Donnerstag, 28. Juli 2011

Die existentiale Interpretation


Die Interpretation der Bibel unterliegt im Vergleich zu anderer Literatur keinen Sonderbedingungen. Eben weil die christliche Offenbarung ausdrücklich den Anspruch erhebt, in einem Ereignis der Geschichte stattgefunden zu haben, ist sie auf gleiche Weise zu interpretieren wie jedes andere historische Zeugnis.


Aufnahme der Existenzphilosophie Heideggers

Die Existenzanalyse M.Heideggers als begrifflicher Interpretationsrahmen
Zur existentialen Interpretation der Bibel bedarf es nun eines entsprechenden Handwerkzeugs, einer dem Text angemessenen Begrifflichkeit, die sachgemäß und methodisch von der menschlichen Existenz sprechen kann. Eine solche Begrifflichkeit zu gewinnen, ist nun nicht Aufgabe der Theologie, sondern der Philosophie.
Die "richtige" Philosophie stellt sich Bultmann folgendermaßen vor: Sie ist "diejenige philosophische Arbeit, die sich bemüht, das mit der menschlichen Existenz gegebene Existenzverständnis in angemessener Begrifflichkeit zu entwickeln". Eine solche meint er in der Existenzanalyse des (frühen) Martin Heidegger gefunden zu haben. Dabei will Bultmann jedoch nur die Begrifflichkeit, aber keine Inhalte übernehmen. Die Existenzphilosophie spielt für ihn die Rolle einer rein formalen Disziplin. Sie deckt nur die Strukturen menschlichen Daseins auf (-> phänomenologische Beschreibung von Existenzstrukturen) bleibt aber gegenüber jeglichem Material oder Inhalt neutral (keine Aufstellung einer idealen Existenz) und zeigt dem Menschen nur, was Existieren bedeutet. Dies erscheint Bultmann als geradezu ideal: "Indem die Existenzphilosophie die Frage nach meiner eigenen Existenz nicht beantwortet, legt sie meine eigene Existenz in meine persönliche Verantwortung, und indem sie das tut, macht sie mich offen für das Wort der Bibel."

Die Analyse der menschl. Existenz nach Heidegger

Die Existenzphilosophie zeigt auf, dass menschliches Sein nicht nur Vorhandensein bedeutet, sondern im Vollzug des Existierens besteht. Dies fordert den Menschen auf, seine Existenz eigenverantwortlich zu übernehmen und sich im konkreten hier und jetzt zu verwirklichen. Doch ist der Mensch dabei nicht Herr über seine Existenz, sondern ist primär durch die Sorge bestimmt, durch den Tod und durch die Spannung zwischen dem Ruf des Gewissens zur Eigentlichkeit und dem Verfallensein an das Uneigentliche, Nichtige. Dieses Verständnis der menschl. Situation trifft für Bultmann mit dem christlichen Menschenverständnis vor seiner Erlösung zusammen, dem Menschen unter dem Gesetz von Sünde und Tod (vgl. -> "Martin Heidegger").

Das Geschichtsverständnis der Existenzphilosophie Heideggers

Auf diesem Hintergrund gewinnt die Existenzphilosophie ein anderes Geschichtsverständnis. Zur Verdeutlichung dieses Geschichtsverständnisses ist es nötig, es von dem positivistischen Verständnis der Geschichte (Historismus) abzugrenzen.
Der positivistische Historismus benutzt Texte und Denkmäler der Geschichte als Quellen und versucht aus ihnen ein Bild der Vergangenheit zu rekonstruieren. Ihm ist es an Fakten und Daten, an dem objektiv festhaltbaren Geschehensein eines historischen Ereignisses und seiner möglichst genauen protokollarischen Erfassung gelegen. Damit bleibt jedoch das zu beschreibende Ereignis in der historischen Distanz, seine Bedeutung für unsere gegenwärtige Existenz ist nicht erkennbar. Wenn die biblischen Zeugnisse in der Weise des Historismus betrachtet werden, gilt das gesagte auch für sie.
Die Geschichtsbetrachtung des Historismus ist durch ein bestimmtes Verhältnis Mensch - Welt bestimmt: das neuzeitliche SubjektObjekt-Schema. Spätestens seit Descartes bewegt sich unser Denken in diesem Schema. Indem die Welt zum Objekt (Gegenstand) des Menschen (Subjekt) wird, versucht der Mensch die Wirklichkeit zu begreifen, statt sich von ihr ergreifen zu lassen: d.h. der Mensch entwirft sein Weltbild unter Absehung seiner eigenen Existenz, er scheint aus der Welt herausgelöst.
Heideggers existentialistisches Denken holt nun das geschichtliche Verstehen aus diesem Subjekt-Objekt-Schema heraus. Wenn nämlich das menschliche Sein nicht nur den Charakter von Vorhandensein hat, sondern - so Heidegger - im Vollzug des Existierens besteht, dann bedeutet das, dass eine historische Quelle nicht nur Vorhandenes (Tatsachen) überliefert, sondern dass sich in ihr die Möglichkeit menschlicher Existenz ausspricht. Geschichtlich verstehen heißt nun nicht nur Vorhandenes feststellen (wie es einmal gewesen ist), sondern auch die Möglichkeiten vergangenen menschlichen Seins zum Bewusstsein bringen und sie als Möglichkeiten eigenen Sein-Könnens vergegenwärtigen. Es geht in der Beschäftigung mit der Geschichte letztendlich nicht darum, vergangene Ereignisse zu rekonstruieren, sondern sich die Möglichkeiten menschlicher Existenz bewusst zu machen und uns für oder gegen diese Möglichkeiten zu entscheiden. Damit ist der Mensch nicht mehr Subjekt, der der Geschichte als ein distanziertes Objekt gegenübersteht, sondern versteht sich als ein Teil von ihr. So deckt die Existenzphilosophie dem Menschen die Geschichte als die Geschichtlichkeit seines eigenen Daseins auf: d.h. indem der Mensch sich verstehend zur Geschichte verhält, verhält er sich zugleich verstehend zu sich selbst.
Schon 1926 hat Bultmann im Einleitungskapitel seines Jesus-Buches eine erste Darstellung der Art, wie er Geschichte verstanden wissen will, gegeben. Schon hier finden sich die wichtigsten Grundgedanken seiner ganzen Hermeneutik: Der Mensch kann die Geschichte, wenn er ihr Wesentliches erfassen will, nicht einfach als etwas Vorhandenes betrachten. Er ist selbst ein Stück Geschichte, und daher wendet er sich, wenn er sich der Geschichte zukehrt, einem Zusammenhang zu, in den er selbst mit seinem Sein verflochten ist. Mit jedem Wort ÜBER DIE GESCHICHTE sagt er in gewisser Weise zugleich etwas ÜBER SICH SELBST aus. Ein rechter Umgang mit der Geschichte ist deshalb immer ein Dialog, den der Mensch nicht als ein neutraler Beobachter führen kann, sondern nur als einer, der selbst in der Geschichte steht. Er muss deshalb bereit sein, den Anspruch der Geschichte zu hören. Da seine eigene Existenz mit betroffen ist, wird Beschäftigung mit der Geschichte zu einer Begegnung mit der Geschichte (und keine reine Wissensbereicherung). Der Ertrag aus dieser Begegnung besteht nicht in dem Kennenlernen von bisher unbekannten Tatsachen, sondern in einem Verstehen, das eine persönliche Entscheidung (Stellungnahme/Position) verlangt.

Dass es sich bei dem geschichtlichen Verstehen nicht nur um eine Frage der Technik und Methode handelt, sondern dass dabei die Existenz des Menschen mit im Spiel ist, kann Bultmann an verschiedenen Beispielen aus zwischenmenschlichen Beziehungen plastisch machen, z.B.: "Ein junger Mann, der seine (künftige) Braut durch die Auskunft eines Detektivbüros kennenlernen wollte, wird sie in ihrem personalen Sein überhaupt nicht kennenlernen, weil sich dieses nicht dem objektivierenden Sehen, sondern nur der existentiellen Begegnung erschließt."
Wohl handelt es sich bei der Begegnung mit der Geschichte um Fakten und Ereignisse aus der Vergangenheit, doch man kann die sie enthaltenden Texte und Quellen nicht so verstehen, dass man sie im Subjekt-Objekt-Schema unter Auslassen der eigenen Existenz betrachtet, sondern nur so, dass man sich ihnen unter Preisgabe der eigenen Existenz erschließt und sie als eigene Möglichkeiten übernimmt. Es handelt sich also bei der Begegnung mit der Geschichte immer um Lebensvollzug und Entscheidungen.
Dies gilt auch für die Bibeltexte: "Man kann nicht jemandem sagen, was Tod und Leben, was Sünde und Gnade ist, wie man ihm mitteilen kann, dass es fleischfressende Pflanzen gibt...Vielmehr: reden wir zu jemandem über Tod und Leben, Sünde und Gnade, so reden wir zu ihm von seinem eigenen Leben...Im Text werden wir dann nicht...bis dahin unbekannte Dinge bekannt machen, sondern es werden mir Möglichkeiten meiner selbst erschlossen, die ich nur verstehen kann, soweit ich für meine Möglichkeiten erschlossen bin und mich erschließen lasse. Ich kann das Gesagte nicht einfach als Mitteilung akzeptieren, sondern ich verstehe nur bejahend oder verneinend...Verstehen ist also immer zugleich Entschluss, Entscheidung."


Die existentiale Interpretation des NT

Seinem Geschichtsverständnis entsprechend, nimmt Bultmann bei der Interpretation der Bibel seinen Ausgangspunkt beim Existenzverständnis des NT. Als ein geschichtliches Dokument unter anderen befragt er die Bibel danach, wie sie die menschliche Existenz versteht.

Der ungläubige und der glaubende Mensch

Das NT kennt zwei Existenzweisen des Menschen: die ungläubige, nichterlöste und die glaubende, erlöste Existenz. In beiden ist der Mensch auf die Zukunft gerichtet, er will gewinnen, was er eigentlich ist.
Der ungläubige Mensch lebt aus dem Vorhandenen, sichtbaren, verfügbaren. Er sucht die Zukunft (seine Eigentlichkeit) dadurch zu gewinnen, dass er sie sich selbst schafft, und so über sie verfügt. Er versteht sich nicht als Gottes Geschöpf, sondern will sein Leben selbst sichern (durch Besitz oder sittliche Leistungen). Hier irrt der Mensch. In Wahrheit ist er nicht gesichert, denn indem er sich an das Sichtbare, Verfügbare hängt, hängt er sich an das Vergängliche; sein Leben ist der Vergänglichkeit und der Uneigentlichkeit verfallen. Diese eigenmächtige Art des Menschen, selbst seine Zukunft und seine Eigentlichkeit zu erreichen, beschreibt die Bibel als Sünde. In Anschluss an Paulus charakterisiert Bultmann sie als das "Sich-rühmen": der Mensch will sich als Mensch behaupten und macht sich damit selbst zum Gott. Die Kehrseite einer solchen Haltung ist die Angst des Menschen, der um sich selbst besorgt ist, und der das Verfallensein an die Mächte dieser Welt als Knechtschaft empfindet. Folge: "Der zum Selbst berufene Mensch will von sich selbst aus sein und verliert so sein Selbst, sein Leben und rennt in den Tod. Das ist die Herrschaft der Sünde, dass alles Tun des Menschen gegen seine eigentliche Intention gerichtet ist."
Der glaubende Mensch lebt aus dem Unsichtbaren, Unverfügbaren. Er gibt alle selbstgeschaffenen Sicherungen auf. Er versteht sich als Gottes Geschöpf. Er lässt sich sein Leben schenken. In dieser radikalen Hingabe an Gott wird der Mensch frei von sich selbst. Ein solches echtes Leben in Freiheit von eigenem Streben ist nur möglich durch den Glauben an Gottes Gnade. Dies bedeutet zu vertrauen auf das Unsichtbare, Unverfügbare. Dies eröffnet dem Menschen die Zukunft, das Leben. Eine solche Haltung bezeichnet Bultmann als eschatologische Existenz, wobei Bultmann unter Eschatologie das Ende der Welt, das sich schon jetzt im Glauben ereignet, versteht. Der Glaubende lebt in kritischer Distanz zur Welt, ist frei von allem weltlich Verfügbaren, er lebt in der "Entgeltlichen". Dies bedeutet nun keine innerweltliche Askese, sondern eine Freiheit von der Welt, in der Welt bleibend als ein die Dinge der Welt Empfangender. "Der Glaubende ist von der Angst des auf sich selbst vertrauenden, über die Welt verfügenden und ihr verfallenden Menschen (...) befreit. Er kennt (...) nur das eine Streben, dem Herrn wohlgefällig zu sein. Frei von der Sorge der Welt, die an das Vergehende bindet, frei von der Traurigkeit des Kosmos, die den Tod erwirkt, steht er der Welt frei gegenüber als einer, der sich mit den Fröhlichen freut und mit den Weinenden weint (Rö.12,15), der am Handel und Wandel der Welt teilnimmt, aber in der Distanz des 'als ob nicht'"(vgl. vw µh 1.Kor.7,29-31).

Die Bedeutung des Mythos

Das NT behauptet, dass der Glaube an Gottes Gnade Glaube an Christus sei. Das neue Existenzverständnis ist deshalb erst infolge eines bestimmten geschichtl. Ereignisses (Christusgeschehen) möglich. Nun wird jedoch die befreiende Tat Gottes, die Offenbarung seiner Liebe in Jesus Christus, im NT als ein mythisches Geschehen dargestellt. Wie kann dieses mythisch beschriebene Geschehen uns heutigen Menschen zum Glauben helfen?
Auch hier gibt das NT selbst die Möglichkeit zur Entmythologisierung zur Hand. Im NT sind - im Gegensatz zu hellenistischen Kulten - historisches und mythisches miteinander verschlungen: So ist z.B. die mythische Gestalt des Gottessohnes vom Himmel zugleich ein bestimmter historischer Mensch. Diese Verschlingung ist für Bultmann der Schlüssel zu seiner entmythologisierenden Interpretation. Die mythologische Rede des NT hat für ihn durchaus Sinn: Sie will die Bedeutsamkeit der historischen Gestalt Jesus als Heilsgestalt und seine Geschichte als Heilsgeschichte zum Ausdruck bringen.

Kreuz und Auferstehung

Das Heilsgeschehen ist bei Bultmann ganz auf Kreuz und Auferstehung konzentriert. Indem Bultmann zeigt, wie sich in ihnen historisches und mythisches verschlingen, erschließt er ihren heilsgeschichtlichen Sinn.
Das Kreuz ist ein datierbares historisches Ereignis. Die mythologische Rede gibt diesem Ereignis eine "kosmische Dimension" und enthüllt es als Heilsereignis: es gilt als eschatologisches Geschehen, das der alten Welt ein Ende gesetzt und ihr Geschick ein für alle mal gewendet hat. Als ein solches ist es nicht mehr ein historisches Ereignis der Vergangenheit, sondern ständige Gegenwart: "An das Kreuz Christi glauben, heißt nicht, auf einen mythischen Vorgang blicken, der sich außerhalb unser (...) vollzogen hat, auf ein objektiv anschaubares Ereignis, das Gott als uns zugute geschehen anrechnet; (...) an das Kreuz glauben, heißt, das Kreuz Christi als das eigene übernehmen, heißt, sich mit Christus kreuzigen zu lassen." Bultmann meint damit, alle eigene Sicherheiten fahren zu lassen, sich ganz auf Gott zu werfen. So zu leben bedeutet, frei von sich selbst nicht mehr aus dem Verfügbaren, zu leben.
Mit dem Kreuz ist die Auferstehung verbunden. Die Rede des NT von der Auferstehung ist Ausdruck der Bedeutsamkeit des Kreuzes. Sie besagt, dass Christi Tod nicht als ein menschliches Sterben zu sehen ist, sondern als das befreiende Gericht Gottes, durch das er der Welt das Heil gebracht und die Möglichkeit zu eigentlichem Leben geschaffen hat. Damit ist die Auferstehung nicht ein beglaubigendes "Mirakel", das den Glauben an das Kreuz im Nachhinein sichert, sondern die Auferstehung ist selbst Gegenstand des Glaubens. "Der Auferstehungsglaube ist nichts anderes als der Glaube an das Kreuz als Heilsereignis".

Damit entsteht der Umschwung von der ungläubigen zur gläubigen Existenz durch die Verkündigung von Kreuz und Auferstehung Christi innerhalb des Entscheidungsrufes zum Glauben an Christus. Indem ich den Menschen Christus als den Gottessohn glaube, indem ich dieses Paradox annehme, verlasse ich mich nicht mehr auf mich selbst, sondern ganz auf das von außen an mich herantretendem verkündigtem Wort. Damit habe ich bereits meine ungläubige Existenz aufgegeben und ein neues Selbstverständnis gewonnen. Zugleich verstehe ich das Kreuz und Auferstehung als Ende des ungläubigen Weges und als allein in Gott begründeter Anfang meines neuen, gläubigen Selbstverständnisses.

Die Aktualität des Glaubens

Nennt Bultmann den Glauben ein neues Selbstverständnis, so geht es ihm nicht um die Änderung einer Meinung oder einen neuen Bewusstseinslage, sondern um eine, durch die Begegnung mit Gottes Handeln in der Verkündigung bewirkte, Bewegung der Existenz. Einmal angeeignet ist dieses neue Selbstverständnis kein ewiger Besitz des Menschen, sondern es muss in ständig neuer Begegnung neu vollzogen werden. ("Gottes Güte ist alle Morgen neu - gewiss, aber ich weiß von ihr nur...wenn ich sie jeden Morgen neu erkenne; denn als zeitlose Wahrheit hat der Satz keinen Sinn.") So liegt in der existentialen Interpretation das ganze Gewicht auf der gegenwärtigen Verkündigung. Das Wort der Verkündigung ist der - einzige - Grund des Glaubens. An sie allein ist er gewiesen. Basis und Legitimation für das Wort ist das Wort.

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