Montag, 25. Juli 2011

Die Offenbarungslehre der Syst. Theologie


Tillichs ganze Theologie geht von der Offenbarung aus, denn alles Reden von Gott, d.h. von dem, was uns unbedingt angeht, beruht auf der Selbstkundgebung Gottes uns gegenüber. So kann Tillich auch sagen: "Gegenstand der Dogmatik ist Offenbarung".


Offenbarung als der Durchbruch des Unbedingten in das Bedingte

Sein Verständnis von Offenbarung enthält die wesentlichen Vorentscheidungen für seine Christologie. Er bezeichnet Offenbarung als "Durchbruch des Unbedingten in das Bedingte", als Manifestation, d.h. wirksame Äußerung, dessen, was uns unbedingt angeht.
Tillich geht also davon aus, dass Offenbarung auch weiterhin gegenwärtig stattfindet und nicht in Jesus Christus ein für allemal abgeschlossen ist.

Die Wirklichkeit dieser Welt und ihre endlichen Formen weisen nicht nur auf ihren Schöpfer hin, sondern auch auf sich selbst. Im Grunde wird dadurch das Unbedingte verhüllt. Daher muss das Unbedingte in diese Wirklichkeit eintreten und ihre Zweideutigkeit durchbrechen, um eindeutig zu sein. "Offenbarung ist Erschütterung und Umwendung der endlichen Formen."
Das bedeutet, dass deren natürlicher Sinn- und Geschehenszusammenhang erhalten bleibt, aber über diesen Zusammenhang hinausgehende Qualitäten auftreten und somit die unmittelbare Beziehung zu ihrem tragenden Grund offenbar wird. Die Offenbarung transzendiert die menschliche Vernunft, aber sie zerbricht sie nicht in ihren vernünftigen Charakter. Dieser unzweideutige, erschütternde Verweis auf den Existenzgrund kann aus jeder Wirklichkeit heraus auftreten. Da alle Offenbarung in natürlichen Zusammenhängen geschieht, wird die Offenbarung also durch diese (z.B. Kultur, Religion) immer schon irgendwie gefärbt.

Dabei ist Offenbarung weder rein subjektives, d.h. im Menschen sich ereignendes, noch rein objektives, d.h. in der Geschichte sich ereignendes, Geschehen. Tillich spricht deshalb von Offenbarungskorrelation als Zusammenfallen von subjektivem und objektivem Geschehen. So gibt es für Tillich keine subjektiv erfahrene Offenbarung, ohne dass sie nicht zugleich objektiv geschehen wäre. "Infolge der Korrelation ist alle Offenbarung geschichtlich, denn alles Bewusstsein von Offenbarung ist geschichtlich."

Das Unbedingte kann sich, gemäß Tillich, nur für ein Wesen offenbaren, an dem es seine Unbedingtheit realisieren kann. Dies ist beim Ich der Fall, da nur das Ich das Element der Unbedingtheit in sich hat. Dies setzt für Tillich eine Wesensbeziehung voraus, ein Getragensein durch das Unbedingte.


Die Einheit von Grundoffenbarung und Heilsoffenbarung

Die Offenbarung dessen, was uns unbedingt angeht, ist zugleich Grundoffenbarung, d.h. Offenbarung des Unbedingten überhaupt, als auch Heilsoffenbarung, da ihr Durchbruch eine konkrete Umwendung unserer Wirklichkeit zu dem uns Tragenden miteinschließt, d.h. unser Heil. Das "Heil ist ja der Ausdruck dafür, dass das uns unbedingt Angehende zugleich das ist, von dem unser Sein abhängt, und das, wenn wir es auf uns zukommen lassen, uns unser ewiges Sein, unser Heil gibt".
Unser Sein ist in das Sein von Natur und Geschichte eingeschlossen. Das uns unbedingt Angehende ist das unsere Existentialität, unsere Seinswurzel Angehende. Vollkommene Offenbarung ist in ihrem konkreten Heilsweg darum nicht von Natur und Geschichte isoliert. Sie besitzt existentielle Universalität.


Die Möglichkeit des "Dämonisch-Werdens"

Nun weist Tillich noch auf eine feine, aber entscheidende Unterscheidung hin. "Es gibt keine Offenbarung, die nicht im Moment des Durchbruchs Heilsoffenbarung wäre, aber in jeder Offenbarung wird ein Bestimmtes, Konkretes, ein bestimmter Heilsweg als das uns unbedingt Angehende erlebt. Dieses ist notwendig, denn sonst ginge nichts auf uns zu. Dieses ist aber zugleich das Verhängnis der Offenbarung, die Möglichkeit des Dämonisch-Werdens." Dies ist das Schicksalhafte, dass jede Offenbarung dämonisch werden muss, d.h. sich in ihr Gegenteil verkehrt, entstellt wird, weil der Heilsweg von sich selbst redet und nicht von dem, wovon er reden muss. Die Offenbarung bleibt Offenbarung, wird aber nicht mehr als solche gewertet. Ferner besteht als weitere Möglichkeit die Profanisierung der Offenbarung, d.h. das Abklingen des erschütternden Durchbruchcharakters der Offenbarung im Hinweis auf deren Form als endliches Geschehen.
Diese beiden Ausgänge der Offenbarung machen diese unvollkommen. Daher kommt Tillich zum Satz der absoluten Religion: "Eine Offenbarung ist vollkommen, wenn ihr Heilsweg die Erschütterung jedes Heilsweges enthält". "Es muss eine Wirklichkeit die Kraft haben, ebenso nachdrücklich auf sich zu beziehen, wie von sich zu lösen, und beides als eine Tat." Sie muss alle eindringenden Elemente der Dämonie ausstoßen und darf zugleich nicht nur ausstoßen, um konkret zu bleiben. "Im Konkreten die Erschütterung des Konkreten" ist für Tillich das eigentliche Geheimnis der Offenbarungslehre.


Jesus als die vollkommene Offenbarung

Die subjektive Seite der Offenbarung kann Tillich auch Religion nennen. Er nimmt so den altkirchlichen Gedanken auf.
Dennoch hält Tillich am Absolutheitsanspruch des Christentums fest, indem er Jesus als Zentraloffenbarung, als die letztgültige Offenbarung bezeichnet. Worin gründet diese Auszeichnung Jesu?
Die Besonderheit Jesu kann Tillich mit seinem Begriff der vollkommenen Offenbarung beschreiben: Eine Offenbarung ist letztgültig, wenn sie sich selbst verneinen kann, ohne sich selbst zu verlieren, wenn sie ganz transparent ist für das Unbedingte. Jesus erfüllt diese Bedingung, da er auf alles verzichtet, was er aus seiner Einheit mit dem Vater für sich hätte erreichen können, und sich völlig hingibt. Dies kommt in seinem Leben wie in seinem Kreuzestod zum Ausdruck.


Kriterien für Offenbarung

Auf diesem Hintergrund lassen sich nun verschiedene Kriterien zur Identifikation von Offenbarung nennen:
- Offenbarung begegnet innerhalb des Alltäglichen, transzendiert  aber das Alltägliche; z.B. in außergewöhnliche Zeichen oder  Erschütterungen und Umwendungen der Formen.
- Die Zentraloffenbarung in Christus ist als normgebende  Offenbarung das höchste Kriterium für andere Offenbarungen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Thomas von Aquin über rationale Theologie

Thomas von Aquin 1. Leben und Werke: In einer adligen Familie 1224 im Neapolitanischen geboren, kommt Thomas mit fünf Jahren nach Monte ...