Mittwoch, 13. Juli 2011

Charakteristika der lutherischen Orthodoxie

Die Entwicklung der luther. Orthodoxie des 17.Jhdts. ist durch folgende Punkte zu beschreiben:
- Polemik gegen die anderen Konfessionskirchen (Reformierte, Katholiken).
- Ausbau des dogmatischen Systems.
Hierbei sind zwei Charakteristika hervorzuheben:


1. Neuansatz in der theol. Methodenlehre, durch Übernahme aristotel. Logik und Metaphysik

Dies ist v.a. mit der Strömung des Neuaristotelismus verbunden, die ihren Anfang an mehreren südeuropäischen Fakultäten (Padua, Coimbra) nimmt. Gegen Ende des 16.Jhdt. entwickelt sich der Neuaristotelismus an einigen dtsch. Universitäten zur protestant. Schulmetaphysik (Meisner, Cornelius Martini). Kennzeichen dieser schulphilosoph. Weltanschauung:
- aristotel. Erkenntnistheorie (ausgehend von der äußeren, sinnlichen Wirklichkeit).
- aristotel. Formbetrachtung (real ist die Wirklichkeit der Formen, nicht die Materie eines Dinges).
Schon der Humanist Melanchthon hatte die logischen und ethischen Schriften Aristoteles' hochgeschätzt. Die Definitionsbedingungen des Aristoteles beachtete er in seiner Loci-Methode. Eine Übernahme der Schulphilosophie von Seiten der Theologie wurde ferner dadurch erleichtert, dass diese ihr allg. Weltbild auf einem religiösen Grundgedanken aufbaut: Gott ist die höchste Realität und Grund und Ziel aller anderen Wirklichkeiten, Gott selbst ist ein unbegrenztes geistiges Wesen (essentia spiritualis infinita). Für die Theologie war darüber hinaus die Rezeption des Neuaristotelismus aus folgenden Gründen sinnvoll:
- Die Schulmetaphysik hatte das allg. Weltbild und Wirklichkeitsverständnis in klare Formeln gekleidet und so die damaligen wissenschaftl. Denkvoraussetzungen in Begriffe fixiert, die auch der theol. Arbeit zugrundeliegen. Die theologischen Aussagen konnten so innerhalb des allgemein gültigen Weltbildes formuliert werden, wodurch die Auseinandersetzung über Konfessionsgrenzen hinweg möglich war (sowohl mit reformierten als auch römisch-scholastischen Theologen).
- Die voll akzeptierten altkirchlichen Dogmen der Trinitätslehre und Christologie waren traditionell mit der aristotel. Metaphysik interpretiert worden. Hier konnte man einfach anknüpfen.
- Der Neuaristotelismus bot Modelle für klare Begriffsunterscheidungen und Distinktionen an, die in den oft sehr verzwickten theolog. Auseinandersetzungen zur Klärung beitragen konnten.
- Der Neuaristotelismus hatte auch zu einer gründlicheren Besinnung auf die wissenschaftl. Methode geführt (Zabarella in Padua, ╗1589). Zabarella rechnete in allen Zweigen der Wissenschaft nur mit zwei Methoden einer Darstellung der Lehre:
- ordo compositivus (von den Prinzipien über die Schlüsse zum Ganzen) -> synthetische Methode.
- ordo resolutivus (vom Ziel zu den Mitteln, die zu ihm führen) -> analytische Methode.
Obwohl die Theologie damals nicht überall unter die Wissenschaften gezählt wurde, konnte sie die analytische Methode gut verwenden, v.a. bei der Ausgestaltung des Schriftprinzips als Fundament der Theologie. Der Lutheraner Mentzer und der Reformierte Keckermann führten die analytische Methode in die Dogmatik ein: Sie definierten die Theologie als die praktische Wissenschaft vom Heilsweg. Diesen zerteilten sie in die Lehren vom Heilsziel (ewige Seligkeit), vom Heilsobjekt (der sündige Mensch) und von den Heilsmitteln (Christus, Kirche, Wort und Sakrament). Abraham Calov kritisierte daran, dass die Gotteslehre durch diese Gliederung an die zweite Stelle gerückt würde und verband die Gotteslehre mit dem Heilsziel. Die analytische Methode hatte sich damit durchgesetzt.
So ist es nicht zufällig, dass die Blüte von Schulmetaphysik und Orthodoxie in dieselbe Zeit fallen.
Grundsätzlich wird bei den orthodoxen Dogmatikern von einer scharfen Grenzziehung zwischen Theologie und Philosophie ausgegangen. Die Philosophie hat nur eine dienende Funktion für die Theologie. Sie sollte die der natürlichen Vernunft zugängliche Wirklichkeitserkenntnis zur Sprache bringen und die Prinzipien des wissenschaftlichen Denkens bestimmen. Die eigentlichen theologischen Lehren vom Heil, seinem Ursprung und seiner Aneignung waren davon klar unterschieden. Philosophie und Theologie ergänzen also einander. Ein Konflikt kommt nicht in den Blick.
Die intensive Rezeption des Neuaristotelismus in der Theologie hatte auch Folgen für diese selbst:
- Die Schulphilosophie hat zur Stärkung intellektualist. Tendenzen in der luther. Orthodoxie geführt.
- Zugleich wurde eine vertiefende Behandlung theol. Fragen gefördert.


2. Bekenntnisbindung der Lehre

Das reformatorische Schriftprinzip (Schrift ist alleinige Grundlage aller Lehre) galt auch in der Orthodoxie. Doch führte die kontroverstheologische Situation, die durch die politischen Verhältnisse während des 30jährigen Krieges nur verhärtet werden konnte, dazu, dass die geltenden Bekenntnisschriften gleich nach der Schrift zur maßgeblichen Autorität erhoben wurden. Diese Bekenntnisschriften waren ja im Verlauf der Auseinandersetzungen auch in ihren Verwerfungen und Abgrenzungen immer deutlicher geworden. Im lutherischen Bereich hatte es zudem mit der Konkordienformel einen gewissen Abschluss der Lehrbildung gegeben. Zugleich waren Bekenntnisschriften (wenn auch regional verschieden) kirchenrechtlich zur Lehrnorm für die einzelnen Landeskirchen erhoben worden. So wurde zwar theoretisch der Hl.Schrift die höchste bindende Autorität zugesprochen, faktisch die Bekenntnisschriften aber in einen solchen Rang versetzt, dass sie faktisch nicht mehr als abgeleitete, sondern als absolute Normen galten. Ihre Anerkennung wurde zur Bedingung der Kirchengemeinschaft. Ihre Bedeutung zeigte sich auch darin, dass die Lehre von der Theopneustie im 17.Jhdt. auf die reformator. Bekenntnisschriften ausgedehnt wurde. Wo so die Bekenntnisschriften als feststehende Lehrnorm zementiert waren, konnte die Schrift ihre kritische Kraft gegenüber der Theologie nur noch schwer entfalten. Sie wurde nun zu einer Sammlung von "dicta probantia" (Beweisstellen) für die dogmatischen Aussagen. Hierbei ist zu beobachten, dass im reformieren Bereich, in dem es ja kein einheitliches und abgeflossenes Bekenntnisbuch (wie das Konkordienbuch im lutherischen Bereich) gab, die Relativität und Vorläufigkeit der Bekenntnisschriften stärker bewusst blieb.

Auffallend ist, dass im Zeitalter der Orthodoxie die entscheidenden Fragen zunehmend innerhalb der Prolegomena zur Theologie abgeklärt werden. Dies ist Folge der neuen Mehrkonfessionalität.

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