Freitag, 29. Juli 2011

Der synkretistische Streit


Der Helmstedter Theologe Georg Calixt (1586-1656) entwickelte ein Unionsprogramm zur Wiederherstellung der universalen Einheit der Kirche. Dazu lehrte er folgendes:
- Man kann nicht leugnen, dass Päpstliche und Reformierte Glieder  Christi sind. Denn die deren zu verurteilende Lehren bringen  noch nicht den Ausschluss vom Heil mit sich. Deshalb muss man  sich in einer Kirche zusammenfinden.
- Die entscheidenden Heilswahrheiten sind einfach, jedermann verständlich und zu allen Zeiten nach Inhalt und Umfang identisch.  Deshalb muss das, was in den ersten Jahrhunderten zur Seligkeit  ausreichend war, auch heute zur Seligkeit ausreichen.
- Diese entscheidenden Heilswahrheiten sah er im Apostolikum zusammengefasst (-> Lehre von der Suffizienz des Apostolikums).  Dieses ist zw. den Konfessionen unumstritten. Die reformatorischen Bekenntnisse wie die dogmatischen Fixierungen des Tridentinums sind deshalb entbehrlich.
- Was zur Seligkeit nicht unbedingt gewusst werden muss (sekundäre  Fundamentalartikel), kann auch nicht heilsnotwendig sein. Deshalb kann die Bestreitung sekundärer Fundamentalartikel nicht  kirchentrennend sein, da den Bestreitern vielleicht nur noch  nicht aufgegangen ist, dass ihre Bestreitung in Widerspruch zu  einem sonst festgehaltenen Fundamentalartikel steht (Voraussetzung: Die christl. Lehre bildet ein homogenes logisches Aussagensystem). Damit sind die Fundamentalartikel auf die articuli  primarii constituentes einzuschränken.
- Die kirchl. Tradition der ersten fünf Jahrhunderte kann deshalb auch neben dem Schriftprinzip positiv gesehen werden, wenn  sie auch dem Schriftprinzip untergeordnet bleiben muss.
- Auf der Basis des Apostolikums ist deshalb, wenn auch nicht die  Wiedervereinigung der getrennten Kirchen, so doch gegenseitige  Toleranz und Ende der gegenseitigen Verdammungen möglich.
Dieses Programm rief den Widerstand der Wittenberger Orthodoxie hervor. Der Streit um den Synkretismus (zunächst ein positiver Begriff für die Vereinigung zw. Lutheranern und Reformierten) erregte die luther. Kirche über 50 Jahre und fand ihren Höhepunkt im Versuch einer anticalixtinischen Bekenntnisbildung durch die kursächsischen Theologen. Sie verfassten den "Consensus repetitus fidei vere Lutheranae" (1655), eine Widerlegungsschrift gegen Calixt. Hauptangriffspunkt war die unzureichende Bestimmung der heilsnotwendigen Lehren (Fundamentalartikel). Zu ihnen gehören für die Wittenberger auch die Lehren von der Erlösung, von der Genugtuung, vom Verdienst Christi, von der Rechtfertigung u.a. Das Apostolikum oder auch die altkirchl. Symbole zusammen sind deshalb nicht ausreichend zur Bestimmung des heilsnotwendigen Glaubens. Auch auf katholischer Seite gehörte umgekehrt die normativen Instanzen von Konzil und Papst zum unaufhebbaren Grundbestand der Lehre.
Dennoch misslang der Versuch einer bekenntnismäßigen Fixierung der anticalixtinischen Position. Die Jenaer Theologen und die Fürsten versagten ihre Zustimmung und Unterschrift zu dem Wittenberger Entwurf.

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