Montag, 25. Juli 2011

Die Aneignung des Neuen Seins


Die persönliche Aneignung des Neuen Seins

Das durch diese beiden zentralen Symbole umrahmte Geschehen der Erlösung wird von Tillich als "heilende und rettende Macht in aller Geschichte verstanden". Christus ist die Überwindung der Existenz im Prinzip, er ist Anfang und tragende Kraft aller weiteren Bewegung in diese Richtung.
Im Grunde nehmen alle Menschen bereits am Neuen Sein teil, sonst würden sie ihr Sein verlieren. Es ist jedoch in der Existenz niemand völlig erlöst, auch die nicht, die der heilenden Macht in Jesus als dem Christus begegnet sind. Er ist aber das Kriterium aller erlösenden Kräfte in der Geschichte, sei es im Heidentum, Judentum oder Christentum, da die Kraft der Erlösung in ihm unbegrenzt und in Vollkommenheit vorhanden ist.

Tillich beschreiben drei Seiten der Erlösung, in denen das Wirken des göttlichen Versöhnungsaktes zum Ausdruck kommt:
- Die Wiedergeburt drückt die Teilnahme am Neuen Sein aus. Sie  hat eine objektive Seite, indem sie der neue Zustand der Dinge  ist, die neue Wirklichkeit, die schon da ist, die die Menschen  ergreift. Glaube statt Unglauben, Hingabe statt Hybris, Liebe  statt Konkupiszenz. Und sie hat eine subjektive Seite, die die  persönliche Hinwendung zum Neuen Sein bezeichnet.
- Die Rechtfertigung drückt die Annahme des Neuen Seins aus.  Sie setzt den Glauben voraus, als den Zustand des Ergriffenseins des Menschen von der Präsenz Gottes. Rechtfertigender  Glaube ist allerdings kein Akt des Menschen, obwohl er sich in  diesem ereignet, sondern er ist Werk des göttlichen Geistes.  Somit ist auch die Rechtfertigung zunächst ein objektives und  dann ein subjektives Ereignis. Im objektiven Sinn ist sie der  Akt Gottes, in dem Gott die von ihm entfremdete Menschheit mit  sich wiedervereinigt. Die subjektive Seite ist die Tatsache,  dass der Mensch bejahen muss, dass er, trotz seiner Unannehmbarkeit, von Gott bejaht ist. Es ist das Wirken Gottes, das diese  persönliche Bejahung möglich macht. Daher Rechtfertigung aus  Gnade (Gott ist der alleinige Grund) im Glauben (Er ist der  Kanal der Vermittlung dieses Geschehens). Diese zentrale Lehre  der Reformation hat also auch bei Tillich eminente Bedeutung, ja  er radikalisiert sie bis hin zur Rechtfertigung des Zweiflers.
- Im Unterschied zu Wiedergeburt und Rechtfertigung, die die  Wiedervereinigung dessen, was entfremdet ist, beschreiben, bezeichnet Heiligung den darauf folgenden Prozess der Umwandlung  durch das Neue Sein. Sowohl im religiösen als auch im profanen  Leben wird das Neue Sein durch die heiligende Funktion des  göttlichen Geistes verwirklicht.


Das Wesen des Glaubens und der Sinn des Zweifels

Glauben ist "das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht" und somit ein Akt des ganzen Menschen. Glauben schließt Denken, Wollen und Fühlen ein, aber er ist weder auf einen Erkenntnisakt, noch auf einen Willens- oder Gefühlsakt zu reduzieren. Er transzendiert dies alles ins Ganze. Die entsprechenden Einseitigkeiten werden von Tillich vehement verworfen, weil sie zur Entmenschlichung des Menschen führen.
Weil wir aber den Gegenstand des Glaubens nicht besitzen, gehört zum Glauben ein Element des Wagens. Der positive Aspekt des Wagens ist das Element des Mutes, das Tillich immer wieder betont. Der Mut lässt sich auf das Wagnis des Glaubens ein. "Man kann den Glauben nicht durch Mut ersetzen, aber man kann den Glauben auch nicht vom Mut trennen." Es ist der "Mut zum Sein" angesichts von Angst, Sorge, Tod und Schuld. Seine Quelle liegt in der "Macht des Seins-Selbst", an der ich teilhabe. Ich erfahre mich, trotz meiner Unannehmbarkeit und trotz meiner Angst, als bejaht und finde dadurch den Mut, mich selbst zu bejahen und anzunehmen.
Im letzten Mut zum Sein schwingt aber immer noch etwas mit, was nie ganz überwunden werden kann, der Zweifel. Schon sehr früh als Student war Tillich die Erkenntnis der Ausdehnung der Rechtfertigung nicht nur auf das religiös-moralische, sondern auch auf das religiös-intellektuelle Gebiet wichtig. Die reformatorische Rechtfertigungslehre konnte nur dann zu ihrer radikalen Konsequenz und Bedeutung kommen, wenn der Mensch nicht nur trotz seiner moralischen, sondern auch trotz seiner gedanklichen Fehlleistungen (Irrglaube) von Gott angenommen werden kann. Folglich vermag Zweifel ebenso wenig von Gott zu trennen wie die Sünde (natürlich im Licht der Rechtfertigung).
Aber mehr noch gab Tillich dem Zweifel eine positive Bedeutung. Echter, tiefer Zweifel an einer konkreten Gestalt von Glauben oder an einem bestimmten Gottesbild kann ja seine Leidenschaft nur aus dem Glauben an die Wahrheit und ihren Wert erhalten. Wäre er nicht so tief, so lohnte es sich nicht zu zweifeln, dann könnte es gleichgültig sein, zu glauben oder eben nicht. Deshalb ist im Zweifel unbedingte Wahrheit zugegen, wenn auch nur in der Form, dass ich den augenblicklichen Mangel an Wahrheit ausdrücke und in dieser Ehrlichkeit in der Wahrheit bin. Damit ist der Zweifel eine konkrete Form des prophetischen Protestes.
Mit dieser positiven Würdigung des Zweifels tritt Gott für Tillich aus dem frommen Raum hinaus und ist überall zugegen, sogar im Atheisten. "So ergriff mich das Paradox, dass wer Gott ernstlich leugnet, ihn bejaht. Ohne dies hätte ich nicht Theologe bleiben können."


Paul Tillich als Kulturtheologe - die Profanität des Glaubens

Gott ist der Urgrund allen Seins und die Kraft des Neuen Seins in Christus (vgl. Tillichs Versöhnungslehre) überschreitet alle Unterschiede und wirkt in allem. Darum hat es Theologie nicht nur mit Religion im engeren Sinne zu tun (Glaube, Kirche etc.), sondern auch im weiteren Sinne (Gesellschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur, Kunst). In allen Erscheinungsformen des menschlichen Erlebens und Gestaltens sucht sie nach dem Unbedingten, das sich darin ausdrückt, nach dem religiösen Sinn. Der Ort der Gnade ist die ganze Welt!
Das führt zum Begriff des "gläubigen Realismus". Realismus soll besagen, dass es in der Religion nicht um eine Überwirklichkeit geht, sondern um die Wirklichkeit, die uns umgibt. Das Wort "gläubig" soll das Verhältnis zu dieser Wirklichkeit beschreiben. Der "gläubige Realismus" übt Kritik an allen Formen des Supranaturalismus, der Gott in einen übernatürlichen Bereich verbannt. Er drängt auf "Gegenwärtigkeit". Der Theologe soll die Kreatürlichkeit aller Dinge und ihre Beziehung zum schöpferischen Grund darlegen.
Mit dem gläubigen Realismus ist eine bestimmte Erkenntnishaltung verbunden, in der die Subjekt-Objekt-Spaltung aufgehoben ist. Das Erkennen der Wirklichkeit bedeutet nicht Herrschaft, sondern Einung, Teilhabe. Das Erkennen ist vom Erleben nicht abzutrennen. Die Tiefe der Wirklichkeit wird nur auf dem Weg der Intuition erreicht. Diesbezüglich kann von einer neuplatonisch augustinisch-mystischen Tradition geredet werden, in der Tillich steht (Augustin, Eckart, Böhme, Goethe, Schelling).
Natürlich spiegelt sich im Ganzen eine universale Ausweitung des Religionsbegriffes wider. Wenn das Göttliche und Unbedingte der transzendente Grund der ganzen Wirklichkeit ist, dann hat alles in der Welt eine Beziehung zu Gott. Die Religion ist dann nicht ein besonderer Bereich des Lebens. Daraus ergibt sich eine enge Beziehung zwischen Religion und Kultur. "Religion ist die Substanz der Kultur und Kultur die Form der Religion."
Mit all dem hat Tillich die Profanität als ein Wesenselement des Christentums, v.a. des Protestantismus, wiederentdeckt. Wenn das religiöse Denken und Handeln nur sichtbar repräsentiert, was im profanen Denken und Handeln verborgen vorhanden ist, dann ist damit die Trennung zwischen einer heiligen und einer profanen Sphäre prinzipiell aufgehoben. "Der Priester ist Laie und der Laie kann jederzeit Priester sein." Wenn also Gott das ist, was uns unbedingt angeht, dann kann es sein, dass Gott in der Kirche ein endliches Anliegen wird, ein Objekt unter Objekten, während gleichzeitig in einer profanen, ja evtl. sogar anti-christlichen Bewegung ein religiöses Element verborgen ist, weil in ihr ein unendliches Anliegen, das unbedingt angeht, zum Ausdruck kommt, Heiliges in profanem Gewande (-> Dies ermöglichte Tillich auch das Engagement als religiöser Sozialist). Diese Form protestantischer Gestaltung gelingt natürlich nur, wenn sie immer zugleich den protestantischen Protest gegenüber sich selber in sich trägt. Es gibt also für Tillich Christen wie Nichtchristen, die sich in ihrem Glauben ständig vom Unglauben und in ihrem Unglauben ständig vom Glauben bedroht fühlen und die gerade durch die Intensität ihres Fragens und Zweifelns die Lebendigkeit Gottes bezeugen. Konsequenterweise rechnete Tillich deshalb auch mit Offenbarungen außerhalb des Christentums, ohne allerdings den Absolutheitsanspruch des Christentums grundsätzlich preiszugeben. Ferner konnte Tillich auch in außerkirchlichen Gemeinschaften wahrhaft religiöse Gemeinschaft (-> Geistgemeinschaft) erkennen. In seiner Ekklesiologie ist also die wahre Kirche nicht auf die Institution Kirche begrenzt.
Diese Vereinnahmung des ganzen kulturellen Lebens für Glauben und Religion führt allerdings auch zu einer Verwischung des Spezifischen des Glaubens. Nicht zufällig wird für Tillich Gott zu einer unpersönlichen Größe (er spricht vom neutralen Sein).


Tillichs Ekklesiologie

Tillich unterscheidet zwischen "manifester" und "latenter" Kirche. Später unterscheidet er auch zwischen "Geistgemeinschaft" und "Kirche", um dem traditionellen Missverstehen zu entgehen. Was ihm diese Unterscheidung dringlich macht, ist "die Existenz eines christlichen Humanismus außerhalb der christlichen Kirche". Es geht mit dem Begriff "latente Kirche" eben nicht um die traditionelle Einengung der wahrhaft Gläubigen, sondern um eine Ausweitung auf die, die scheinbar nicht mehr gläubig sind. "Es geht nicht an, alle, die den organisierten Kirchen und überlieferten Symbolen entfremdet sind, als unkirchlich zu bezeichnen. Mein Leben in diesen Gruppen ein halbes Menschenalter lang zeigte mir, wieviel latente Kirche in ihnen ist: Erlebnis der menschlichen Grenzsituation, Frage nach dem Jenseitigen, Begrenzenden, unbedingte Hingabe für Gerechtigkeit und Liebe, Hoffnung, die mehr ist als Utopie, Anerkennung der christlichen Wertung und feinstes Empfinden für den ideologischen Missbrauch des Christentums in Kirche und Staat (...). Latente Kirche ist ein Begriff der Grenze, an der zu stehen Schicksal unzähliger protestantischer Menschen in unseren Tagen ist."
Die Geistgemeinschaft (= Die Gemeinschaft des Neuen Seins; sie ist durch den göttlichen Geist geschaffen und ist Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe) ist für Tillich in diversen Gruppen solange latent, wie diese der zentralen Offenbarung in Jesus als dem Christus nicht begegnet sind. Die Kirchen hingegen repräsentieren die Geistgemeinschaft in manifester Form.


Warum gibt es aber diese Unterscheidung überhaupt?

Weil das Reich Gottes noch nicht gekommen ist. "Könnten wir das Heilige in jeder Wirklichkeit sehen, lebten wir im Reich Gottes." Daher gibt es ja auch noch die Religion als einen besonderen Bereich der Welt. Sie verdankt ihre Existenz der Tatsache, dass der Mensch von seinem wahren Sein getrennt ist und im Stand der Entfremdung lebt. Das Neue Sein, das in Christus erschienen ist, hat diese Trennung zwar prinzipiell, aber noch nicht faktisch aufgehoben. Tillich weiß, dass diese "Dualität" niemals innerhalb der Geschichte überwunden werden kann.

Tillich kennt drei Arten bzw. Funktionen, wie die Kirche nach außen" wirkt:
1. Stilles Durchdringen (Ständige Ausstrahlung ihrer geistigen  Substanz auf alle Gruppen der Gesellschaft -> priesterlich).
2. Kritisches Urteilen (Wechselseitige Beziehung zwischen Kirche  und Gesellschaft -> prophetisch).
3. Politisches Handeln (Es ist Aufgabe der Kirche, andere soziale Gruppen so zu beeinflussen, dass sie das Recht der Kirche  zur Ausübung ihrer prophetischen oder priesterlichen Funktion  anerkennen -> königlich).

Alles in allem gibt es in der Kirchenlehre Tillichs Spannungen, da er im Laufe ihrer Entwicklung die Begrifflichkeit verändert hat und es somit nicht immer ganz klar ist, was er meint.


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