011

Gerhard Ebeling


Gerhard Ebeling wurde 1912 in Berlin geboren, war Schüler Bultmanns und Teilnehmer an Bonhoeffers Predigerseminar in Finkenwalde. Auf dessen Vermittlung hin konnte er während der Kirchenkampfzeit in Zürich promovieren. Nach dem Krieg wurde er Professor für Kirchengeschichte (Luther-Studien) und Syst. Theologie in Tübingen und Zürich. Wichtige Werke:
- Kirchengeschichte als Geschichte der Auslegung der Hl. Schrift  (1947).
- Das Wesen des christlichen Glaubens (1959)
- Theologie und Verkündigung (1962)
- Luther. Eine Einführung in sein Denken (1964)
- Diverse Lutherstudien
- Einführung in die theol. Sprachlehre (1971)
- Dogmatik des christlichen Glaubens I-III (1979)

Vom kerygmatischen Christus zum historischen Jesus

Ebelings Position ist auf dem Hintergrund der Diskussion um den histor. Jesus zu verstehen, wie sie in der Bultmann-Schule v.a. durch Käsemann und Fuchs vorangetrieben wird:
Käsemann erblickt die Eigenart des ird. Jesu in seiner Predigt und seinem eschatologischen Selbstverständnis. Mit Jesu Wort bricht sich das Reich Gottes auf Erden Bahn und stellt die Menschen in die Entscheidung. Käsemann unterscheidet sich darin von der liberalen Leben-Jesu-Forschung, dass Jesu Botschaft nicht nur eine religiös-sittliche Lehre ist, sondern ein eschatologisches Geschehen. Jesus lehrt nicht nur die Vaterschaft Gottes und die Kindschaft der Menschen. "Er brachte und lebte die Freiheit der Kinder Gottes."
Fuchs legte noch größeres Gewicht auf das Verhalten Jesu als Käsemann. Jesu Verhalten ist der Schlüssel zu seiner Botschaft, der "eigentliche Rahmen seiner Verkündigung", von der ja eigentlich nur Einzelworte und Gleichnisse Jesu überliefert sind. Sie alle spiegeln ein Selbstzeugnis wider, eine Entscheidung, die er getroffen hat. Sie besteht in Jesu Entschluss aus seinen eigenen eschatologischen Erfahrungen "die Konsequenzen zu ziehen und hier auf Erden mit dem nur im Himmel offenbaren Werk Gottes zu beginnen." Jesus wagt es, sich an Gottes Stelle zu setzen und in seinem eigenen Verhalten Gottes Willen kurzerhand als einen gnädigen geltend zu machen. Jesu Wort ist nur Echo seiner Entscheidung. Jesu Verhalten ist ein "Verhalten der Liebe" und sein Wort "der Liebe Wort".
An derselben zentralen Stelle, an der in Fuchs' Bild vom hist. Jesus die Liebe steht, steht bei Ebeling der Glaube: Ebelings Ansatz baut dabei auf einem Geschichtsverständnis auf, das nicht an Tatsachen orientiert ist, sondern am "Wortgeschehen" und damit an der "Sprachlichkeit der Wirklichkeit": "Wenn man es mit Jesus zu tun bekommt, bekommt man es nicht mit puren Fakten, sondern mit lauter Wort zu tun." Es wird nicht unablässig geredet, aber in dem Geschehen kommt etwas zur Sprache, was den Charakter der Anrede und Aussage trägt und uns daher als "Wort" begegnet. Ebeling fragt nach dem, was in Jesus zur Sprache gekommen ist. Und das ist der Glaube. Jesus ist der "Zeuge des Glaubens". Darin laufen alle Linien zusammen; was Ebeling "einfach überzeugend" erscheint (gegenüber dem Argument, dass wir es in den Evangelien mit einem späteren Bild der Urgemeinde zu tun hätten). Alle biograph. und psycholog. Details waren überflüssig. Gerade in der einseitigen Beschränkung der Überlieferung Jesu als auf den Bringer des Glaubens hat sich das echte Bild Jesu selbst durchgesetzt.
Der Glaube kommt in Jesus darin zur Sprache, dass er durch den Einsatz seines eigenen Glaubens in anderen Glauben (Natürlich nicht an seine Person) weckt. "Dein Glaube hat dich gerettet." Das vermag nur eine mit Vollmacht ausgestattete Person. Sein Glaube ist seine entscheidende Gabe. Darum: "Wer glaubt, ist bei dem hist. Jesus.", "Der hist. Jesus ist der Jesus des Glaubens."
Die Auferstehung verdeutlicht dies nur. Der Zeuge des Glaubens wird nur erkannt, indem man ihm sein Zeugnis abnimmt und selber glaubt. Jesus wird durch die Auferstehung nicht zum "Gegenstand" des Glaubens, sondern als "Zeuge" wird er der "Grund des Glaubens". An Jesus glauben heißt: auf ihn hin an Gott glauben. Damit ist die Kontinuität zwischen dem hist. Jesus und dem Christus des Glaubens erwiesen (Vgl. Hebr.12, 2: Jesus Anfänger und Vollender des Glaubens). Es kann also durchaus gesagt werden, dass hier der "fides qua" (existentieller Glaubensvollzug) der Vorrang vor der "fides quae" (Glaubensinhalt) eingeräumt wird.
Ergo bleibt für Ebeling wie für Fuchs der hist. Jesus das Kriterium der Christologie. Das Kerygma darf nur zur Sprache bringen, was in Jesus selbst zur Sprache gekommen ist (Anders Käsemann, für den der hist. Jesus nur einer der Faktoren ist, die das urchristl. Kerygma begründet haben). Somit müssen nach Ebeling auch die dogmatischen Aussagen über Christus in einem hist. vertretbaren Rahmen ausgesagt werden. Die in der Auferstehung begründete kosmische Bedeutung des Kerygmas scheint hier allerdings verlorenzugehen.
Ebeling steht in der Gefahr einen Zwiespalt zwischen einer Jesulogie (Darstellung des Jesusglaubens) und einer Christologie zu bauen. Der Glaubensbegriff hilft diesen drohenden Zwiespalt allerdings zu überbrücken.

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