Dienstag, 19. Juli 2011

Der religiöse Sozialismus


Mit dem Begriff "religiöse Sozialismus" wird in Deutschland eine antibürgerliche, antinationale Gruppe sozialistisch geprägter evangelischer Theologen bezeichnet, die in Deutschland erst nach dem 1.Weltkrieg eine breitere Wirkung erlangt hatte. Dabei knüpfte der deutsche religiöse Sozialismus an die Schweizer Bewegung um H.Kutter und L.Ragaz an, die wiederum von den beiden Blumhardts beeinflusst waren. Der religiöse Sozialismus hatte also 1918 bereits eine 20jährige Vorgeschichte. Scharf unterscheiden sich die religiösen Sozialisten von den national-konservativen Christlich-Sozialen (Stoecker) und den liberalen Evangelisch Sozialen (Naumann), denen es v.a. um sozial-karitatives Engagement, nicht aber um eine grundsätzliche Systemveränderung ging.
Die Vorkämpfer des religiösen Sozialismus erfuhren die Spannung zwischen einer selbstgerechten Kirche, die die verarmten proletarischen Massen bestenfalls als Objekte der Mildtätigkeit und der Bekehrungspredigt (-> Innere Mission), zumeist aber als vaterlandslose und gottlose Gesellen abtaten, und der sozialistischen Bewegung, die die Kirche als reaktionären Überbau des kapitalistischen Staates verstanden, als großes Unglück. Die atheistische Ideologie der Sozialisten verstanden die religiösen Sozialisten als Bussruf an die Kirche, den Sozialismus als prinzipiell vereinbar mit dem christlichen Glauben.
Während in der Mitte des 19.Jhdts. in England die entstehende christlich-soziale Bewegung derart weit in die Kirche hineinwirkte, dass der scharfe Gegensatz zw. Kirche und sozialistischer Bewegung vermieden werden konnte, waren die deutschen überwiegend lutherischen Kirchen (Zwei-Reiche-Lehre und These von der Eigengesetzlichkeit von Politik und Wirtschaft) derart mit Bürgertum und Thron verbunden, dass eine über das karitative hinausgehende Reformbewegung nur bei wenigen Außenseitern Fuß fassen konnte.

Christoph Blumhardt

Johann Christoph Blumhardt, der Ältere (1805-80), war geprägt vom württembergischen Pietismus und hatte im Vertrauen auf Gott in seiner Gemeinde Möttlingen bei Calw eine Wunderheilung erlebt (Losung: "Jesus ist Sieger"). Es begann eine weite Kreise ziehende Bußbewegung, die sehr volkstümlich nüchtern blieb und in der Heilungen als selbstverständliche Folge der Offenbarung der Macht Christi erfahren wurden. Der hohe Andrang veranlasste eine Übersiedlung nach Bad Boll. Es entstand eine enge Verbindung mit der Brüdergemeinde.
Sein Sohn Christoph Blumhardt, der Jüngere (1842-1919), war mit den Erfahrungen seines Vaters aufgewachsen und übernahm 1880 nach dem Tod seines Vaters die Leitung des Kurhauses in Bad Boll. Zunächst in den Fußstapfen seines Vaters stehend entwickelte er doch eine eigene prophetische und vollmächtige Predigttätigkeit. Hauptklennzeichen seiner Theologie:
- Gott ist wirkende Liebe. Er verwirklicht sein Reich in den  geschichtlichen Abläufen der Welt. Das Reich Gottes ist ein  Diesseits und Jenseits umfassender Organismus.
- Jesus Christus ist ihnen v.a. der Überwinder aller gottfeindlichen Mächte. Er ruft alle Menschen in seine Nachfolge  (universaler Heilswille).
- Die Verwirklichung seines Reiches bedeutet das Gericht über den  Egoismus und die Aufrichtung von Gerechtigkeit.
- Die Losung "Jesus ist Sieger" hat universale Dimensionen. Gott  wirkt also nicht nur innerhalb der Kirche oder des Christentums, auch Naturwissenschaften und Sozialismus.
Das Mitgefühl mit der ausgebeuteteten Arbeiterschaft führte ihn in die Arbeiterwelt. 1899 trat er als erster deutscher Theologe in die Sozialdemokratische Partei ein, für die er 1900-1906 Abgeordneter im Württembergischen Landtag war. Die sozialistische Bewegung war für ihn nicht die vollgültige Verwirklichung des Gottesreiches, dennoch aber ein Werk Gottes und ein Bussruf an die selbstgerechte Kirche. Die Weltlichkeit der sozial. Bewegung interpretierte er als das Inkognito Gottes. 1907 zog er sich ganz aus der Arbeit zurück, als er erkannte, dass seine Gottesidee in einer Zeit, die ganz und gar glaubte, aus sich selbst heraus das Glück schaffen zu können, keine Wurzeln fassen könne. Seine Kritik an der wilhelminischen Weltreichspolitik und dem kapitalistischen und imperialistischen Geist der sog. christl. Völker Europas verstummte aber nicht. Den 1.Weltkrieg verstand er als Gericht Gottes.

Hermann Kutter

Hermann Kutter (1869-1931, Gemeindepfarrer, 1898-1926 in Zürich Neumünster) wurde durch Chr. Blumhardt vom pietistischen Individualismus zu einem Reich-Gottes-Glauben geführt, der die Verantwortung für die irdische Welt einschließt. Auch für ihn ist die dynamische Realität des lebendigen Christus der Ausgangspunkt aller Theologie. Gottes Wirken zielt aber auf Gerechtigkeit.
Kutter unterscheidet dabei streng zwischen Gott und Religion: Religion ist nicht mit Gottes Wirken gleichzusetzen und Gott kann auch außerhalb der Religion wirken. So kann Kutter den Sozialismus als Wirken Gottes verstehen, der in seinem Streben nach sozialer Gerechtigkeit und Völkerverständigung Gottes Auftrag wahrnimmt und so zum Gericht für die Kirche wird. Auf diesem Hintergrund kritisiert er dann auch scharf die Kirche und in ihr auch die Christlich-Sozialen, die die notwendigen Systemveränderungen, die die Sozialdemokratie fordert, bekämpfen. Kutters Aufruf "Sie müssen! Ein offenes Wort an die christliche Gesellschaft" (1903 - Das "sie müssen" bezieht sich dabei auf das Von Gott-getrieben-Sein der Sozialisten) wird zur eigentlichen Stiftungsurkunde der schweizerischen religiös-sozialen Bewegung.
Dennoch strebt Kutter nicht eine Synthese zw. Christentum und Sozialismus an und kritisiert auch Blumhardts Eintritt in die SPD. Er fordert stattdessen die völlige Rückkehr zu Gott, denn in der Abwendung von Gott sieht er den Grund allen, auch sozialen, Elends. Sozialistische Aktion ist ihm als Eigenmächtigkeit des Menschen problematisch: "Tun können wir überhaupt nichts, empfangen müssen wir."
Mit seiner Religionskritik, seiner Konzentration auf die Gottesfrage und der Kritik an menschlicher Selbsterlösung wird Kutter so zu einem wichtigen Wegbereiter für die dialektische Theologie.

Leonhard Ragaz

Leonhard Ragaz (1868-1945, seit 1902 Münsterpfarrer in Basel, 1908 Theologie-Professur in Zürich, 1913 Beitritt zur Sozialdemokratischen Partei, 1921 Verzicht auf die Professur zugunsten der sozialen Arbeit in einem Arbeiterviertel Zürichs; wichtige Schriften: "Von Christus zu Marx, von Marx zu Christus", 1929; "Die Gleichnisse Jesu", 1944; "Die Bergpredigt Jesu", 1945) kam durch Kutter vom Christlich-Sozialen zum Sozialismus, in dem er ein Zeichen der Offenbarung Gottes sah. Unter dem Eindruck des realistischen Reich-Gottes-Gedankens des jüngeren Blumhardt sah er das Kommen des Reiches Gottes in einer demokratisch-genossenschaftlichen Gesellschaftsordnung. 1906 wird er zum Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz und setzt sich dann, inspiriert durch Tolstojs Gedanken der Gewaltlosigkeit, für die internationale Friedensarbeit des Völkerbundes und der internationalen Friedensbewegung nach dem 1.Weltkrieg ein.

Die religiös-soziale Bewegung in der Schweiz

Diese Bewegung wurde 1906 u.a. von Kutter und Ragaz ins Leben gerufen (Zeitschrift "Neue Wege"). Sie setzte sich neben dem Engagement für soziale Gerechtigkeit v.a. für die Völkerverständigung ein. Nachdem 1910 auf Schweizer Initiative hin die erste internationale Tagung christlicher Sozialisten in Besancon zusammengetreten war (nur Franzosen und Schweizer), suchten die Schweizer nun den Kontakt mit dem evang.-sozialen Kongress in Deutschland, um eine zweite Tagung einzuberufen. Harnack und Baumgarten lehnten jedoch die pazifistische Ausrichtung ab. Nachdem diese von Schweizer Seite etwas abgeschwächt worden war kam es unter dem Thema "Christentum und Weltfrieden" zur Einladung nach Basel für Sept.1914. Der Ausbruch des Krieges zerschlug die Pläne. Enttäuschend war auch, dass gerade die deutsche Sozialdemokratie die Kriegsplände des Kaiserreichs unterstützte.
Der marxistische Sozialismus sah zunehmend im Krieg die Chance, die Kriegshandlungen in eine Revolution des Proletariats überzuleiten und distanzierte sich deshalb von den Friedensbemühungen der religiösen Sozialisten (trotz der Kontakte führender Marxisten zu den religiösen Sozialisten). Nach der bolschewistischen Revolution distanzierten sich wiederum die Schweizer religiösen Sozialisten von den russischen Sozialisten, da sie deren Legitimierung von Gewalt und Diktatur nicht teilen können. So entstand eine Spaltung zw. marxistischen und religiösen Sozialisten.
Nach dem Krieg kommt es ferner zur Spaltung der religiössozialen Bewegung in der Schweiz. Während Kutter in seiner Betonung des Gedankens, dass nur Gott den Frieden geben könne und deshalb das heil nur in der Hinwendung zu Gott empfangen wird, die sozialen Aufgaben der Kirche und der Sozialdemokratie trennte, wollte Ragaz der sozialistischen Bewegung eine christliche Neuorientierung geben. Diese Spaltung verkraftete die religiössoziale Bewegung nicht, so dass es zur Auflösung kam.

Der religiöse Sozialismus in Deutschland

Bedeutsam für die Entwicklung des religiösen Sozialismus in Deutschland, der sich erst nach dem Krieg in kleinen spontanen Gruppen zu formieren begann, wurde der Neueinsatz K.Barths. Dieser war als Schweizer religiöser Sozialist 1915 in die Sozialdemokratische Partei eingetreten, hatte sich aber unter dem Einfluss Kutters und Blumhardts von den religiösen Sozialisten getrennt und dem Bibelstudium gewidmet, das ihn zu seinem Römerbriefkommentar führte und ihn jedes "Bindestrich-Christentum" und damit auch den religiösen Sozialismus ablehnen ließ. Als Sept. 1919 Barth von den in Deutschland erst entstehenden Gruppen religiösen Sozialisten nach Tambach (Thüringen) eingeladen wurde, wo er in Vertretung von Ragaz einen Vortrag über "Der Christ in der Gesellschaft" halten sollte, verbreitete Barth in Deutschland statt religiös-sozialistischer Ideen seine dialektische Theologie. Viele der Zuhörer, die eigentlich dem religiösen Sozialismus zugeneigt waren, wurden so zu Anhängern Barths. Damit wurde die dialektische Theologie in Deutschland sofort zu einer Konkurrenz für den religiösen Sozialismus.
Dennoch entstanden auch in Deutschland verschiedene religiössozialistische Gruppierungen:
- Im Neuwerk-Kreis (Schlüchterner Kreis) wurde die praktische  Umsetzung sozialistisch-genossenschaftlicher Ideen und der Ethik  der Bergpredigt durch den Aufbau einer Siedlungsgemeinschaft auf  dem Habertshof bei Schlüchtern versucht. Dabei wurden Anregungen  der Jugendbewegung aufgenommen.
- Bedeutendster Theologe der religiösen Sozialisten war der  Berliner Privatdozent Paul Tillich (1886-1965), der bereits  1919 eine Thesenreihe veröffentlichte, in der er den Kampf  gegen den ökonomischen und nationalen Egoismus als gemeinsame  Aufgabe von Kirche und Sozialdemokratie verstand (Zur Integration religiös-sozialistischer Ansätze in Tillichs Gesamtsystem  vgl. -> "Paul Tillich"). Tillich verlor bei Hitlers Regierungsantritt die Professur und emigrierte in die USA.
- Die verschiedenen Gruppen vereinigten sich 1926 im Bund  religiöser Sozialisten Deutschlands. Bedeutende Mitglieder waren  G.Wünsch, G.Dehn (seine Annahme eine Professur in Heidelberg  war von nationalen Kreisen verhindert worden; eine Professur in  Halle konnte er nur mit Störungen der Studentenschaft wahrnehmen), Emil Fuchs.
- Bezeichnend war das Schicksal des Mannheimer religiösen Sozialisten E.Eckerts, eines Leiters des Bundes religiöser Sozialisten. Er war wegen seiner Kritik an der sozialdemokratischen  Koalitionspolitik aus der SPD ausgeschlossen worden und daraufhin in die KPD eingetreten. Nun leitete die badische Kirchenleitung gegen Eckert ein Disziplinarverfahren ein, das zur Amtsenthebung führte. Aber auch im Bund der religiösen Sozialisten  verlor Eckert seine Ämter.
In der Weimarer Zeit übten die deutschen religiösen Sozialisten v.a. am Nationalismus und am erstarkenden Nationalsozialismus heftige Kritik. Sie wehrten sich gegen ein Bündnis von Protestantismus und Patriotismus, und wandten sich v.a. nach dem Ausscheiden des radikalen Eckerts der theologischen Arbeit zu. Diskutiert wurde v.a. das Gewaltproblem.
Doch blieben die religiösen Sozialisten innerhalb des deutschen Protestantismus eine kleine und schwache Minderheit. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden sie wie die SPD auch gewaltsam unterdrückt, nur wenige gingen zu den Nationalsozialisten über. Zumeist sorgten die Kirchenleitungen dafür, dass religiös-sozialistische Pfarrer mit sog. Schutzerklärungen, in denen sie erklärten, sich von jedem politischen Engagement zu enthalten, vor weiterer Verfolgung durch den nationalsozialistischen Staat verschont blieben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Thomas von Aquin über rationale Theologie

Thomas von Aquin 1. Leben und Werke: In einer adligen Familie 1224 im Neapolitanischen geboren, kommt Thomas mit fünf Jahren nach Monte ...