Mittwoch, 13. Juli 2011

Die Gotteslehre der lutherischen Orthodoxie

Die altprotestant. Gotteslehre zerfällt grob in zwei Teile:


I. Allgemeine Gotteslehre: Erkenntnis Gottes aus der Vernunft (natürliche Theologie)

Als klass. Schriftbeweis gilt Röm.1,20. Nach Hollaz führen zwei Wege zur Annahme, dass ein Gott sei:
- consensus gentium (alle Heiden wissen von einem allmächtigen Gott).
- triplex via (1. Schluss auf eine allererste Ursache; 2. Steigern der Vollkommenheit dieser Welt auf eine nicht in ihr erreichbare Spitze; 3. Negieren der Unvollkommenheit dieser Welt in einem vollkommenen Wesen).
Vollkommene, heilbringende Gotteserkenntnis bringt jedoch erst die Offbarung. Hollaz steht ergo in der Tradition natürl. Theologie und wendet sich gegen drei Gegner:
- Schulphilosophen (scholastici), die nur denkend anerkennen, was bereits durch die Sinne erfasst ist.
- Cartesianer, die auf "eingeborenen" Ideen bestehen.
- Sozinianer, die natürl. Gotteserkenntnis bestreiten.


II. Lehre vom sich den bibl. Zeugen offenbarenden Gott

Attribute, bzw. Eigenschaften Gottes

Sie stellen keine beliebigen Eigenschaften Gottes dar, d.h. sie sind nicht real von ihm zu scheiden, sondern sie sind Selbstkundgaben des göttl. Wesens für die endl. Erkenntnis der Menschen, d.h. sie sind unserem Vorstellungsvermögen angepasst (accomodatio).
Ein Teil dieser Attribute gilt von Gott in sich, die sog. attributa absoluta (auch: innere Eigenschaften):
- Einheit - unitas.
- Einfachheit - simplicitas (Gott ist nicht zusammengesetzt)
- Wahrheit - veritas (Sein Wesen ist mit seinem Intellekt konform)
- Güte - bonitas (Sein Wesen ist mit seinem Willen konform)
- Heiligkeit - sanctitas
- Unendlichkeit - infinitas
- Ewigkeit - aeternitas
- Unermesslichkeit - immensitas
- Unwandelbarkeit - immutabilitas (Gott unterliegt keiner physischen od. moral. Wandlung)
- Unsterblichkeit - immortalitas
- Unfasslichkeit - incomprehensibilitas
- Unsichtbarkeit - invisibilitas
- Glückseligkeit - beatitudo
- Majestät - maiestas Ein anderer Teil bezieht sich auf Gott in seinem Wirken auf die Welt und auf seine Geschöpfe, die sog. attributa respectiva bzw. operativa (auch: äußere Eigenschaften):
- Lebendiges Leben - vita (Sein Wesen ist immer Tat)
- Intellekt - intellectus - Allwissenheit - omniscientia
- Weisheit - sapientia (Gott handelt nach "höchstem Rat")
- Wille - voluntas (Gottes Wille ist entweder natürl. d.h. er will sich selbst als höchstes Gut; oder aber frei, d.h. er will alles außer ihm so, dass er es auch nicht wollen könnte).
- Gnade - gratia (Durch sie liebt Gott alle Kreaturen)
- Gerechtigkeit - iustitia (Gott will, dass alles seinem ewigen Gesetz lex aeterna konform sein soll. Es ist vierfach: Gott schreibt allen ihnen zukommende Gesetze vor. Er erfüllt seine Verheißungen. Er belohnt die Guten. Er bestraft die Unfrommen.)
- Wahrhaftigkeit - veracitas (Gott ist in s. Zusagen beständig)
- Macht - potentia - Allgegenwart - omnipraesentia
Natürlich sind gerade Allwissenheit und Wille kritische Punkte. Hollaz argumentiert diesbezüglich mit der Unterscheidung von hypothetischer Notwendigkeit (Es wird etwas eintreten, wenn eine best. Bedingung eintritt) und physischer Notwendigkeit. Was Gott weiß und will, das muss zwar eintreten, aber Gott legt sich nicht selbst in einfachen Kausalketten fest.


III. Trinitätslehre

Sie wird in Anlehnung an patristische Tradition entwickelt und
besteht aus fünf Teilen.


1. Definition der Trinität und der trinitar. Hilfsbegriffe; Schriftbeweise:

- Gott ist einer (Dtn.6,4).
- Der eine Gott ist Vater, Sohn (Ps.2,7), Geist (Joh 15,26).
- Vater, Sohn und Geist sind je ein anderer.
- Der Vater zeugt in Ewigkeit den Sohn. Der Sohn ist in Ewigkeit vom Vater gezeugt (gignere). Der Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor (procedit).
Die wichtigsten nichtbiblischen Begriffe für trinitar. Aussagen:
- Trinität -> Dreizahl
- Wesen (essentia) -> Gottes geistige, unabhängige Natur, die den drei Personen gemeinsam ist
- Person -> material = einzelnes, aus sich selbst existierendes, unabhängiges, m. Einsicht versehenes Wesen
formal = das in sich beständige Sein (subsistentia)
dieses Wesens
- Hypostasis = Person -> Character hypostaticus/proprietas per soalis = Personeigenschaft (z.B. Vaterschaft etc.)
- notiones personales -> geben an, woran die Personen erkannt werden. Vater: Nichtgeborensein, Vatersein
Sohn: Sohnsein. Vater und Sohn: spiratio des Geistes. Geist: processio
- actus personales -> werden jeweils einer Person zugeordnet und auch opera ad intra genannt (generatio und spiratio).
- Wesensgleichheit (coessentialis) -> alle 3 auch gleich ewig
- Perichorese (circumincessio; wechselseitige Einschließung) -> Sohn ist im Vater, der Vater ist in Sohn. Alle sind in allen. Schriftbeweise sucht Hollaz aus unbestimmter Zahlenangabe über Gott (z.B. Gen 3,22 => Gott ist mehr als einer).
Hollaz wendet nun diese Begriffe an:


2. Lehraussagen über Gott den Vater:

Der Vater ist die erste Person der Trinität (Ursprung). Sein
Name erweist ihn als Person. Sein character hypostaticus besteht in der generatio des Sohnes; seine notio personalis ist das Ungezeugtsein (innascibilitas) und die spiratio activa. Seine actus personales sind die generatio des Sohnes und mit diesem
zusammen die spiratio des Geistes (das "Hauchen" zum Werden des Geistes). Folge und Ziel dieser actus ist die Sendung des Sohnes zur Erlösung und des Geistes zur Heiligung. Die Schöpfung ist das alleinige Werk des Vaters.


3. Lehraussagen über Gott den Sohn:

Zweite Person der Trinität, der aus dem Wesen des Vaters in Ewigkeit gezeugt ist (daher heißt er Sohn) und mit dem Vater in Ewigkeit den Geist haucht (spirat). In der Fülle der Zeit nimmt er menschl. Natur an. Er muss ebenso wie der Geist als göttlich bewiesen werden (Mittels vieler Bibelstellen weist Hollaz nach, dass sie sowohl direkt als Gott bezeichnet werden, als ihnen auch v.a. göttl. Attribute und Taten zugewiesen werden). Er ist wahre Person. Seine Zeugung ist er eigentümlich (propria), war, übernatürlich, ewig und notwendig. Ihre Folge und ihr Ziel ist die Sendung ins Fleisch. Sein actus ad intra ist die Hauchung des Geistes, sein actus ad extra die Erlösung.


4. Lehraussagen über Gott den Geist:

Dritte Person der Trinität, die von Vater und Sohn in die Zeit gesandt ist, um die Herzen der Menschen zu heiligen. Er wird nicht wegen seines geistigen Charakters, sondern auf Grund seines Hervorgehens durch das Hauchen von Vater und Sohn Geist (spiritus) genannt. Er ist heilig, weil sein Wesen und Werk Heiligkeit ist. Sein character hyp. ist die spiratio passiva (Gehaucht werden) und die processio (Hervorgehen) aus Vater und Sohn. Wenn der Geist nicht aus dem Sohn hervorginge, dann wären sie innertrinitarisch nicht zu unterscheiden (gegen Ostkirche, die das filique innertrinitarisch nicht anerkennt, sondern den Geist nur in den opera ad extra als Geist des Vaters und des Sohnes betrachtet). Die processio wird an der Sendung in die Welt offenbar. Die Person des Geistes selbst kommt in die Herzen der Gläubigen (nicht nur dessen Gabe) -> Heiligung.


5. Über die Bewahrheitung der trinitar. Aussagen:

Die Wahrheit der Trinität kann von der Vernunft weder bestärkt noch zerstört werden. Sie ist ein Geheimnis, das von den Menschen geglaubt werden muss.
Die Werke der Trinität sind nach außen hin ungeteilt (opera trinitatis ad extra indivisa sunt). Die anderen Personen wirken bei den besonderen Werken der einzelnen Personen gleichzeitig mit.
Der Nutzen dieser Lehre (usus practicus), der sie auch davor bewahren soll, reines Konstrukt zu sein, ist: Gläubiges Vertrauen (fiducia) und Gottes-, wie Nächstenliebe gründen auf der Fleischwerdung und der Satisfaktion des aus der Trinität gesandten Mittlers. Ferner hat die natürl. Gotteserkenntnis einen pädagogischen Nutzen, indem sie Sittlichkeit einschärft und so auf die eigentl. Offbg. hin erzieht.

Generell kann gesagt werden, dass der Begriffsapparat der Trinitätslehre weitgehend aus der Philosophie als der damaligen Universalwissenschaft entlehnt ist (z.B. die metaphysischen Begriffe der Attribute Gottes). Ihr Rahmen wird mit unsystematisch ausgebeuteten bibl. Belegen gefüllt.


IV. Fazit nach Frey:

Die Strukturen dieser doppelten Gotteslehre (Allg. Erkenntnis + bibl. Offenbarung der Attribute - Trinität) mussten das System in eine Krise führen:

1. Wegfall der dominierenden Philosophie.
2. Folgernde Erkenntnisse konnten nicht mehr den Weg von der Endlichkeit der Welt zur transzendenten Ewigkeit finden (Kants Vernunftkritik).
3. Verfall der Kirche als innergesellschaftl. bestimmende Institution
4. Infragestellung der bibl. Belegstellen durch hist.-krit. Forschung.
5. Aufklärer. Weltsicht (geschlossenes System).

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