Freitag, 29. Juli 2011

Das Schriftprinzip in der luther. Orthodoxie


Natürliche Theologie und offenbarte Theologie

Natürliche Theologie (theologia naturalis) wird verstanden als eine im natürlichen Licht des Menschen (lumen naturalis) gründende Fähigkeit, Gottes wesenhafte Vollkommenheit und die Mittel zur Erlangung der Seligkeit zu erkennen. Doch ist durch den Fall des Menschen sein Erkenntnisvermögen derart verdorben, dass kein Mensch allein mit Hilfe der natürl. Theologie die Seligkeit erreichen kann. Im Verhältnis zur Seligkeit ist sie ein Nichts (ad salutem nulla). Dennoch hat das verbliebene lumen natruralis einen dreifachen Nutzen:
- pädagogisch: Den Menschen dazu anleiten, die Gemeinschaft mit  Gott zu suchen.
- didaktisch: Zur Beleuchtung der offenbarten Gotteserkenntnis.
- paideutisch: Sitten und Zucht in und außerhalb d. Kirche leiten.
Da aber die natürliche Theologie nicht ausreicht zur Erkenntnis des seligmachenden Glaubens, offenbart sich Gott selbst durch die Apostel und Propheten in der Schrift. Nicht die Natur, sondern die Schrift ist das Prinzip des Seligmachenden Glaubens (Schriftprinzip - vgl. hierzu: "Das Schriftprinzip in der luther. Orthodoxie").


Schrift und Tradition

Grundsätzlich ist die Schrift allein Norm und Ursprung des Glaubens (sola scriptura). In der polemischen Auseinandersetzung mit dem römischen Traditionsprinzip kommt Calixt (mit der Schrift "De auctoritate sacrae scripturae", 1648) unter Anlehnung an Melanchthons Wertschätzung der Kirchenväter und Konzilen zu einer positiven Schätzung der Autorität der Kirchenväter (auctoritas antiquitates ecclesiasticae). Dabei beschränkt Calixt die wahre apostolische Tradition auf die ersten drei bis fünf Jahrhunderte der Alten Kirche. Damit trägt er der tatsächlichen Geltung der altkirchlichen Symbole im Luthertum Rechnung. Die Grundsätzliche Alleingültigkeit und Genügsamkeit der Schrift in allen Fragen wird aber darüber nicht bestritten.
Aus dem im Anschluss an Calixts Thesen entstehenden Streit geht folgende Lehre über die positive Funktion der Tradition hervor:
- Die Übereinstimmung mit den Vätern der ersten fünf Jahrhunderte  ist kein apodiktisches und fundamentales Prinzip der Theologie  (Festhalten an der Fehlbarkeit damaliger Theologie), ist jedoch  hochzuschätzen als ein Zeugnis der Glaubwürdigkeit sowohl der  damaligen wie der heutigen Theologie.
- Die Übereinstimmung mit den Vätern kann polemisch gegen die  Päpstler ausgenutzt werden.
- Sie kann pragmatisch als Auslegungshilfe verstanden werden.
Die Hl. Schrift ist das grundlegende und einzige Prinzip der Theologie, weil sie als vermittelte Offenbarung Gottes Anfang und Grund allen theol. Denkens ist. Dieser Grundsatz der Orthodoxie wird nun in verschiedener Weise begründet und entfaltet:


Der Ursprung der Schrift (Inspirationslehre)

Prinzip der Schrift selbst ist der dreieinige Gott. Er ist zugleich Urheber (Autor) wie Ausleger (Explorator) der Schrift. Um dennoch die Vielfältigkeit der Schrift zu erklären wird unterschieden zwischen:
- der entscheidenden wirkenden Ursache (causa efficiens principalis): Gott bzw. der Hl. Geist. Die formale Bestimmtheit (ratio  formalis), durch die der Hl. Geist Ursache der Schrift ist, ist  die Theopneustie oder göttl. Eingebung (inspiration divina).  Der Geist Gottes gab den bibl. Autoren die Schriftworte ein und  diktierte sie so gleichsam in die Feder (dictatum in calanum).  So sind die bibl. Autoren die Schreibgehilfen (amanuenses) des  Hl.Geistes. Die Inspiration umfasst die Eingebung der Sachen  (suggestio rerum), die Eingebung der Worte (suggestio verborum -> Verbalinspiration) und den Antrieb zum Schreiben  (impulsus ad scribendum).
- der weniger entscheidenden Ursache (causa minus principalis):  Die heiligen Männer. Sie sind eine instrumentale Mitursache  (causa instrumentalis), die das Ergebnis nicht wesentlich mitbestimmt hat. Lediglich die Art der Schrift und Buchstabenzeichen sowie die Sprache wird durch die bibl. Autoren mitbestimmt. Dabei wird bestritten, dass die hebr. Zeichen erst  später vokalisiert worden seien.
Die Propheten und Apostel haben in göttl. Auftrag die ihnen von Gott eingegebene Botschaft verkündigt, aufgezeichnet und überliefert. Kraft dieses Auftrags und kraft der Inspiration ist das göttl. Wort in der Bibel ohne Fehler bewahrt (infallibiliter verum). Damit war praktisch die Schriftlichkeit der Offenbarung als gottgewollt und geistgewirkt verstanden. Die menschl. Mitwirkung bei der Entstehung der Schrift war damit auf ein Minimum reduziert, wodurch ein Maximum an Göttlichkeit und Gewissheit der Schrift erreicht war. Die Verbalinspiration begründet so die Irrtumsfreiheit der Schrift.
Die normierende Kraft der Schrift (Unfehlbarkeit) liegt damit im Wortlaut des ursprünglichen Textes (Originalsprachen). Die Glauben bewirkende Kraft der Schrift ist aber auch in Übersetzungen gegeben, sofern diese mit dem Originaltext übereinstimmen (Übersetzungen, auch die Luthers, sind also nicht inspiriert).

Die Inspiration der Schrift wird nicht nur behauptet, sondern auch durch äußere Kriterien (An den Schreibern und den mit der Schrift umgehenden Personen ansetzend; z.B. die schnelle Ausbreitung der bibl. Lehre; Alter der Schrift) und innere Kriterien (am Sinn der Schrift ansetzend; z.B. die Einfalt und der Ernst des bibl. Stils) zu begründen versucht.
Der letzte Grund für die Einsicht in die Inspiration der Schrift aber ist das innere Zeugnis des Hl. Geistes (testimonium internum spiritus sanctus), bei dem der Mensch durch das aufmerksam studierte Schriftwort erleuchtet wird und in den Glauben gerufen wird, wobei der Mensch durch die Erleuchtung und die Glaubensgewissheit selbst spürt, dass das Wort der Schrift von Gott ausgegangen ist. Dieses innere Zeugnis des Hl. Geistes ist ein übernatürlicher Akt, der sowohl Intellekt als auch Willen des Menschen ergreift.


Kanonfrage

Die Schrift kann ihre Funktion ausüben, weil sie ein abgeschlossener Kanon ist. Die Unterscheidung zw. protokanonischen Büchern, deren Autorität niemals angezweifelt worden ist, und deuterokanonischen Büchern, deren Autorität (und apostolische Verfasserschaft) von einzelnen Kirchen in Zweifel gezogen wurden (2.Petr.; 2.Joh.; 3.Joh.; Hebr.; Jak.; Jud.; Apok.), ist hinfällig, da alle in griechischer und hebräischer Sprache geschriebenen Schriften zum Kanon gerechnet werden (-> Im AT Festlegung auf den hebräischen Kanon und Ausscheidung der atl. Apokryphen). Zu Beginn der luther. Orthodoxie wurde diese Unterscheidung (es wird auch von libri canonici primi und secundi ordinis gesprochen) auch dazu verwendet, um die Spannung zw. Luthers kritischer Stellungnahme zu einzelnen bibl. Büchern mit dem Übergang zum traditionellen ntl. Kanon auszugleichen. Je mehr aber die Inspirationslehre in den Mittelpunkt der Lehre von der Hl. Schrift rückte, desto stärker wurden alle Schriften auf einer Linien gesehen.


Die Eigenschaften (affectiones, proprietates) der Schrift

Die luther. Orthodoxie kennt in der Regel vier besondere Eigenschaften (affectiones; proprietates) der Hl. Schrift, die in Bezug der Lehre von ihrem Ursprung (Inspirationslehre) genannt werden (Neben diesen Eigenschaften erster Ordnung, gibt es auch noch untergeordnete zweiter Ordnung):
- Die Hl. Schrift ist unfehlbare Norm für Glauben und Wandel der  Christen, sowie Richterin in allen Lehrstreitigkeiten (norma  fidei; judex controversiarum). Dies macht ihre Autorität  (auctoritas) aus. Sie besitzt auctoritas causativa (weckt und  stärkt die Bereitschaft der Schrift zu glauben und Christ sein  zu wollen -> Kraft) und auctoritas normativa (Unterscheidung  von Wahrem und Falschem -> Richtung).
- Sodann wird von der perfectio (Vollkommenheit), der sufficientia (Genügsamkeit) oder der integritas (Vollständigkeit) der  Schrift geredet, dann ist damit gemeint, dass die Schrift als  einziges Prinzip der Theologie alles enthält, was der Mensch  wissen muss zum Erlangen der Seligkeit, zur Abwehr von Irrlehren, zum Gottesdienst und gottseligen Leben notwendig ist.
- Ferner wird behauptet, dass die Schrift jedem und jeder verständlich ist (und deshalb jedem zugänglich gemacht werden muss). Ein  erläuterndes Lehramt ist unnötig. Sie ist klar und ihre eigene  Auslegerin (Luther: Scriptura sacra sui ipsius interpres).  Dies alles meint die Behauptung der perspicuitas (Deutlichkeit)  et semetipsum interpretandi facultas (Fähigkeit, sich selbst  auszulegen) der Schrift.
 Damit wird der buchstäbl. Auslegung ein großes Gewicht beigemessen. Dunklere Stellen können auf Grund einer analogia fidei  (= Übereinstimmung mit der in der Schrift dargelegten Glaubenslehre) durch eindeutigere erklärt werden. Es gibt ergo nur  einen einzigen ursprüngl. Sinn, den vom Geist ursprgl. beabsichtigten Sinn, den sensus litteralis (Der Geist wirkt nur in  und mit dem Wort). Allegorische Auslegung ist nur als zusätzl.  bildhafte Anwendung möglich, die den sensus litteralis darstellt. In der späteren Orthodoxie wird allerdings ein duplex  sensus entwickelt, der zusätzl. noch einen mystischen Inhalt  ein und desselben Texten bezeichnen kann.
 Für die praktische Auslegungsarbeit bleibt aber die Regel  secundum analogiam fidei gültig, die die Auslegung an die  gültigen Bekenntnisse band. Damit wurde die Schrift faktisch zu  einer Quelle von dicta probantia (Beweisstellen) reduziert, so  dass die Exegese der Orthodoxie auch als dogmatischer  Biblizismus zu bezeichnen ist.
- Aus dem sog. Rathmannschen Streit (1621-28) ging noch die  Ansicht der divina efficacitas (Wirkmacht) bzw. vis convertendi (Bekehrungskraft) der Schrift hervor. Der Danziger Pfarrer  Rathmann hatte ausgehend von der Unterscheidung von Buchstaben  und Geist gelehrt, dass die äußere Schrift nur Buchstaben ist,  die allein durch eine vorausgehende, vom äußeren Wort unabhängige, innere Erleuchtung, wie sie die Propheten und Apostel  hatten, in uns wieder wirksam werden kann. Dagegen betonte die  Mehrheit der orthodoxen Theologen, dass das Wort auch außerhalb  seines Gebrauchs seine geistl. Wirkungskraft (efficacitas) besitzt, da Gottes diese in seiner Gnade freiwillig an die  Schrift gebunden habe (Analogie zur Realpräsenz in den Elementen beim Abendmahl). Damit soll aber ausgedrückt werden, dass  das Schrift nicht äußerl. Buchstabe ist, sondern ein lebendiges  und wirkmächtiges Wort. Rathmanns Lehre wird als eine unerlaubte Hinwendung zum Spiritualismus verstanden. Doch wird von  beiden Seiten festgehalten, dass nur durch das Wirken des  Hl.Geistes ein wirkliches Verständnis der Schrift möglich ist.
Die Lehre von der Schrift wendet sich so gegen Richtungen, die eine innere Erleuchtung zum Ausgangspunkt der Erkenntnis machen, aber auch gegen die kath. Lehre, dass Weitergabe und Verständnis der Schrift von der Tradition und dem diese bewahrenden Lehramt
geleitet seien. Gegen den Katholizismus des Tridentinums versuchte man die inhaltliche Suffizienz und Vollkommenheit der Heiligen Schrift abzusichern und meinte, dazu auf die Lehre von der Verbalinspiration zurückgreifen zu müssen. Somit gehört diese Lehre quasi zur Selbstverteidigung der luther. Orthodoxie.

Da die Schrift so als die Quelle der Dogmatik und als Garant der Wahrheit dogmatischer Sätze verstanden wird, denkt sich die luther. Orthodoxie die Schrift als eine widerspruchslose Lehreinheit von geoffenbarten göttlichen Wahrheiten, aus der dann dogmatische  Glaubensartikel  abgeleitet  werden  können (Konsequenterweise wird die Lehre von der Schrift in den Prolegomena entfaltet).

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