Dienstag, 19. Juli 2011

Gaudium et Spes


Es bedurfte zwischen 1962 und 1965 acht Textfassungen bis feierlich über dieser Konstitution "gaudium et spes" (Über die Kirche in der Welt von heute") abgestimmt werden konnte.

    Vorwort und Einführung

Das Vorwort dieser pastoralen Konstitution (Art.1-3) spricht die existentielle Solidarität der Menschen in der Kirche mit den Menschen in der Welt aus und bekundet den Willen des Konzils zum Dialog.
Die Einführung (Art.4-10) gibt eine Kurzdarstellung der Gegenwartssituation. Als "Zeichen der Zeit" (Charakteristika der Welt von heute) werden genannt: tiefgehende und rasche Veränderungen; Gegensätze wie Reich und Arm, Freiheit und Unfreiheit; Fortdauer gefährlicher Spannungen; positivistische-wissensch. Einstellung; Industriealisierung; Spannungen zwischen Jung und Alt, 1. Welt und 3.Welt; Zunahme der Überzeugung, dass eine bessere soziale, politische und wirtschaftliche Ordnung für die Menschheit zu schaffen ist. Das Konzil sieht hinter vielem das tiefe Verlangen nach einem menschenwürdigen Leben und nach einer umfassenden Völkergemeinschaft. Die Zukunft wird offen gesehen, d.h. eine solche Zukunft wird als verwirklichbar betrachtet. Die Menschen, die die Grundfragen des menschlichen Daseins schärfer oder neu stellen weist das Konzil auf Jesus Christus hin, "Schlüssel, Mittelpunkt und Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte.

  I. Hauptteil (4 Kapitel mit 35 Artikel)

  1. Kapitel  (11 Artikel)

Es handelt von der Würde des Menschen. Der Mensch ist zum Bild Gottes geschaffen, und er ist nicht zur Einsamkeit, sondern als gesellschaftliches Wesen geschaffen. Der Mensch ist Sünder von Anfang an, er steht im Zwiespalt zwischen Gut und Böse und wird von der Knechtschaft der Sünde durch Christus befreit. Die folgenden Artikel widmen würdigen verschiedene Seiten des menschlichen Daseins: Leiblichkeit, Wirklichkeit der Seele, menschliche Vernunft und deren Vollendung in der Weisheit, Willen nach Freiheit. Der Mensch nun ist berufen zur Gemeinschaft mit Gott.
In diesem Zusammenhang kommt das Konzil auf den Atheismus zu sprechen. Er wird als ernste Anfrage an Kirche und Christen gesehen, die nicht unschuldig an seinem Aufkommen sind. Hier reagierte das Konzil äußerst sensibel, die Forderung einiger radikaler auf ausdrücklicheVerdammung wurde abgewiesen, Theorie (pos. humanistische Basis) und Praxis deutlich unterschieden. Hingegen werden alle die Formen des Atheismus verurteilt, die "der Vernunft und der allgemeinen menschlichen Erfahrung widersprechen und den Menschen seiner angeborenen Größe entfremden". Die Gründe für die Leugnung Gottes seien ernst und gründlich zu prüfen. "Das Heilmittel gegen den Atheismus kann nur von einer situationsgerechten Darlegung derLehre und vom integeren Leben der Kirche und ihrer Glieder erwartet werden".
Glaubende und Nichtglaubende müssen beim Aufbau der Welt zusammenarbeiten, statt sich gegenseitig zu diskriminieren, wobei ausdrücklich - gegenüber dem Atheismus - Handlungsfreiheit für die Kirche verlangt wird.

  2. Kapitel  (10 Artikel)

Es behandelt die menschliche Gemeinschaft. Zunächst wird auf die Einheit von Gottesliebe und Nächstenliebe verwiesen. Sodann wird die Bezogenheit von Person und Gemeinschaft festgestellt (-> Sozialisation). Das Gemeinwohl wird über das sonstige Verständnis hinaus auf das Gemeinwohl der Menschheitsfamilie ausgedehnt.
Die Kirche will sich auf keinen Fall als konservative Macht zur Erhaltung alter Ordnungen sehen, es werden vielmehr Veränderungen gefordert. Es wird gemahnt, in jedem Menschen ein "anderes Ich" zu
sehen, jeden Nächsten ohne Ausnahme zu lieben; Achtung und Liebe wird denen gegenüber gefordert, die "in gesellschaftlichen, politischen oder auch religiösen Fragen anders denken und handeln als wir". Auch an das Gebot der Feindesliebe wird erinnert. Weiter wird die Anerkennung der grundlegenden Gleichheit aller Menschen gefordert, Verstöße dagegen werden verurteilt. Eine rein individualistische Ethik wird abgelehnt, die Achtung sozialer und gemeinschaftlicher Gesetze verlangt. Dabei wird daran erinnert, dass auch das Heil der Menschheit und nicht individualistisch geschenkt wurde.

  3. Kapitel  (7 Artikel)

Es handelt vom menschlichen Schaffen in der Welt. Dieses entspricht der Absicht Gottes (Weiterführung des Werkes des Schöpfers). Die Autonomie der irdischen Wirklichkeiten wird ausdrücklich anerkannt: zwischen der wissensch. Forschung und ihren Methoden und dem Glauben kann es keinen echten Konflikt geben (bei Einhalten der sittlichen Normen). Galilei wird an dieser Stelle höchstamtlich rehabilitiert. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass der menschliche Fortschritt nicht nur ein positiver Prozess ist: die Realität des Kreuzes Christi darf nicht übersehen werden. Bei aller eschatologischen Hoffnung darf "die Sorge für die Gestaltung dieser Erde nicht abgeschwächt werden".

   4. Kapitel  (6 Artikel)

Es handelt von der Aufgabe der Kirche in der Welt von heute.
Der Sendungsbereich der Kirche wird ausdrücklich auf die "religiöse Ordnung beschränkt. Für andere Bereiche (Wirtsch., Politik, Soziales) hat die Kirche keine Sendung. Aus ihrer Sendung kommen der Kirche jedoch viele Möglichkeiten zu, der menschlichen Gemeinschaft zu helfen. Von ihrem Wesen oder von ihrer Sendung her ist die Kirche an keine bestimmte Kultur, kein bestimmtes Gesellschaftssystem gebunden und kann von da her zu einer universalen Einheit beitragen.
Die Christen werden zur Erfüllung ihrer irdischen Pflichten gemahnt: eine christlich motivierte Vernachlässigung des Irdischen ist ebenso verkehrt, wie ein Aufgehen im Irdischen. Dabei dürfe man nicht trennen zwischen Glauben und täglichem Leben. In weltlichen Aufgaben liegt die besondere Kompetenz der Laien in der Kirche (-> Laienapostolat). In der pluralistischen Welt von heute ist dem Konzil auch klar, dass zwei Christen bei einem Problem auf zwei verschiedene Lösungen kommen können. Dabei hat keiner das Recht, die Autorität der Kirche ausschließlich für sich zu beanspruchen -> Dialog in Liebe.

  II. Hauptteil (5 Kapitel mit 45 Artikeln)

  1. Kapitel  (6 Artikel)

Dieses Kapitel spricht von der Förderung der Würde der Ehe und Familie und setzt ein bei der Bedrohung derselben in heutiger Zeit. An Stelle der bisherigen kath. Definition der Ehe als "Vertrag" (dessen Gegenstand die Übertragung des Rechtes auf den eigenen Leib ist) tritt die Vorstellung vom "Bund". Zwar ist traditionell die Ehe immer noch auf Zeugung und Erziehung von Nachkommen hingeordnet, doch wird keine Rangordnung der "Ehegüter" mehr vorgenommen. Als zentrale Bedeutung tritt nun die Liebe hervor, von der aus die Sakramentalität der Ehe beschrieben wird.
Durch den Vollzug der Ehe wird diese Liebe in besonderer Weise ausgedrückt. Dem Geschlechtsakt wird insofern sittliche Würde zugeschrieben, "wenn er human vollzogen wird". Weiter findet hier eine Verlagerung statt: vom Geschlechtsverkehr nur zur Schaffung von Nachkommen hin zu einer Definition von Ehe, die ihrem Wesen nach als Ganzes auf "seid fruchtbar und mehret euch" ausgerichtet ist.
Es wird gar auf verantwortete Elternschaft eingegangen: Die Ehegatten müssen letztlich selbst das Urteil über ein zu zeugendes Kind (hier geht es um Zeitpunkt und Zahl) fällen. Beim Problem der Vermehrung der Kinderzahl wird mit Vehemenz ein enthaltsames Eheleben angegriffen.
Gegen Abtreibung und Kindestötung wird Stellung bezogen.
Die Methodenfrage der Geburtenregelung umgeht das Konzil elegant unter Hinweis auf die päpstliche Kommission (es wird bei diesem Problem von Seiten des Zusammenfassens darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei allen Äußerungen zu diesem Thema nicht um Dogmen sondern um Weisungen handelt, die vom Gläubigen mit Respekt und innerer aber nicht unwiderruflicher Zustimmung angenommen werden müssen). Immerhin wird den Profanwissenschaftlern anbefohlen, sich weiterhin um die Möglichkeiten einer Geburtenregelung zu kümmern.

  2. Kapitel  (10 Artikel in 3 Abschnitten)

Es behandelt die Förderung des kulturellen Fortschritts.
Hier hat man die Vision vor Augen, dass man bei allem zu respektierenden kulturellen Pluralismus allmählich zu einer Universaleren Form der menschlichen Kultur hinstrebe. Die Universalität der kath. Kirche kann hierbei ein wichtiger Faktor sein.

  3. Kapitel  (10 Artikel in 2 Abschnitten)

Dieses Kapitel spricht vom Wirtschaftsleben, d.h. vom menschlichen und gesellschaftlichen Leben, insofern es von der Wirtschaft bestimmt ist. Sehr schnell wird auf die Gefährdung der Menschen durch die Wirtschaft hingewiesen: soziale Ungleichheit, rein wirtschaftliches Denken. Es werden "institutionelle Reformen" und eine "Umstellung der Gesinnung" gefordert. Alle sind verpflichtet, zum Gemeinwohl beizutragen. Viele praktische Problembereiche werden angesprochen, so z.B. Bauern, Gastarbeiter, zunehmende Automation, Ausbildung, Sicherung der Menschenwürde Alter und Kranker.
Im zweiten Abschnitt einige verbindliche Grundsätze für die Sozialökonomie geben: - Pflicht und Recht auf Arbeit; angemessener Lohn (-> Lebensstandard)
- Schutz der Arbeiter vor Ausbeutung u.a.
- Besondere Rücksicht auf arbeitende Mütter
- Freizeit und -gestaltung
- Beteiligung aller an der Gestaltung des Unternehmens: dies  meint keine bloße Mitsorge im Betrieb, sondern Mitbeteiligung  bei Entscheidungen auch an höherer Stelle
- Gewerkschaftswesen (wird hoch gelobt)
- Streikrecht
- Recht auf Eigentum
- Pflicht den Armen zu helfen (und das nicht nur als Abgeben vom  Überfluss)
- drastische Stellungnahme gegen ausbeuterische Großgrundbesitzer (-> fast die Hälfte aller Katholiken leben in Ländern, in denen es hier große Ungerechtigkeiten von Seiten der ebenfalls katholischen Großgrundbesitzer gibt)

  4. Kapitel  (4 Artikel)

Es handelt vom Leben der politischen Gemeinschaft. Besonders anerkannt werden u.a.:
- weltweites Streben nach einer Ordnung, die die Menschenrechte  schützt
- Verlangen nach politischer Mitbestimmung
- Sensibilität gegenüber Minderheiten
- Streben nach Toleranz und Rechtsgleichheit
Die politische Gemeinschaft besteht um des Gemeinwohls willen. Diese Gemeinschaft und die ihr dienende Autorität gehören wegen ihres Bezugs zum Gemeinwohl zu der von Gott vorgebildeten Ordnung. Die Staatsbürger haben dann die Gewissenspflicht zum Gehorsam, wenn der Bezug zum Gemeinwohl stimmt, eine legitime juristische Ordnung besteht und die Regierungsform frei durch die Bürger bestimmt wurde. Ansonsten hat der Christ das Recht, sich gegen staatlichen Missbrauch der Autorität zu verteidigen. Ausdrücklich stellt sich das Konzil hinter die Staatsform der Demokratie.
Vom Christen wird im politischen Leben ein beispielhaftes Verhalten verlangt; andere Meinungen und Parteien sind zu achten. Es ist weiter darauf zu achten, ob eine Organisation, die sich christlich nennt, auch wirklich christlich handelt - sie steht nicht automatisch in Beziehung zur christlichen Kirche.
Beitrag der Kirche im politischen Leben ist es, für Gerechtigkeit und Liebe einzustehen. Die Kirche darf sich nicht um irgendwelcher Rechte willen, dem Staat unterordnen, wenn die "Lauterkeit ihres Zeugnisses" dadurch "in Frage gestellt ist".

  5. Kapitel  (14 Artikel in zwei Abschnitten)

Es beschäftigt sich mit der Förderung des Friedens und dem Aufbau der Völkergemeinschaft. In Erinnerung daran, dass Christus den Hass in seinem eigenen Leib getötet und den Geist der Liebe in die Herzen der Menschen ausgegossen hat, bekundet das Konzil denen seine feierliche Anerkennung, die auf Anwendung von Gewalt verzichten und sich auf solche Verteidigungsmittel beschränken, die auch Schwächeren zur Verfügung stehen. Dies bedeutet Gewaltlosigkeit bis an die Grenzen dessen, was auf dieser unserer Erde möglich ist. Angesichts der totalen Möglichkeiten heutiger Kriegsführung appelliert das Konzil an "die bleibende Geltung des natürlichen Völkerrechts". Ausdrücklich wird die militaristische Ausrede für viele Grausamkeiten "Befehl ist Befehl" zurückgewiesen. Völkermord und ähnliches wird VERDAMMT. Wer hier Widerstand leistet ist sich der höchsten Anerkennung der kath. Kirche gewiss. Die Wehrdienstverweigerung wird in ihrer Berechtigung grundsätzlich anerkannt, ein Verweigerer sollte aber bereit sein, seinem Staat auf andere Weise zu dienen.
Für den Fall, dass alle friedlichen Stricke reißen, wird das Recht (nicht Pflicht) einer sittlich erlaubten Verteidigung zugestanden. Mit Entschiedenheit wird der totale Krieg mit konventionellen Waffen verurteilt (Verbrechen gegen Gott und die Menschlichkeit). Vor der Verwendung moderner Massenvernichtungswaffen wird mit beschwörenden Worten gewarnt (eine frühere Fassung des Textes verurteilte gar den Besitz solcher Waffen). Das Gleichgewicht der Abschreckung kann in keiner Weise Frieden genannt werden.
Es wird weiter an die immensen Summen erinnert, die für die Rüstung verschleudert werden, während für die Bekämpfung des Elends in der Welt nicht genug Geld da ist. Der Rüstungsweltlauf wird dabei als "eine der schrecklichsten Wunden der Menschheit" bezeichnet.
Der Schlußabschnitt mahnt, "die Frist, die uns noch von oben gewährt wurde", zur Findung menschenwürdiger Methoden, Meinungsverschiedenheiten zu lösen, auszunützen. Über die Gesinnung der Menschen wird gesagt: "Wir alle müssen uns wandeln" (zu einer friedlichen Gesinnung); wichtig war dem Konzil: die neueren Kriege waren nicht das Werk der Jugend, sondern das sogenannter staatstragender Kräfte (häufig nicht ohne Zustimmung des Klerus).

Im 2. Abschnitt wird zunächst auf das Werk internationaler Institutionen für den Frieden hingewiesen. Die Christen werden zur Mitarbeit an der Erstellung einer internationalen Ordnung aufgefordert. Reiche Nationen (mit vilen christlichen Bürgern) werden kritisiert, zu wenig für arme Länder zu tun. Das Volk Gottes soll nicht nur vom Überfluss, sondern auch von der Substanz weggeben, um Not zu lindern.

  Schlusswort

Das Schlusswort der Konstitution erinnert noch einmal an den Willen der Kirche zum Dialog, und an den Willen zur aktiven Mitgestaltung an einer menschenwürdigen, friedlichen Welt.

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