Dienstag, 19. Juli 2011

Dorothee Sölle


Dorothee Sölle wurde 1929 in Köln geboren. Später wurde sie Schülerin Gogartens. Sie vertritt eine betont politische Theologie (-> "Politisches Nachtgebet" im Umfeld der 68er-Bewegung), sprach gegen Ende der 60er Jahre vom Tod Gottes und betreibt heute v.a. Theologie aus befreiungstheologischer Perspektive.

Die Theologie nach dem "Tode Gottes" geht von der Voraussetzung aus, dass die wiss.-techn. Welterklärung und -gestaltung sowohl jeden naiven "Theismus", d.h. jede Erfahrung eines persönlichen Gottes als auch jede "Metaphysik", d.h. jede Annahme einer jenseitigen göttlichen Welt unmöglich gemacht hat. Als zweiter Grund gesellt sich noch die Erfahrung des Schmerzes über die Ungerechtigkeiten und das Leiden der Unschuldigen in der Welt hinzu (-> Theodizee-Problematik).
Gott ist - jetzt - nicht da. Er muss vertreten werden. Daher gewinnt Jesus von Nazareth entscheidende Bedeutung. Er ist der Stellvertreter Gottes: "In dieser veränderten Welt braucht Gott Schauspieler, die seinen Part übernehmen. Solange der Vorhang nicht gefallen ist und das Stück noch gespielt wird, kann Gottes Rolle nicht unbesetzt bleiben. Der Protagonist Gottes heißt Christus, er übernimmt die Rolle Gottes in der Welt, er spielt diese Rolle, die unbesetzt bliebe ohne ihn (...). Was dieser Schauspieler Gottes tat - Gott spielen unter den Bedingungen der Ohnmacht - steht damit nun uns offen; auch wir können Gott füreinander in Anspruch nehmen (...), auch wir können nun Gott füreinander spielen (...)"
Der metaphysische Gegenstand des Glaubens wird gestrichen, dagegen wird der Vollzug von Glaube, Hoffnung und Liebe nun zum Zentrum der christlichen Existenz: "Glaube und Wissenschaft sind keine unvereinbaren Gegensätze, was leicht zu begreifen ist, wenn man für Glauben Hoffen, Vertrauen oder Lieben einsetzt. Keine dieser Verhaltensweisen wird durch wissenschaftliches Denken gestört (...)"

Von diesem Ausgangspunkt wandte sich Sölle immer stärken dem befreiungstheologischen Lager zu. Folgende kurzen Zitate sollen das verdeutlichen:
Die Aufgabe der Theologie "besteht in der Mitarbeit an Gottes Werk der Befreiung. Glaube ist nicht in erster Linie ein Trost im gewöhnlichen und oft miesen Leben, sondern eine andere Art zu leben, zu hoffen, zu handeln. Er bedeutet eine Revolution in den Herzen der Menschen, die dem Wort Jesu entspricht, das er einem seit vielen Jahren Gelähmten sagt: Steh auf! Nimm dein Bett und geh! (Mk 2,9). Christus tröstet nicht nur, er verändert unser Leben."
"Die Theologie der Befreiung bedeutet einen Perspektivenwechsel."
Sie betrifft uns in der sog. ersten Welt als Täterinnen, die das Elend Mitverursachern.
"Auch die Befreiungstheologie orientiert sich an dem einen Wort Gottes, an Jesus Christus. Sie lässt dieses Wort aber nicht kontextlos, überzeitlich (...). Das eine Wort Gottes im Sinne der Befreiungstheologie ist die messianische Praxis Jesu und seiner Nachfolger (...). Der Grund des Glaubens ist nicht, dass es Christus war, der mit göttlicher Vollmacht redete; der Grund des Glaubens ist die Praxis des armen Mannes aus Nazareth, der mit den Hungrigen sein Brot teilte."
"Transzendenz ist radikale, d.h. von der Wurzel her bejahte, geliebte Immanenz. Wenn wir in unserer Immanenz, in dem, was wir erleben und tun, wirklich in die Radikalität der Liebe einsteigen, dann enthält unsere Immanenz die Transzendenz. Dann erscheint
in unseren alltäglichen Vollzügen das, was wir 'Gott' nennen."

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