Donnerstag, 28. Juli 2011

Bultmanns hermeneutischer Ansatzpunkt


Bultmanns theologiegeschichtliche Stellung

Bultmann steht am Schnittpunkt der beiden entscheidenden theologischen Entwicklungslinien des 19. und 20.Jhdts., in ihm begegnen sich liberale und dialektische Theologie. Wie Barth kommt er von der liberalen Theologie her. Doch im Gegensatz zu Barth sah er sich ihr und ihrer Berücksichtigung des neuzeitlichen Denkens verpflichteten Wissenschaftlichkeit verpflichtet, was sich v.a. im Festhalten an der historischen Kritik äußerte. Mit den Vertretern der dialektischen Theologie verbindet ihn die mit Leidenschaft verfochtene Wiederentdeckung der Gottheit Gottes (Gott ist Gott und deshalb trägt die Offenbarung Gottes ihren Grund allein in sich selbst, kein menschliches Bemühen reicht zu ihr hin; der Inhalt des Glaubens ist deshalb etwas, was der Mensch sich nicht selbst sagen kann).
So hat Bultmann auf dem Boden der dialektischen Theologie versucht, die von der liberalen Theologie hinterlassene historischkritische Fragestellung für die Theologie aufzuarbeiten. War doch die dialektische Theologie der 20er Jahre über das Problem der Geschichte hinweggegangen, als ob es nie eine historisch-kritische Arbeit gegeben hätte. Dass Bultmann ein Problem aufgriff, das man, wollte man nicht unredlich werden, nicht übergehen konnte, erkannten auch seine Gegner an [vgl. Bonhoeffer: "Bultmann hat die Katze aus dem Sack gelassen (...). Er hat gewagt zu sagen, was viele in sich verdrängen (...), er hat damit der intellektuellen (...) Redlichkeit einen Dienst geleistet. Der Glaubenspharisäismus, der nun dagegen von vielen (...) aufgeboten wird, ist mir fatal. Nun muss Rede und Antwort gestanden werden." Er fährt jedoch fort: "Aber das Fenster muss dann auch wieder geschlossen werden. Sonst erkälten sich die Anfälligen zu leicht."; H.Zahrnt: "Kein anderer Theologe hat sich in unserer Zeit der Aufgabe, die christliche Botschaft im Horizont des geschichtlichen Denkens neu zu verstehen, mit so zäher Unerbittlichkeit und resoluter Wahrhaftigkeit und zugleich mit einem so umfassenden Reichtum an theologischem, historischem, philologischem, philosophischem und religionsgeschichtlichem Wissen gestellt wie Rudolf Bultmann."].
Für Bultmannns Synthese von historischer Kritik und dialektischer Theologie waren Elemente der wiederentdeckten reformatorische Theologie und Heideggers philosophische Existenzanalyse (vgl. "Sein und Zeit", 1927) wichtig geworden. Diese verschiedenen Elemente hat er nicht nur aufgenommen und vermischt, sondern zu einem Ganzen und Neuen zusammengedacht.


Die hermeneutische Problemstellung

Chritus als eschatologisches Ereignis
Christlicher Glaube ist Glaube an Jesus Christus. D.h. er hat seinen einmaligen Ursprung und bleibenden Grund in einem geschichtlichen Ereignis, in der Offenbarung Gottes in der Erscheinung Jesu Christi. In diesem Geschick Jesu besteht die christliche Botschaft. In ihrer strengen Bezogenheit auf ein geschichtliches Ereignis versteht sich christliche Offenbarung nicht als Enthüllung und Mitteilung zeitloser Seinswahrheiten.
Die Offenbarung Gottes in Christus gilt als abschließend, endgültig, unüberbietbar, universal. Deshalb wird in der Theologie das Christusgeschehen als ein eschatologisches Geschehen bezeichnet. D.h. das, was mit und an Christus geschah, gilt als ein "Letztes" in der Weltgeschichte, über das hinaus es nichts "Letzteres" mehr gibt.
Das eschatologische Verständnis der Bedeutung Jesu verweist nun nicht auf ein abgeschlossenes Geschehen in der Vergangenheit, sondern stellt es als ein andauerndes dar, das über die Gegenwart hinaus in die Zukunft reicht. Obwohl sich also die Christusoffenbarung historisch gesehen in der Vergangenheit ereignet hat, besitzt es gegenwartsbestimmende Bedeutung, denn was einmal geschehen ist, ist EIN FÜR ALLE MAL geschehen.


Das Problem der Vergegenwärtigung der Offenbarung

Die Tatsache, dass sich Gott in Christus offenbart hat, weist Glauben und Theologie an die Bibel, da sie die Zeugnisse von dieser Offenbarung enthält. D.h. die Bibel ist heilige Schrift und hat Bedeutung für uns, weil Jesus Christus in ihr steht (nicht: weil Jesus in der Bibel steht, hat er für uns Bedeutung). Die Bibel ist eine historische Größe - wir aber leben und glauben heute. Wie kann also das, was vor langer Zeit geschehen und geschrieben ist, für uns heute Bedeutung gewinnen? Wie kann eine historische Überlieferung existentielle Betroffenheit bewirken, als Anrede Gottes verstanden werden? Es stellt sich hier also das Problem der Vergegenwärtigung der Offenbarung: Wie ist es möglich, den "garstigen Graben" der Geschichte zu überwinden (Problem der Verkündigung)?
Hier hat die Theologie die Aufgabe des Übersetzens: Diese ist eine doppelte: Sie muss die biblische Botschaft Übersetzen, d.h. sie muss vom jenseitigen ans diesseitige Ufer gelangen. Sie muss die Botschaft aber auch übersetzen, d.h. sie muss die GANZE Botschaft ans diesseitige Ufer bringen. Es spannt sich also ein Bogen vom Text zur Auslegung. Das eine Ende steht in der Vergangenheit: damit es dort sicher steht, muss die Bezeugung der biblischen Offenbarung herausgearbeitet und auf Verlässlichkeit überprüft werden -> historische Bewahrheitung wie bei allen anderen geschichtlichen Ereignissen. Das andere Ende des Bogens steht in der Gegenwart: die Vergegenwärtigung der biblischen Offenbarung muss so geschehen, dass sie den Menschen in seiner Existenz angeht, er der Wirklichkeit Gottes in seinem Leben begegnet.


Das Problem des veränderten Weltbildes

Was ist dies jedoch für eine Wirklichkeit, auf die sich der Glaube richtet, wenn er an die Offenbarung Gottes in Christus glaubt? Es zeigt sich nämlich, dass Offenbarung Gottes zugleich als Gotteswort UND Menschenwort vorliegt. Auch bezieht sich der christliche Glaube einerseits auf ein bestimmtes Ereignis in der Geschichte, und andererseits auf ein Handeln Gottes; Christus ist zugleich Gottessohn und Zimmermannssohn. Wie ist diese Einheit von göttlicher und menschlicher Wirklichkeit zu denken?
Bis in die Neuzeit hinein herrschte in der Theologie der Supranaturalismus vor. Die Wirklichkeit der Offenbarung suchte man durch metaphysisches Denken zu erfassen: Die Offenbarung Gottes wurde von der übrigen Geschichte als besondere göttliche Offenbarungsgeschichte geschieden, ihr besonderes Kennzeichen war die Wunderhaftigkeit. Dahinter stand das aus der griech. Philosophie übernommene Schema eines kosmischen Dualismus (2 verschiedene, substanzhaft gedachte Welten stehen sich gegenüber, die übernatürlich-göttliche und die natürlich-menschliche), der auch beim Christusdogma Pate stand und auch in der protestantischen Orthodoxie in der Lehre von der Verbalinspiration Anwendung fand.
Die Begründung der historisch-kritischen Methode, das Bemühen um ein geschichtliches Verstehen brachte in der Neuzeit die philosophische Grundlage des theologischen Supranaturalismus ins Wanken. Die bisherige dualistische Sicht des Menschen wechselt zu einer einseitigen: der Mensch existiert nur noch auf dem Boden dieser Welt. Seine Existenz wird nicht mehr bedingt durch eine übernatürliche Welt, sondern lediglich durch weltliche und innergeschichtliche Faktoren. Dies bringt eine Historisierung des Menschen und der Welt. So ist die historisch-kritische Forschung nicht nur eine neue Methode, sondern ist zugleich auch eine neue Sicht des Menschen. Als wirklich gilt nur noch, was geschichtlich zu verstehen ist ("rein historisch"). Diese Sicht beendet nun also den Versuch, das christliche Offenbarungsgeschehen als etwas völlig andersartiges zu verstehen und von der übrigen Natur und Geschichte abzugrenzen. Denn geschichtliches Denken duldet keine Freiräume, es lässt keine Übergeschichte gelten. Entweder es ist etwas Geschichte, oder es ist nichts.
Damit ist aber die Grundlage alles bisherigen christlichen Glaubens und Lebens ins Wanken geraten, die Autorität der Bibel ist in Frage gestellt. Christliche Offenbarung ist nun nicht mehr das aller Geschichte entnommene und alle Geschichte bestimmende "eschatologische" Ereignis, sondern nur noch eine geschichtliche Erscheinung innerhalb der allgemeinen Religionsgeschichte. Statt wie bisher die Heilige Schrift mit Vollmacht auszulegen, besteht nun die Arbeit der Theologie darin, ihre Vollmacht zu einer solchen Auslegung zu begründen und zu verteidigen.


Bultmanns Fragestellung

Die Frage nach dem Verhältnis von Offenbarung und Geschichte bildet somit das zentrale theologische Problem der Gegenwart. Dem darf trotz aller Probleme (Schwerfallen des Verstehens der christlichen Offenbarung in Folge des geschichtlichen Denkens) nicht ausgewichen werden, denn wenn der christliche Glaube wirklich seinen Grund in einem bestimmten Ereignis der Geschichte hat, darf er die historisch-kritische Erforschung dieses Ereignisses nicht nur dulden, sondern muss sie fordern, als Erweis der Geschichtlichkeit der von ihm geglaubten Offenbarung.

Wie kann nun aber die christliche Botschaft geschichtlich verstanden werden, und dennoch verbindlich und gewiss sein? Wie kann das, was in der Vergangenheit geschah, Gegenwärtigkeit besitzen, den Menschen unmittelbar angehen? Wie kann das Reden von der Offenbarung Gottes noch verantwortet werden, wenn nur geschichtliches wirklich ist?

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