Mittwoch, 13. Juli 2011

Die Christologie der lutherischen Orthodoxie

A. Die Person Christi

1. Die Gottheit und Menschheit des Erlösers je für sich betrachtet

Jesus Christus ist wahrer Gott:
- Jesus Christus ist die zweite Person der Gottheit, die in Ewigkeit mit dem Vater und dem Sohn in einer Wesenheit ist (mit dem Vater).
- Als die Zeit erfüllt war, nahm der ewige Sohn Gottes zur Erlösung der Menschen eine menschliche Natur in die eigene Hypostase auf, so dass fortan diese menschl. Natur zur Vollständigkeit des Gottessohnes gehörte (-> Anhypostasie).
- Die Erlösung der Menschen ist die eigentümliche Handlung der zweiten Person der Trinität nach außen (operatio ad extra).
Jesus Christus ist wahrer Mensch:
- Die menschl. Natur Jesu Christi hat die gleiche Wesenheit wie unsere (consubstantialis mit den Menschen): Christus hat einen organischen Leib und eine vernünftige Seele.
- Die menschl. Natur ist Kreatur Gottes.
Individuelle Eigentümlichkeiten (proprietates) der menschl. Natur Christi, die andere Menschen nicht aufweisen (die aber an seiner wahren Menschheit nichts nehmen):
- Anhypostasie, d.h. das Ermangeln einer eigenen Subsistenz (Hätte Christus eine eigene Subsistenz bestünde der Erlöser aus zwei Personen). Das Personsein wird also ganz durch die göttliche Natur bestimmt.
- Anharmartesie, d.h. die anhaftende Unsündlichkeit, durch die Christus von aller Erbsünde und aller Tatsünde frei ist.
- Die menschl. Natur Christi entsteht durch ein ungeteiltes Werk der ganzen Trinität nach außen und wird dann der Hypostase der zweiten Person der Trinität zugeeignet. Das materiale Prinzip ist dabei Empfängnis und Geburt durch die Jungfrau Maria.


2. Der Akt der Vereinigung beider Naturen (unitio personalis)

Die Inkarnation oder unitio personalis ist der göttl. Akt, durch den der ewige Sohn Gottes im Mutterleib der Jungfrau Maria die menschl. Natur in die Einheit seiner Person aufgenommen hat und ihr damit Anteil gegeben hat an seiner Hypostase und seiner göttlichen Natur, so dass nunmehr die menschl. Natur untrennbar mit der göttlichen Natur die eine Person des Erlösers ausmachen.
- Subjekt der Vereinigung. Die menschl. Natur wird in die göttl. Hypostase aufgenommen.
- Ziel der Inkarnation ist die Erlösung der Menschen; ohne deren Sünde hätte der Sohn Gottes nicht die menschl. Natur angenommen.


3. Das Wesen der Vereinigung beider Naturen wird beschrieben durch


3.1. Das persönliche Einssein (unio personalis)

Während die Vereinigung (unitio) einen Akt beschreibt, ist mit dem Begriff des Einsseins (unio) das aus diesem Akt resultierende beständige Sein bezeichnet.
- Das persönliche Einssein meint die unauflösliche Verbundenheit beider Naturen in der einen Hypostasie (Person) des Gottmenschen.
- Dieses Einssein beider Naturen in der einen Person des Gottmenschen ist nicht sprachlich, haltungsmäßig (habitualis) oder in bestimmter Beziehung (respectiva), sondern real. Es ist weder zufällig (accidentalis) noch wesenhaft (essentialis) sondern persönlich (personalis) und durchdringend (perichoristica).
- Die unio personalis wird durch die vier Bestimmungen von Chalcedon beschrieben: Beide Naturen sind in der einen Person unvermischt (inconfuse), unverwandelt (inconvertibiliter), ungetrennt (indivulse), ungesondert (inseparabiliter).
- Aufgrund der unio personalis ist der Gottmensch als ein Subjekt und eine Person (aus zwei Naturen) anzusprechen. Handlungen und Eigenschaften einer Natur können der ganzen Person zugesprochen werden (Bsp.: Jesus Christus ist der Menschensohn).


3.2. Die Gemeinschaft der Naturen (communio naturarum)

Durch die unitio erhalten beide Naturen aneinander Anteil, jedoch nicht in gleicher Weise: Die göttl. Natur durchdringt und vollendet die menschl. Natur und nimmt in ihr Wohnung. Die menschl. Natur aber wird von der göttl. Natur durchdrungen und vollendet und von ihr zur Wohnung genommen.
- Ziel des persönlichen Einsseins ist die Vollbringung der Werke des Erlöseramtes.
- Aufgrund der communio naturarum sind also Aussagen über die Person (praedicationes personalis) möglich, in der der einen Natur die konkreten Fähigkeiten und Handlungen der anderen Natur zugeschrieben werden (z.B.: Der Menschensohn ist der Sohn des lebendigen Gottes; Gott ist Mensch; Maria ist die Gottesmutter).

Die unio personalis und die communio naturarum wird beschrieben durch die


3.3. Communicatio idiomatum (wechselseitige Gemeinschaft in den Besonderheiten - vgl. Konkordienformel)

Die communicatio idiomatum (proprium, Besonderheit) ist das wahrhafte und reale (nicht nur sprachliche oder gedankliche) Anteilgeben an den Besonderheiten der göttlichen und menschlichen Natur.
- Es gibt drei Genera (Arten) der Communicatio idiomatum:
Das genus idiomaticum (Übereignung) - primus genus:
- Die Besonderheiten der göttl. oder der menschl. Natur werden wahrhaft und real der ganzen Person des Erlösers beigelegt, die mit einer der beidenn Naturen oder mit einem Persontitel bezeichnet werden kann (so z.B. gesagt werden: Gott leidet).
- Deshalb nimmt die göttliche Natur auch an den Spezifika der menschl. Natur teil, auch wenn sie sie selbst nicht ausführt (So ist die göttl. Natur leidensunfähig, nimmt aber am Leiden der menschl. Natur durch eine begleitende Tätigkeit (energetisch) teil, indem sie das Leiden z.B. Wirkungsmacht und Wert beilegt.
genus maiestaticum (Vergottung) - secundus genus:
- Um der unio personalis willen teilt der Gottessohn die Idiome seiner göttlichen Natur an die angenommene menschliche Natur wahrhaft und real mit, so dass die Idiome nun von beiden Naturen gemeinsam besessen und gebraucht werden.
- Zu unterscheiden ist hier zw. anenergetischen oder ruhenden Attributen und energetischen Attributen. Während energetische Attribute in Tätigkeiten nach außen hin zeigen, sind anenergetische Attribute Seinsqualifikationen, die sich höchstens in Handlungen äußern (z.B. Ewigkeit, Unendlichkeit). Die energetischen Attribute sind in der Ausübung des Erlöseramtes beteiligt, die anenergetischen dagegen nicht.
- In der unitio personalis wird das genus maiestaticum vollzogen, nach außen äußert es sich in vollem und ununterbrochenem Gebrauch aber erst nach der Erhöhung (vgl. dazu d. Ständelehre).
- Durch das genus majestaticum erhält die menschl. Natur Anteil an der göttl. Allmacht, dem göttl. Wissen aller Dinge, der göttl. (unräumlichen) Allgegenwärtigkeit (-> wichtig für die Ubiquitätslehre beim Abendmahl) und der Anbetung.
- Eine umgekehrte Mitteilung der Eigenschaften den menschl. Natur an die göttliche, das sog. genus tapeinoticum wird wegen der Unveränderlichkeit der göttl. Natur abgelehnt.
genus apotelesmaticum (Gemeinschaft der Tätigkeit) - tertius genus:
- In den Handlungen, in denen Jesus Christus sein Amt ausführt, wirken beide Naturen das ihnen je Eigentümliche (z.B. leidet und gehorcht im priesterlichen Amt die menschl. Natur, die göttl. bejaht den Gehorsam, lässt sich die Gewalt gefallen, stärkt die menschl. Natur und fügt den Wert des Leidens hinzu).
- Die Erlösung wird also nicht durch eine Natur allein gewirkt.

Das genus majestaticum nötigt zur Unterscheidung der zwei Stände. Von der Empfängnis bis zum Tode und der Sein im Grabe hat Jesus Christus sich im Gebrauch seiner göttlichen Majestät zurückgehalten und beschränkt; auferweckt, zum Himmel gefahren und erhöht zur Rechten Gottes hat er sie aber voll in Gebrauch genommen (locus classicus: Phil.2,6ff). Entsprechen sind der Stand der Erniedrigung und der Stand d. Erhöhung zu unterscheiden:


3.4.1. Der Stand der Erniedrigung (status exinanitionis)

Die Erniedrigung Christi besteht nicht in der Annahme der menschl. Natur, sondern im Verzicht auf den vollen und unablässigen Gebrauch der göttlichen Majestät (so die Sprachregelung des Hauptstroms der lutherischen Orthodoxie nach dem KenosisStreit). Christus ist so erniedrigt worden in Hinblick auf seine menschl. Natur, die durch das genus maiestaticum Anteil hat an der göttl. Natur.
- Die Erniedrigung äußert sich darin, dass Christus anderen Menschen in der gewöhnlichen Weise zu leben gleich geworden ist, aber v.a. darin, dass er Leiden und Tod erduldet hat. - Christus erlitt die Erniedrigung um unserer, nicht um seiner Sünden willen. Am Kreuz erlitt er die Qualen, die den ewigen (Höllen)Qualen der Verdammten gleich sind.


3.4.2. Der Stand der Erhöhung (status exaltationis)

Der Stand der Erhöhung bedeutet den vollen und unablässigen Gebrauch der göttlichen Majestät, die durch die unio personalis nach dem genus maiestaticum auch der menschl. Natur mitgeteilt wird.
- Der Stand der Erhöhung beginnt mit der Auferstehung und vollzieht sich in vier Akten:
- Die Niederfahrt in die Hölle: Christus fährt nicht zur Hölle um etwas zu erleiden (das tat er am Kreuz bereits), sondern um den Triumph über die Dämonen zu erfahren und den Verdammten die Rechtmäßigkeit ihrer Höllenstrafen klarzumachen (Die in 1.Petr.3,18f erwähnte Predigt wird als Predigt des Gesetzes verstanden).
- Die Auferstehung Christi
- Die Himmelfahrt Christi: Sie bedeutet Inbesitznahme des Reiches Gottes, Öffnung des Paradieses und Bereitung der Wohnungen im Himmel.
- Das Sitzen zur Rechten Gottes: Christi Weltregiment zur Ehre seines Namens und zu Trost und Seligkeit der betrübten Kirche.


3.4.3. Der Streit zw. Tübingen und Gießen über den Stand der Erniedrigung - der sog. Kenosis-Streit (seit 1619)

Der Streit geht aus von der beiderseitigen Bejahung des genus meiestaicum und der Unterscheidung der beiden Stände. Er beschränkt sich allein auf die Frage, wie der Stand der Erniedrigung zu verstehen ist.
- Die Tübinger Position: Christus besaß und gebrauchte auch im Stand der Erniedrigung seine göttliche Majestät, jedoch auf verdeckte und verhüllte Weise (-> Krypsis). Damit wollen sie die Unauflöslichkeit der Verbindung beider Naturen betonen.
- Die Gießener Position: Christus besaß im Stand der Erniedrigung die göttl. Majestät, gebrauchte sie aber nach seinem eigenen Willen nicht (-> Kenosis). Für sie entspricht die Tübinger Position nicht den berichteten Geschehnissen, die von einer Entäußerung der göttl. Majestät zeugen. Ein verhülltes Regiment ist aber nicht die wirkliche Entäußerung des Regiments.
Der Streit lief sich nach jahrelangen Auseinandersetzungen tot. Im Grunde setzte sich die Gießener Position durch. Verworfen wird einerseits die These, Christus hätte von seiner göttl. Majestät einen verhüllten Gebrauch gemacht, andererseits aber auch die Aussage, er hätte sich ihrer ganz entäußert.
Im Grunde wiederholt sich in diesem Streit der alte Gegensatz zw. monophysitischer und duophysitischer Christologie auf der Basis der lutherischen Christologie.


B. Das dreifache Amt Christi (triplex munus Christi)

Das Mittleramt Jesu Christi ist dreifach gegliedert:


1. Das prophetische Amt Christi

Christus führt das prophetische Amt, indem er und den Willen des Vaters offenbart und lehrt: Dies auf zweifache Weise:
- Während seiner sichtbaren Gegenwart predigte er das Evangelium und setzte Predigtamt und Sakramente ein.
- Nach seiner Himmelfahrt wirkt er durch Predigt und Sakramente in seiner Kirche.


2. Das hohepriesterliche Amt Christi

Christus übte in seiner sichtbaren Existenz Genugtuung (satisfactio) durch tätlichen Gehorsam (oboedientia activa), indem er sich an unserer Stelle dem Gesetz unterwarf und es vollkommen erfüllte, und durch leidentlichen Gehorsam (oboedentia passiva), indem er die Sünden der ganzen Welt auf sich übertragen ließ, die ihnen gebührende Strafe freiwillig büßte und sich so an unserer Stelle zum Schuldopfer für unsere Sünden (Erbsünde und Tatsünden) hingab.
- Christus übt in seiner Existenz zur Rechten Gottes Vertretung (intercessio), indem er bei Gott für alle Menschen bittet, dass ihnen die Frucht seines Todes zugeeignet wird, und indem er im Besonderen für alle Wiedergeborenen und Erwählten bittet, dass sie im Glauben und der Heiligkeit bewahrt werden u. wachsen.
- Mit den Sozinianern kommt es zur Auseinandersetzung um die Satisfaktionstheorie: In dieser läge das Dilemma, dass Gott die Sünde hätte entweder nicht vergeben können oder nicht vergeben wollen. Die orthodoxen Theologen antworten drauf, dass Gott zwar fähig gewesen wäre, die Schuld zu vergeben, mit Rücksicht auf seine Gerechtigkeit und die Gültigkeit des Gesetzes die Schuld aber nicht einfach vergeben habe.


3. Das königliche Amt Christi

Christus führt sein königliches Amt, indem er gewaltig herrscht und regiert über alles im Himmel und auf Erden, insbesondere in seiner Kirche. Dabei herrscht Christus über drei Reiche:
- Das Reich der Kraft (regnum potentiae) umfaßt die allgemeine Beherrschung der Kreaturen im Himmel und auf Erden.
- Das Reich der Gnade (regnum gratiae) umfasst die besondere Wirkung Christi in seiner Kirche, wo er durch seine Diener in Predigt und Sakrament wirkt.
- Das Reich der Herrlichkeit (regnum gloriae) umfaßt das himmliche Reich der auferstandenen Glaubenden, von dem die Ungläubigen und Unbußfertigen ausgeschlossen sind.

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