Freitag, 29. Juli 2011

Die Christologie der lutherischen Orthodoxie


A. Die Person Christi

1. Die Gottheit und Menschheit des Erlösers je für sich betrachtet

Jesus Christus ist wahrer Gott:
- Jesus Christus ist die zweite Person der Gottheit, die in  Ewigkeit mit dem Vater und dem Sohn in einer Wesenheit ist  (mit dem Vater).
- Als die Zeit erfüllt war, nahm der ewige Sohn Gottes zur  Erlösung der Menschen eine menschliche Natur in die eigene  Hypostase auf, so dass fortan diese menschl. Natur zur Vollständigkeit des Gottessohnes gehörte (-> Anhypostasie).
- Die Erlösung der Menschen ist die eigentümliche Handlung der  zweiten Person der Trinität nach außen (operatio ad extra).
Jesus Christus ist wahrer Mensch:
- Die menschl. Natur Jesu Christi hat die gleiche Wesenheit wie  unsere (consubstantialis mit den Menschen):  Christus hat einen organischen Leib und eine vernünftige Seele.
- Die menschl. Natur ist Kreatur Gottes.
Individuelle Eigentümlichkeiten (proprietates) der menschl. Natur Christi, die andere Menschen nicht aufweisen (die aber an seiner wahren Menschheit nichts nehmen):
- Anhypostasie, d.h. das Ermangeln einer eigenen Subsistenz  (Hätte Christus eine eigene Subsistenz bestünde der Erlöser aus  zwei Personen). Das Personsein wird also ganz durch die göttliche Natur bestimmt.
- Anharmartesie, d.h. die anhaftende Unsündlichkeit, durch die  Christus von aller Erbsünde und aller Tatsünde frei ist.
- Die menschl. Natur Christi entsteht durch ein ungeteiltes Werk  der ganzen Trinität nach außen und wird dann der Hypostase der  zweiten Person der Trinität zugeeignet. Das materiale Prinzip  ist dabei Empfängnis und Geburt durch die Jungfrau Maria.

2. Der Akt der Vereinigung beider Naturen (unitio personalis)

Die Inkarnation oder unitio personalis ist der göttl. Akt,  durch den der ewige Sohn Gottes im Mutterleib der Jungfrau Maria  die menschl. Natur in die Einheit seiner Person aufgenommen hat  und ihr damit Anteil gegeben hat an seiner Hypostase und seiner  göttlichen Natur, so dass nunmehr die menschl. Natur untrennbar  mit der göttlichen Natur die eine Person des Erlösers ausmachen.
- Subjekt der Vereinigung: Die menschl.  Natur wird in die göttl. Hypostase aufgenommen.
- Ziel der Inkarnation ist die Erlösung der Menschen; ohne deren  Sünde hätte der Sohn Gottes nicht die menschl. Natur angenommen.

3. Das Wesen der Vereinigung beider Naturen wird beschrieben durch

3.1. Das persönliche Einssein (unio personalis)

Während die Vereinigung (unitio) einen Akt beschreibt, ist mit  dem Begriff des Einsseins (unio) das aus diesem Akt resultierende beständige Sein bezeichnet. Subjekt der Aussagen über die  Vereinigung ist also das Subjekt der Aussagen über das Einssein.
- Das persönliche Einssein meint die unauflösliche Verbundenheit  beider Naturen in der einen Hypostasier (Person) des Gottmenschen.
- Dieses Einssein beider Naturen in der einen Person des Gottmenschen ist nicht sprachlich, haltungsmäßig (habitualis) oder in  bestimmter Beziehung (respectiva), sondern real. Es ist weder  zufällig (accidentalis) noch wesenhaft (essentialis) sondern  persönlich (personalis) und durchdringend (perichoristica).
- Die unio personalis wird durch die vier Bestimmungen von  Chalcedon beschrieben: Beide Naturen sind in der einen Person  unvermischt (inconfuse), unverwandelt (inconvertibiliter), ungetrennt (indivulse), ungesondert (inseparabiliter).
- Aufgrund der unio personalis ist der Gottmensch als ein Subjekt  und eine Person (aus zwei Naturen) anzusprechen. Handlungen und  Eigenschaften einer Natur können der ganzen Person zugesprochen  werden (Bsp.: Jesus Christus ist der Menschensohn).

3.2. Die Gemeinschaft der Naturen (communio naturarum)

Durch die unitio erhalten beide Naturen aneinander Anteil,  jedoch nicht in gleicher Weise: Die göttl. Natur durchdringt  und vollendet die menschl. Natur und nimmt in ihr Wohnung. Die  menschl. Natur aber wird von der göttl. Natur durchdrungen und  vollendet und von ihr zur Wohnung genommen.
- Ziel des persönlichen Einsseins ist die Vollbringung der Werke  des Erlöseramtes.
- Aufgrund der communio naturarum sind also Aussagen über die  Person (praedicationes personalis) möglich, in der der einen Natur die konkreten Fähigkeiten und Handlungen der anderen Natur  zugeschrieben werden (z.B.: Der Menschensohn ist der Sohn des  lebendigen Gottes; Gott ist Mensch; Maria ist die Gottesmutter).

3.3. Communicatio idiomatum (wechselseitige Gemeinschaft in den Besonderheiten - vgl. Konkordienformel)

Die communicatio idiomatum (proprium, Besonderheit) ist  das wahrhafte und reale (nicht nur sprachliche oder gedankliche)  Anteilgeben an den Besonderheiten der göttlichen und menschlichen Natur.
- Es gibt drei Genera (Arten) der Communicatio idiomatum:
Das genus idiomaticum (Übereignung) - primus genus:
- Die Besonderheiten der göttl. oder der menschl. Natur werden  wahrhaft und real der ganzen Person des Erlösers beigelegt, die  mit einer der beidenn Naturen oder mit einem Persontitel  bezeichnet werden kann (so z.B. gesagt werden: Gott leidet).
- Deshalb nimmt die göttliche Natur auch an den Spezifika der  menschl. Natur teilt, auch wenn sie sie selbst nicht ausführt (So ist die göttl Natur leidensunfähig, nimmt aber am Leiden der  menschl. Natur durch eine begleitende Tätigkeit (energetisch) teilt, indem sie das Leiden z.B. Wirkungsmacht und Wert beilegt.
genus maiestaticum (Vergottung) - secundus genus:
- Um der unio personalis willen teilt der Gottessohn die Idiome  seiner göttlichen Natur an die angenommene menschliche Natur  wahrhaft und real mit, so dass die Idiome nun von beiden Naturen  gemeinsam besessen und gebraucht werden.
- Zu unterscheiden ist hier zw. anenergetischen oder ruhenden  Attributen und energetischen Attributen. Während energetische  Attribute in Tätigkeiten nach außen hin zeigen, sind anenergetische Attribute Seinsqualifikationen, die sich höchstens in Handlungen äußern (z.B. Ewigkeit, Unendlichkeit). Die energetischen  Attribute sind in der Ausübung des Erlöseramtes beteiligt, die  anenergetischen dagegen nicht.
- In der unitio personalis wird das genus maiestaticum vollzogen,  nach außen äußert es sich in vollem und ununterbrochenem  Gebrauch aber erst nach der Erhöhung (vgl. dazu d. Ständelehre).
- Durch das genus majestaticum erhält die menschl. Natur Anteil  an der göttl. Allmacht, dem göttl. Wissen aller Dinge, der  göttl. (unräumlichen) Allgegenwärtigkeit (-> wichtig für die  Ubiquitätslehre beim Abendmahl) und der Anbetung.
- Eine umgekehrte Mitteilung der Eigenschaften den menschl. Natur  an die göttliche, das sog. genus tapeinoticum wird wegen der  Unveränderlichkeit der göttl. Natur abgelehnt.
genus apotelesmaticum (Gemeinschaft der Tätigkeit) - tertius genus:
- In den Handlungen, in denen Jesus Christus sein Amt ausführt,  wirken beide Naturen das ihnen je Eigentümliche (z.B. leidet  und gehorcht im priesterlichen Amt die menschl. Natur, die  göttl. bejaht den Gehorsam, lässt sich die Gewalt gefallen,  stärkt die menschl. Natur und fügt den Wert des Leidens hinzu).
- Die Erlösung wird also nicht durch eine Natur allein gewirkt.

Das genus majestaticum nötigt zur Unterscheidung der zwei Stände. Von der Empfängnis bis zum Tode und der Sein im Grabe hat Jesus Christus sich im Gebrauch seiner göttlichen Majestät zurückgehalten und beschränkt; auferweckt, zum Himmel gefahren und erhöht zur Rechten Gottes hat er sie aber voll in Gebrauch genommen (locus classicus: Phil.2,6ff). Entsprechen sind der Stand der Erniedrigung und der Stand d. Erhöhung zu unterscheiden:

3.4.1. Der Stand der Erniedrigung (status exinanitionis)

Die Erniedrigung Christi besteht nicht in der Annahme der  menschl. Natur, sondern im Verzicht auf den vollen und unablässigen Gebrauch der göttlichen Majestät (so die Sprachregelung  des Hauptstroms der lutherischen Orthodoxie nach dem KenosisStreit). Christus ist so erniedrigt worden in Hinblick auf  seine menschl. Natur, die durch das genus maiestaticum Anteil  hat an der göttl. Natur.
- Die Erniedrigung äußert sich darin, dass Christus anderen Menschen in der gewöhnlichen Weise zu leben gleich geworden ist,  aber v.a. darin, dass er Leiden und Tod erduldet hat. - Christus erlitt die Erniedrigung um unserer, nicht um seiner  Sünden willen. Am Kreuz erlitt er die Qualen, die den ewigen  (Höllen)Qualen der Verdammten gleich sind.

3.4.2. Der Stand der Erhöhung (status exaltationis)

Der Stand der Erhöhung bedeutet den vollen und unablässigen  Gebrauch der göttlichen Majestät, die durch die unio personalis nach dem genus maiestaticum auch der menschl. Natur mitgeteilt wird.
- Der Stand der Erhöhung beginnt mit der Auferstehung und  vollzieht sich in vier Akten:
 - Die Niederfahrt in die Hölle: Christus fährt nicht zur Hölle   um etwas zu erleiden (das tat er am Kreuz bereits), sondern um   den Triumph über die Dämonen zu erfahren und den Verdammten   die Rechtmäßigkeit ihrer Höllenstrafen klarzumachen (Die in   1.Petr.3,18f erwähnte Predigt wird als Predigt des Gesetzes   verstanden).
 - Die Auferstehung Christi
 - Die Himmelfahrt Christi: Sie bedeutet Inbesitznahme des   Reiches Gottes, Öffnung des Paradieses und Bereitung der   Wohnungen im Himmel.
 - Das Sitzen zur Rechten Gottes: Christi Weltregiment zur Ehre   seines Namens und zu Trost und Seligkeit der betrübten Kirche.

3.4.3. Der Streit zw. Tübingen und Gießen über den Stand der Erniedrigung - der sog. Kenosis-Streit (seit 1619)

Der Streit geht aus von der beiderseitigen Bejahung des genus meiestaicum und der Unterscheidung der beiden Stände. Er beschränkt sich allein auf die Frage, wie der Stand der Erniedrigung zu verstehen ist.
- Die Tübinger Position: Christus besaß und gebrauchte auch im  Stand der Erniedrigung seine göttliche Majestät, jedoch auf  verdeckte und verhüllte Weise (-> Krypsis). Damit wollen sie  die Unauflöslichkeit der Verbindung beider Naturen betonen.
- Die Gießener Position: Christus besaß im Stand der Erniedrigung die göttl. Majestät, gebrauchte sie aber nach seinem  eigenen Willen nicht (-> Kenosis). Für sie entspricht die  Tübinger Position nicht den berichteten Geschehnissen, die von  einer Entäußerung der göttl. Majestät zeugen. Ein verhülltes  Regiment ist aber nicht die wirkliche Entäußerung des Regiments.
Der Streit lief sich nach jahrelangen Auseinandersetzungen tot. Im Grunde setzte sich die Gießener Position durch. Verworfen wird einerseits die These, Christus hätte von seiner göttl. Majestät einen verhüllten Gebrauch gemacht, andererseits aber auch die Aussage, er hätte sich ihrer ganz entäußert.
Im Grunde wiederholt sich in diesem Streit der alte Gegensatz zw. monophysitischer und duophysitischer Christologie auf der Basis der lutherischen Christologie.


B. Das dreifache Amt Christi (triplex munus Christi)

Das Mittleramt Jesu Christi ist dreifach gegliedert:

1. Das prophetische Amt Christi

Christus führt das prophetische Amt, indem er und den Willen  des Vaters offenbart und lehrt: Dies auf zweifache Weise:
- Während seiner sichtbaren Gegenwart predigte er das Evangelium  und setzte Predigtamt und Sakramente ein.
- Nach seiner Himmelfahrt wirkt er durch Predigt und Sakramente in  seiner Kirche.

2. Das hohepriesterliche Amt Christi

Christus übte in seiner sichtbaren Existenz Genugtuung  (satisfactio) durch tätlichen Gehorsam (oboedientia activa),  indem er sich an unserer Stelle dem Gesetz unterwarf und es  vollkommen erfüllte,  und durch leidentlichen Gehorsam  (oboedentia passiva), indem er die Sünden der ganzen Welt auf  sich übertragen ließ, die ihnen gebührende Strafe freiwillig  büßte und sich so an unserer Stelle zum Schuldopfer für unsere  Sünden (Erbsünde und Tatsünden) hingab.
- Christus übt in seiner Existenz zur Rechten Gottes Vertretung  (intercessio), indem er bei Gott für alle Menschen bittet,  dass ihnen die Frucht seines Todes zugeeignet wird, und indem er  im Besonderen für alle Wiedergeborenen und Erwählten bittet,  dass sie im Glauben und der Heiligkeit bewahrt werden u. wachsen.
- Mit den Sozinianer kommt es zur Auseinandersetzung um die  Satisfaktionstheorie: In dieser läge das Dilemma, dass Gott die  Sünde hätte entweder nicht vergeben können oder nicht vergeben  wollen. Die orthodoxen Theologen antworten drauf, dass Gott zwar  fähig gewesen wäre, die Schuld zu vergeben, mit Rücksicht auf  seine Gerechtigkeit und die Gültigkeit des Gesetzes die Schuld  aber nicht einfach vergeben habe.

3. Das königliche Amt Christi

Christus führt sein königliches Amt, indem er gewaltig herrscht  und regiert über alles im Himmel und auf Erden, insbesondere  in seiner Kirche. Dabei herrscht Christus über drei Reiche:
- Das Reich der Kraft (regnum potentiae) umfasst die allgemeine  Beherrschung der Kreaturen im Himmel und auf Erden.
- Das Reich der Gnade (regnum gratiae) umfasst die besondere  Wirkung Christi in seiner Kirche, wo er durch seine Diener in  Predigt und Sakrament wirkt.
- Das Reich der Herrlichkeit (regnum gloriae) umfasst das  himmlische Reich der auferstandenen Glaubenden, von dem die  Ungläubigen und Unbußfertigen ausgeschlossen sind.

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