Freitag, 29. Juli 2011

Die lutherische Orthodoxie - Entwicklungsphasen


Die eigentl. Zeit der Orthodoxie umfasst das gesamte 17.Jhdt. Dabei kann die klass. Phase bis in etwa zum Westfälischen Frieden (1648) und danach eine Zeit des Kampfes gegen den Synkretismus und einer verschärften Systematisierung unterschieden werden. Hauptsitz der lutherischen Orthodoxie war die Universität Wittenberg ("cathedra Lutheri"), eine etwas mildere Richtung herrschte in Jena.

Die bedeutendsten Vertreter der klass. Orthodoxie:
- Martin Chemnitz (1522-1586); zuletzt Superintendent in Braunschweig; wesentlich beim Zustandekommen der Konkordienformel  beteiligt. Seine dogmatischen Werke sind noch frei vom späteren Formalismus: "Loci theologici"; "Examen concilii Tridentini" (-> Untersuchung und Widerlegung des Tridentinums); Polemik gegen den Katholizismus.
- Leonhard Hutter (1563-1616): Wittenberger Lehrer; kurze Dogmatik "Compendium locorum theologicorum, ex scriptura sacra et  libro concordiae collectum" von 1610 ersetzte weitgehend Melanchthons Loci.
- Johann Gerhard (1582-1637): Schüler Hutters, Superintendent  in Koburg, seit 1616 Professor in Jena; bedeutendster Dogmatiker der Orthodoxie; Umfassendes literar. Wirken, "Loci theologici" von 1610-25 (9 Bände; evang. Lehrdarstellung; Hauptwerk  der  Orthodoxie),  "Confessio catholica" von  1633-37  (Widerlegung der Einwände der kath. Theologie mit Zitaten aus  deren eigener Tradition), "Schola pietatis" von 1621 (Ethik).  Er machte als erster das Axiom "finitum capax infiniti" zum  Fundament der Dogmatik.
- Nicolaus Hunnius (1643): Zusammenfassende Glaubenslehre  "Epitome credendorum" von 1625. Er hat die Theorie von den  Fundamentalartikeln begründet; vgl. sein "Diaskepsis de fundamentali dissensu doctrinae Evangelicae-Lutheranae et Calvinianae seu Reformatae" (1626).

Wichtige Vertreter der zweiten Phase:
- Georg Calixt (1656): Helmstedter Theologe; Begründer der  "Helmstedter Schule". Er vertrat die synkretist. Auffassung,  dass man von der ältesten Tradition als einer von allen anerkannten Lehrgrundlage (consensus quinquesecularis) aus zu einer Einheit unter den verschiedenen Konfessionen gelangen könnte. Dies führte zu heftigen Gegenreaktionen.
- Abraham Calov (1612-1686): Professor in Wittenberg, entschiedener Gegner des Synkretismus. "Systema locorum theologicorum"  von 1655-77; zur Widerlegung von Hugo Grotius schrieb er das  exegetische Werk "Biblia illustrativa"; ferner Polemisches gegen Katholiken, Sozinianer und Synkretisten. Durch ihn kam die  analytische Methode zu ihrem endgültigen Durchbruch.
- Johann Andreas Quenstedt (1617-1688); Professor in Wittenberg;  "Theologia didactico-polemica".
- David Hollaz (1648-1713); Probst in Pommern; letztes der  großen Lehrsysteme der luth. Orthodoxie "Examen theologicumacroamaticum" von 1707; bereits von der Mystik Arndts beeinflusst.

Die nordische Theologie ist zu dieser Zeit eng mit der dtsch. verbunden. In Schweden sind hier Martini, Rudbeckius, Gothus zu nennen. Zw. Matthiae (synkret.) und Laurelius (streng orth.) kam es zu Auseinandersetzungen. In Dänemark ist v.a. Brochmand bedeutsam.

Innerhalb der lutherischen Orthodoxie kommt es zu folgenden Auseinandersetzungen:
- Christologischer Streit zw. Tübingen und Gießen um die Kenosislehre (-> "Die Christologie der luther. Orthodoxie").
- Rathmannsche Streit um die Wirkungskraft der Schrift (-> "Die  Lehre von der Schrift in der luther. Orthodoxie").
- Der synkretistische Streit um das Programm des Georg Calixt.  (-> Der synkretistische Streit in der luther. Orthodoxie").


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