Donnerstag, 28. Juli 2011

Bleibt ein mythologischer Rest?


Das NT behauptet, dass der Glaube an Gottes Gnade Glaube an Christus sei. Das neue Existenzverständnis ist deshalb erst infolge eines bestimmten geschichtl. Ereignisses (Christusgeschehen) möglich. Es gilt nun die Frage zu klären, ob diese Behauptung ein mythologischer, zu eliminierender Rest sei, ob also christliches Existenzverständnis auch ohne Christus möglich sei. Arbeitet nicht z.B. die Philosophie das Verständnis der menschlichen Existenz klarer heraus, als das NT?
Die Frage, ob Theologie und Philosophie nicht eigentlich dasselbe über die menschliche Existenz sagen, wird von Bultmann mit "Ja und Nein" beantwortet. Beide stimmen darin überein, dass es ihnen um die wahre Natur des Menschen geht (der Mensch kann und soll das werden, was er eigentlich schon ist). Wenn das NT die Existenz des Menschen in Glaube und Liebe als "neue Schöpfung" versteht, dann meint es damit nicht eine übernatürliche, sondern nur die wieder zu sich selbst gebrachte schöpfungsgemäße eigentliche Existenz des Menschen. In der Frage, wie diese natürliche eigentliche Existenz des Menschen verwirklicht werden kann, gehen Philosophie und Theologie auseinander.
Die Philosophie meint, dass es zur Freilegung der natürlichen Haltung des Menschen keiner göttlichen Offenbarung bedarf. Sie setzt zwar voraus, dass sich der Mensch irgendwie verloren oder verirrt hat, vertritt aber die Meinung, dass das Wissen um seine Eigentlichkeit den Menschen ihrer auch mächtig mache (Motto: du kannst, denn du sollst und weißt wie es geht). Sie hält die prinzipielle Möglichkeit des Menschen, zu seiner Eigentlichkeit zu gelangen, für eine faktische, da sich für sie die Verhaltenheit des Menschen nicht bis auf sein Selbst erstreckt, und der Mensch so fähig bleibt, sich selbst zu durchschauen und sich deshalb auch aus eigenem Entschluss dieser Verfallenheit entziehen kann.
Das Neue Testament behauptet dagegen, dass der Mensch nicht von sich aus zu seiner Eigentlichkeit gelangen kann, denn alles Tun des Menschen ist Tun in der Verfallenheit, es ist bestimmt durch menschliche Eigenmächtigkeit, die aus der Verfügung über das Verfügbare lebt. Das Wissen des Menschen um seine Geschichtlichkeit, um seine Verantwortlichkeit für die Zukunft, weckt in ihm den Wahn, über die Zukunft verfügen zu können und bringt ihn in einen Selbstwiderspruch. Dies weist das NT in seiner Rede von der Sünde auf.

"Wie kann der Mensch von sich selbst befreit werden?" ist die Frage, die auf die Einsicht in die wahre Situation des Menschen folgt. Diese kann nur von außen geschehen, da alle Selbstbefreiung des Menschen nur ein neuer Ausdruck seiner Eigenmächtigkeit ist. Nur die Liebe Gottes vermag den Menschen von sich selbst zu befreien. Sie darf jedoch nicht ein Wunschbild, eine Idee des Menschen sein, sonst würde sie ja wieder aus dem Verfügen wollen des Menschen stammen, sondern sie muss als Tat Gottes offenbar werden.
Hier setzt das ntl. Christusgeschehen ein: "Es besagt, dass da, wo der Mensch nicht handeln kann, Gott für ihn handelt, für ihn gehandelt hat." Hier ist also der entscheidende Punkt, an dem sich das NT vom philosophischen natürlichen Seinsverständnis unterscheidet: "Das NT redet und der christliche Glaube weiß von einer Tat Gottes, welche die Hingabe, welche den Glauben, welche die Liebe, welche das eigentliche Leben des Menschen erst möglich macht."

Die gern gestellte Frage an Bultmann: "Ist ein mythologischer Rest geblieben?" wird von Bultmann so beantwortet: "Wer es schon Mythologie nennt, wenn von Gottes Tun die Rede ist, für den gewiss.”
Hier handelt es sich jedoch um eine neue Art von Mythologie. Die alte Mythologie, in deren Bahnen sich weithin auch das NT bewegt, stellte sich das Göttlich-Transzendente als eine objektive Welt vor, oberhalb unserer Welt liegend, ständig unter Zerreißung der geschichtlichen Kontinuität in unsere Welt eingreifend. Da der Säkularisierungsprozess der Neuzeit dieses Weltbild zerstörte, taucht auch die Frage auf, ob damit nicht auch die Botschaft des NT erledigt ist. Mit der Entmythologisierung des NT im Sinne der existentialen Interpretation hat sich Bultmann dieser Herausforderung gestellt. Mit ihr deutet er das Verhältnis von Jenseits und Diesseits, von Heilsgeschichte und Weltgeschichte neu. Er macht einerseits ernst mit dem geschichtlichen Denken, will aber andererseits die göttliche Offenbarung nicht aufgeben. Die Methode der existentialen Interpretation ermöglicht es ihm, das Zugleich der Beziehung des Glaubens zur Geschichte und zu Gott festzuhalten. Die Offenbarung Gottes ist ein geschichtliches Geschehen in Raum und Zeit, kein übernatürliches, von der Geschichte ausgegrenztes "Mirakel". Dieses historisch feststellbare Geschehen ist nun aber auch das Offenbarungshandeln Gottes, durch das er das Heil der Welt schafft. Jesus Christus, ein geschichtlicher Mensch, ist das eschatologische Ereignis, das jeweils hier und jetzt in der Verkündigung gegenwärtig wird. Damit behauptet Bultmann "die paradoxe Identität des innerweltlichen Geschehens mit dem Handeln des jenseitigen Gottes". Das göttliche Handeln findet nicht zwischen sondern in den weltlichen Ereignissen statt. Der Glaubende erkennt in den natürlichen geschichtlichen Begebenheiten das verborgene Handeln Gottes, aber nur dann, wenn er sich in dieses Handeln hineinziehen lässt, und seine Existenz dadurch neu versteht. Indem das Göttlich-Transzendente nicht eine höhere Sphäre ist, sondern in der diesseitigen Welt verborgen liegt, gelangt der Glaubende nicht zu ihm, indem er die Welt verlässt, sondern indem er in ihr bleibt, und er in seinen existentiellen Lebensbezügen seine Beziehung zu Gott wahrnimmt. So kann der Gottesgedanke für den modernen Menschen vollziehbar werden: "Nur der Gottesgedanke, der im Bedingten das Unbedingte, im Diesseitigen das Jenseitige, im Gegenwärtigen das Transzendente finden, suchen und finden kann, als Möglichkeit der Begegnung, ist für den modernen Menschen möglich." Bultmanns Aufsatz über die Entmythologisierung schließt somit treffend mit einem Zitat aus dem Johannesprolog: "Das Wort ward Fleisch." (Joh.1,14).
Bultmann hat sich, so will er damit betonen, nicht dem Denken des modernen Menschen angepasst, sondern die Intention des NT zur Geltung gebracht: Das NT selbst behauptet die Gegenwart des jenseitigen Gottes in der Geschichte. So bleibt bei Bultmann also nicht ein "mythologischer Rest", sondern er behauptet - nach dem NT - die Paradoxie der göttlichen Offenbarung: das geschichtliche Ereignis der Offenbarung als Tat des transzendenten Gottes.

Dabei geht es Bultmann um nichts anderes als um den christlichen Glauben. Gogarten beschreibt dies so: "Man würde dem, worum es in diesem Streit geht, nicht von ferne gerecht, wenn man meinte, es käme dabei nur darauf an, dem heutigen Denken zu seinem Recht zu verhelfen. Es geht um sehr viel mehr. Es ist der christliche Glaube selbst, der sein Recht verlangt; um seinetwillen muss der Streit geführt werden."

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