Dienstag, 19. Juli 2011

Die Erklärung "Nostra aetate" des 2. Vaticanums


Die Erklärung "Nostra aetate" des 2. Vaticanums behandelt das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Bevor der Inhalt von "nostra aetate" zur Sprache kommt, zunächst ein wenig zur Vorgeschichte dieser Erklärung, da sie für ein Verstehen des Inhalts nicht uninteressant ist.

Die Urfassung wurde auf Wunsch Johannes XXIII. vom Sekretariat für die Förderung der Einheit der Christen ausgearbeitet und im Juni 1962 der Zentralkommission vorgelegt. Die Vorlage war vor allem gegen den Antisemitismus gerichtet, wurde aber auf arabischen Druck hin zurückgezogen. Eine Intervention Kardinal Beas beim Papst erreichte, dass das Papier im November 1963 als Kapitel 4 des Textes über den Ökumenismus vorgelegt wurde. Aufgrund heftiger Einwände wurde es dort wieder ausgegliedert und mit dem Text über die Religionsfreiheit in den Anhang des Ökumenismustextes versetzt. Die im September 1964 vorgelegte selbständige neue Fassung war dann substantiell so abgeschwächt, dass eine neue Bearbeitung gefordert wurde. Der im November vorgelegte revidierte Text enthielt dann Ausführungen über andere nichtchristliche Religionen. Erst diese Vorlage wurde dann grundsätzlich angenommen. Es dauerte aber noch bis zum Oktober 1965, bis über eine leicht abgeschwächte Fassung abgestimmt wurde; die dann auch angenommen wurde.
Bei einer Betrachtung dieser Erklärung muss also bedacht werden, dass sie sich ursprünglich auf das Verhältnis Kirche - Juden beschränken sollte. Die Aussagen über die anderen nichtchristlichen Religionen sollten zunächst eher als ein Hilfsmittel dienen, eine möglichst breite Zustimmung zu erreichen.
Daraus ergeben sich verschiedene Vorwürfe gegen die Erklärung:
- theologisch unangemessen, das Judentum global mit anderen nichtchristlichen Religionen zu verhandeln
- Intention Johanne' XXIII., die Feindschaft zwischen Juden und  Christen zu beenden, ist ungeschickt angepackt: bloße  "Erklärung", zusammen mit anderen wichtigen Problemen

Zum Inhalt von "nostra aetate"

Der einleitende Artikel 1 beschreibt ein Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen als solchen und nicht nur, wie dies bis dahin meist geschah, zu dem nichtchristlichen Einzelnen. Der sonst gewohnte apologetisch-missionarische Weg wird nicht beschritten. D.h. die Frage wird nicht unter dem Gesichtspunkt behandelt, wie sich die Kirche nach ihrem eigenen Selbstverständnis (Absolutheitsanspruch) von allen anderen Religionsgemeinschaften unterscheidet. Das Motiv der Erklärung wird aus der Aufgabe der Kirche abgeleitet, die darin besteht Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern (Damit ist aber nicht gesagt, dass die Kirche ihren Anspruch auf den alleinigen Wahrheitsbesitz und ihren Missionsauftrag aufgäbe). Es werden hier aber Voraussetzungen geschaffen, die einen Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften ermöglichen. Theologische Basis ist der universale Heilswillen Gottes, der Urheber der allgemeinen Heilsgeschichte ist. Der dritte Absatz des ersten Artikels nennt noch Gründe, warum es auch heute noch Religion bzw. Religionen geben muss: Die Daseinsfragen der Menschen. Auf die Religionsproblematik: Glaube oder Religion ist das Konzil nicht eingegangen.

Der 2. Artikel erkennt die religiöse Erfahrung der verschiedenen Völker als authentisch an, insofern sie Erfahrungen einer verborgenen Macht, eines höchsten Gottes oder sogar Vaters ist. Religionen werden hier verstanden als Artikulationen dieser Erfahrungen. Hinduismus und Buddhismus werden ausdrücklich gewürdigt. Weiter wird den Religionen zugestanden, dass es in ihnen "Wahres" und "Heiliges" gebe und dass die katholische Kirche die Formen und Lehren dieser Religionen mit "aufrichtigem Ernst" betrachte. Dem folgt ein Bekenntnis des Konzils zur Sendung der eigenen Kirche: Die Kirche muss unablässig Jesus Christus verkündigen, in dem die Fülle des religiösen Lebens zu finden ist, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat. Die Glieder der Kirche werden zum Gespräch und zur Zusammenarbeit mit den Angehörigen anderer Religionen ermahnt, sie sollen die geistlichen, sittlichen und soziokulturellen Werte der anderen anerkennen, wahren und fördern, dabei aber immer das Zeugnis des eigenen Glaubens geben.

Der dritte Artikel behandelt mit nicht geringer Hochachtung den Islam, wo der "alleinige Gott" angebetet wird, der "lebendige, in sich seiende, barmherzige und allmächtige, der Schöpfer Himmels und der Erde". Der Artikel schließt - mit dem Blick auf die Jahrhunderte lange Feindschaft - "das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und sich gemeinsam" zum Wohl aller Menschen einzusetzen.

Das 4. Kapitel behandelt das Verhältnis von Juden und Christen in 7 knappen Absätzen.
Der erste Teil ruft in Erinnerung, dass der Glaube, die Erwählung und die Berufung der Kirche in Israel ihren Anfang haben und Israel die bleibende Wurzel der Kirche aus Juden und Heiden ist. Im Fortgang Abrahams aus seiner Heimat und im Auszug Israels aus der ägyptischen Knechtschaft sieht sich die Kirche in ihrem Heil "geheimnisvoll" vorgebildet.
Im zweiten Absatz wird mit Röm.9 gesagt, was alles in der Kirche den Juden gehört, bzw. von ihnen stammt: Apostel und Christus - nach dem Fleisch.
Im 3. Absatz wird herausgestellt, dass nach apostolischem Zeugnis die Juden immer noch von Gott geliebt sind: Gottes Gnadengaben und Berufung sind unwiderruflich; der souveräne Heilswille Gottes wird damit betont.
Der 4. Absatz weist auf die nötige Kenntnis und Achtung hin: "brüderliche Gespräche"
Im 5. Absatz wird auf die Verantwortlichkeit der Juden für den Tod Jesu eingegangen, wobei in historischer Argumentation festgestellt wird, dass die damaligen Ereignisse weder allen damals lebenden noch den heutigen Juden angelastet werden dürfen. Im Blick auf die Zukunft wird allen Katholiken untersagt, in Katechese und Predigt, die Juden als von Gott verflucht oder verworfen darzustellen.
Der 6. Absatz beklagt alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen, ausdrücklich den Antisemitismus.
Um alle gegenteilige Argumentation abzublocken geht der 7. Absatz auf die Freiheit des Leidens Christi ein: "Auch hat ja Christus (...) in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. Daraus resultiert der Auftrag der Kirche, das Kreuz als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden."
Der Schlussartikel spricht von der Brüderlichkeit aller Menschen, der Gleichheit der Menschen und Völker. Jegliche Diskriminierung eines Menschen (Rasse, Farbe, Stand, Religion) wird "mit leidenschaftlichem Ernst" verurteilt.

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