Donnerstag, 28. Juli 2011

Die Entmythologisierung des NTS


Glauben und Verstehen

1. Glauben ist kein Werk des Wissens

Bultmann will seine Theologie verstanden wissen als "Parallele zur paulinisch-lutherischen Lehre von der Rechtfertigung ohne des Gesetzes Werk allein durch den Glauben", als "ihre konsequente Durchführung für das Gebiet des Erkennens." Analog zur Erkenntnis, dass der Mensch sich vor Gott auf kein sittlich gutes Handeln berufen kann, so kann er sich auch nicht auf ein objektives Wissen und Erkennen berufen. Dies ist aber nur möglich, wenn es keine Garantie gibt, auf die hin geglaubt werden könnte. "Glaube ist nur sicher als Glaube an die Sünden vergebende Gnade Gottes, die mich rechtfertigt, wenn es ihm gefällt."

2. Glauben muss eine verstehende Entscheidung sein

Dabei geht es nicht um einen blinden Glauben, um die Anerkennung irgendwelcher Offenbarungswahrheiten, sondern um Verstehen: "Glaube und Unglaube sind nicht blinder, willkürlicher Entschluss, sondern verstehendes Ja oder Nein." Denn das Evangelium verlangt eine Glaubensentscheidung: eine echte Entscheidung kann der Mensch aber nur treffen, wenn er das, wofür oder wogegen er sich entscheiden soll, verstanden hat.
Der Glaube ist aber Glaube an das (verkündigte) Wort. Dieses Wort trägt den Charakter einer Anrede. Wenn Glaube verstehender Glaube sein soll, dann muss das verkündigte Wort dem Menschen so entgegengebracht werden, dass er es versteht.

3. Beseitigung der Verstehenshindernisse und Freilegung des echten Anstoßes

Diese Forderung nach Verstehbarkeit bedeutet nun nicht, dass Bultmann nun das Evangelium rational erklären will, um es für den modernen Menschen annehmbar zu machen. Er will nur die falschen und unechten Anstöße an ihm beseitigen und seinen echten, wirklichen Anstoß freilegen.

Dieser besteht in der Paradoxie, dass Gott in einem Ereignis der Geschichte gehandelt hat, dass er in Christus die Sünde vergibt. Dies verlangt vom Menschen eine Entscheidung des Glaubens. Zu einer solchen Entscheidung kann es aber nur kommen, wenn der Mensch diese Botschaft auch verstanden hat. Dies bedeutet zugleich eine Aufhellung der menschlichen Situation ohne Glauben und das Aufzeigen der Möglichkeit des Glaubens als grundsätzliche Veränderung dieser Situation.


Die Notwendigkeit der Entmythologisierung

In seinem Aufsatz "Neues Testament und Mythologie" (1941) hat Bultmann präzise die Thematik seiner Lebensarbeit gefasst: Glauben und Verstehen der christlichen Botschaft im Horizont des neuzeitlichen geschichtlichen Denkens. Bultmann will das biblische Wort für den modernen Menschen so verständlich machen, dass er es als Gottes Anrede an sich vernehmen kann.
Der Anredecharakter des Wortes wird jedoch verdeckt - und damit seine Verständlichkeit verdunkelt und der Glauben am Ende gar unmöglich macht - durch den tiefen Unterschied zwischen ntl. und unserer Vorstellungswelt: unser Weltbild wird durch Wissenschaft und Technik bestimmt, das ntl. dagegen ist ein mystisches, das sich die Welt in drei Stockwerken vorstellt: oben ist der Himmel, unten die Hölle und dazwischen die Erde, als Kampfplatz zwischen guter und böser Macht. Auch von seinem eigentlichen Inhalt, dem Heilsgeschehen, spricht das NT in einer mythologischen Sprache (Christus, präexistentes Gotteswesen, erscheint auf der Erde als Mensch, kämpft gegen das Böse, stirbt zur Sühne der Sünden am Kreuz, geht in den Himmel zurück, wird auf den Wolken des Himmels zurückkehren, um durch kosmische Katastrophen und Gericht hindurch einen neuen Himmel und eine neue Erde heraufzuführen), die es der zeitgenössischen Mythologie entnimmt.
Bultmann sieht vier Gründe für die Aufgabe, die ntl. Botschaft aus dieser mythologischen Einkleidung zu befreien, sie zu entmythologisieren:

1. Die Unglaubwürdigkeit des Mythos für heutiges Weltverstehen

Für unsere Zeit besitzen diese mythologischen Vorstellung keine Glaubhaftigkeit mehr. Wer trotzdem ihre gläubige Hinnahme fordert, der verfälscht den Glauben zu einem bloßen Fürwahr halten von mirakulösen Dingen und erniedrigt ihn damit zu einem verdienstlichen Werk. Für unsere Zeit ist und bleibt das mythische Weltbild ein vergangenes. Hier setzt Bultmann unerbittlich sein "Erledigt" entgegen. ERLEDIGT sind u.a.:
- die Geschichten von Höllen- und Himmelfahrt Christi.
- die Vorstellung einer unter kosmischen Katastrophen hereinbrechenden Endzeit.
- die Wunder als bloße Wunder.
- der Geister- und Dämonenglaube.
Auch die neuerliche Relativierung des Kausalgesetzes durch die Naturwissenschaften selbst rettet nicht den Wunderglauben in die heutige Zeit, als "ob mit dieser Relativierung das Tor für das Eingreifen jenseitiger Mächte geöffnet worden wäre."

2. Das Selbstverständnis des modernen Menschen

Die Kritik der mythologischen Vorstellungen des NT erwächst für Bultmann aber auch aus dem Selbstverständnis des modernen Menschen: Der Mensch von heute versteht sich nicht als ein dualistisches Wesen, das jederzeit dem Zugriff übernatürlicher Mächte ausgesetzt ist, sondern als ein einheitliches Wesen, das sich selbst sein Denken, Wollen und Empfinden zuschreibt. So kann der moderne Mensch nicht mehr verstehen, was das NT über Wesen und Schicksal des Menschen aussagt. Von da her setzt Bultmann nun genauso unerbittlich wie zuvor das "Erledigt" sein "Unverständlich". UNVERSTÄNDLICH für den modernen Menschen ist:
- die Deutung des Todes als eine Strafe für die Sünde, die durch  einen Ahnherrn verursacht wurde.
- die Lehre von der stellvertretenden Genugtuung durch Christi  Sterben am Kreuz.
- die Auferstehung Christi als ein Ereignis, durch das eine
 Lebensmacht entbunden ist, die man sich durch Sakramente aneignen kann.
- die Erwartung, in eine himmlische Lichtwelt versetzt und dort  mit einem neuen, geistlichen Leib überkleidet zu werden.
Kein Mensch rechnet heute mehr (wirklich) mit dem Eingreifen transzendenter Mächte in den Lauf der Natur oder Geschichte. So kann sich auch niemand mehr vorstellen, inwiefern der Sinn des Lebens dadurch entschieden werden soll.

3. Der Mythos selbst drängt zur existentialen Interpretation

An dieser Stelle weist Bultmann eine dritte Notwendigkeit auf, das NT zu entmythologisieren (neben Weltbild und Selbstverständnis des heutigen Menschen): es ist das Wesen des Mythos selbst. Dieses beschreibt Bultmann folgendermaßen:
Im Mythos erkennt der Mensch, dass die Welt voll von Rätseln und Geheimnissen ist, dass er nicht Herr über die Welt und sein Leben ist, sondern von Mächten abhängt, die jenseits des Erkenn- und Verfügbaren walten und seinem Dasein Grund, Grenze und Ziel setzen. Von diesen Mächten spricht der Mythos jedoch auf eine unzureichende Art und Weise. Er objektiviert das Jenseits zum Diesseits: er redet vom Göttlichen menschlich. Damit hemmt und verdeckt, so Bultmann, der Mythos selbst seine eigentliche Absicht. Denn eigentlich will der Mythos kein objektives, über die Welt verfügendes Bild von der Welt geben, sondern aussprechen, wie der Mensch sich selbst in der Welt von unverfügbaren Mächten abhängig weiß. D.h. der Mythos will eigentlich nicht kosmologisch, sondern anthropologisch ("existential") interpretiert werden. D.h. der Mythos selbst will auf das in ihm sich aussprechende Existenzverständnis des Menschen befragt werden.

4. Das NT selbst beginnt mit der Entmythologisierung

Nicht zuletzt ergibt sich endlich für Bultmann die Notwendigkeit der Entmythologisierung aus dem NT selbst. Dies deshalb, weil sich durch die ntl. Zeugnisse ein eigentümlicher Widerspruch hindurchzieht: Sünde gilt einerseits als fremdes Verhängnis, andererseits als persönliche Schuld; einerseits wird der Mensch als ein kosmisches Wesen gezeigt, das durch Mächte und Geschehnisse bestimmt ist andererseits wird er als ein selbständiges Ich angesprochen, das sich selbst zu entscheiden hat. Einerseits ist das ewige Leben ein wunderbares Gut in der Zukunft, andererseits wird es schon in der Gegenwart durch den Glauben gewonnen. Durch diese Widersprüche fordert das NT selbst bereits zur Kritik des Mythos heraus; es rechtfertigt von sich aus seine Entmythologisierung.
Als Ergebnis ist Festzuhalten: Weltbild und Selbstverständnis des modernen Menschen stehen im Widerspruch zur mythologischen Vorstellungswelt des NT, der Mythos und das NT selbst drängen bereits selbst auf eine Überwindung des mythischen Weltbildes.


Existentiale Interpretation als Möglichkeit d. Entmythologisierung

Die entscheidende Frage lautet hier nun folgendermaßen: Ist die Wahrheit, die das NT enthält, so wesensmäßig an die mythologischen Vorstellungen gebunden, dass sie ebenso wie diese der Vergangenheit angehört, oder ist diese Wahrheit noch heute gültig, auch wenn sich ihre mythologische Begrifflichkeit als zeitbedingt erwiesen hat? Wenn die Wahrheit des NT noch heute gilt, dann stellt sich zudem die Frage, wie sich Evangelium und Mythos zueinander verhalten; d.h. wie sind die ntl. Zeugnisse heute auszulegen und zu verstehen.

Zunächst kritisiert Bultmann den Weg der liberalen Theologie, mit dem mythologischen Problem umzugehen. Diese war den Weg des kritischen Reduktionsverfahrens gegangen. Dieses Verfahren hatte die Botschaft des NT auf bestimmte religiöse und sittliche Grundgedanken (-> religiös motivierte idealistische Ethik oder mystisch gefärbte Religiosität) reduziert. Je nach dem hatte Jesus dabei entweder nur pädagogische Bedeutung als Lehrer und Vorbild oder religiös-soziologische als einendes Kulthaupt und Symbol. Gegen diese kritische Reduktionsmethode der liberalen Theologie machte Bultmann mit aller Schärfe geltend, dass das NT von einem Ereignis redet, durch welches Gott das Heil der Welt gewirkt hat. Das Heil ist also an eine geschichtliche Person gebunden, sie ist das entscheidende Heilsereignis. Wer diese geschichtliche Person zugunsten zeitloser religiöser Lehren ausscheidet, der scheidet damit auch die Botschaft aus. D.h. durch den Weg einer kritischen Auswahl oder Ausscheidens ist die Botschaft des NT nicht zu retten.

Das mythische Weltbild kann nur als Ganzes angenommen oder als Ganzes verworfen werden. Als den schon oben genannten Gründen kommt die erste Möglichkeit nicht in Betracht. Es bleibt somit nur die letzte: "Soll die Verkündigung des NT ihre Gültigkeit behalten, so gibt es gar keinen anderen Weg, als sie zu entmythologisieren." Ob dieser Weg begangen werden kann und somit die Verkündigung des NT ihre Gültigkeit behält, hängt davon ab, ob es gelingt, das Heilsgeschehen und die Person Jesu Christi, die im NT mythisch dargestellt und aufgefasst sind, auch ohne Mythos darzustellen und damit die Wahrheit der biblischen Botschaft so aufzudecken, dass sie auch für den nicht mythologisch denkenden Menschen heute verständlich und glaubhaft wird.

Der dritte und vierte Ansatz zur Kritik des Mythos (s.o.) zeigen bereits den Weg zu einer Durchführung der Entmythologisierung: Der Mythos ist nicht kritisch zu eliminieren, sondern existential zu interpretieren.
Dies bedeutet, dass Bultmann die im NT vorhandenen mythologischen Vorstellungen einfach ausscheiden will, um so zu einem gesäuberten Rest zu kommen (einer Art evangelium purum), sondern er will diese Vorstellungen auf das in ihnen enthaltene Existenzverständnis hin befragen. Die Befreiung des biblischen Textes von einer vergangenen Weltanschauung soll also nicht durch ein Entfernen der mythologischen Vorstellungen geschehen, sondern durch ein Aufdecken der tieferen Bedeutung, die in und hinter ihnen liegt. Auf diesem Weg soll die eigentliche Intention des Mythos zur Geltung gebracht werden. Die Entmythologisierung ist also eine hermeneutische Methode: "Ich nenne eine solche Interpretation (...) existentiale Interpretation, da sie, bewegt von der Existenzfrage des Interpreten, nach dem in der Geschichte jeweils wirksamen Existenzverständnis fragt." Für Bultmann ist die existentiale Interpretation deshalb genau dann ans Ziel gelangt, wenn es ihr klarzumachen gelingt, dass dem Menschen im NT ein Verständnis seiner selbst eröffnet wird, das ihn vor eine echte Entscheidung stellt.

Entmythologisierung wird folglich durch die existentiale Interpretation vollzogen und ist von ihrem Ziel her ein positives Unternehmen.


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