Mittwoch, 13. Juli 2011

Abendmahlsstreit

Seit Mitte der 30er Jahre gab es verschiedene Versuche, die Kluft zw. Lutheranern und Zwinglianern, der über der Abendmahlsfrage aufgebrochen war und 1529 in Marburg nicht hatte geschlossen werden können, zu überwinden:
- 1536 gelang es Martin Bucer sich mit Melanchthon auf die Wittenberger Konkordie zu einigen: Man einigte sich auf die Anerkennung der CA, der Apologie Melanchthons und einer von Melanchthon verfassten Konkordienformel, die Aussagen über Abendmahl, Taufe und Absolution enthielten. Die sehr vertrackte Abendmahls-Formel enthielt folgende Festlegungen:
- Unter Ablehnung einer räumlichen Einschließung des Leibes Christi in die Elemente wird die wahrhaftige Gegenwart des Leibes Christi und der wahrhaftige Empfang des Leibes Christi gelehrt. Die Vereinigung Christi mit den Elementen wird als sakramentale Vereinigung bezeichnet. Diese bedeutet einer realen Gegenwart der Menschheit und Gottheit Christi in den Elementen, jedoch keine materielle Bindung an sie. =>
- Ablehnung der Transsubstantiationslehre.
- Außerhalb der "Nießung" ist Christi Leib nicht gegenwärtig.
- Es wird die "manducatio indignorum" festgehalten (aber nicht impiorum, wie es Luther gesagt hatte).
Für Luther war diese Formel nicht die Zustimmung zu seiner Abendmahls-Lehre; er erachtete jedoch die Übereinstimmung als so groß, dass er die Konkordie unterzeichnete. Die Konkordie führte kirchenpolitisch zum Sieg der lutherischen Richtung in den oberdeutschen Städten, die zuvor dem Zwinglianismus zugehört hatten (Die Abendmahlsformel der Wittenberger Konkordie wurde später in die FC aufgenommen).
- Um den Schweizern weiter entgegenzukommen änderte Melanchthon die CA und verfasste 1540 die "Confessio Augustana Variata", die Calvin anlässlich des Religionsgesprächs in Regensburgs unterzeichnet. Calvin kommt den Lutheranern entgegen, indem er den Gabecharakter der Sakramente betont. Auch eine substantielle Gegenwart Christi in den Elementen lehrt er nun; dabei denkt er jedoch nicht an eine leibl. Gegenwart, sondern eher an eine Gegenwart als Kraft. Die leibl. Realpräsenz lehnt er weiterhin ab.
Doch Luther ist mit dieser Annäherung nicht einverstanden und macht die Annäherung in seiner Schrift "Kurzes Bekenntnis vom heiligen Sakrament" (1544) zunichte. Auch Bullinger kann sich nicht zurückhalten und verfasst eine Gegenschrift. Die Kluft war wieder völlig offen.

In dieser Situation ist Calvin die Übereinstimmung mit den Schweizer Reformatoren (also v.a. mit Bullinger) wichtiger als der Konsens mit den Lutheranern. Hier stand v.a. die gemeinsame Verantwortung für die jungen Gemeinden in Frankreich, Niederlande, England und Polen im Vordergrund. So kam es nach einem längeren Briefwechsel zw. Calvin und Bullinger 1549 zum Consensus Tigurinus (Züricher Übereinkunft, allerdings erst 1551 veröffentlicht). Calvin musste dabei Bullinger entgegenkommen. Der Gabecharakter der Sakramente wird zurückgenommen, ihre Erinnerungs-Funktion tritt stärker hervor. Zugleich wird betont, dass Gott sich in keiner Weise an die Elemente bindet, das Extra-Calvinisticum also voll festgehalten. Die Sakramente können nur im Geist und im Glauben empfangen werden (Ablehnung der manducatio impiorum). Im Grunde setzt sich Zwinglis Sakramentsverständnis dabei durch. Calvin musste vor der Autorität Bullingers zurückweichen, befreite sich aber in den Augen der Schweizer vom Verdacht, wie Bucer unaufrichtige Unionsversuche zu versuchen.

Doch musste dieser Schritt Calvins bei den Gnesiolutheranern seine frühere Annäherung an die lutherische Position verdächtig machen. So kam es zur erneuten literar. Auseinandersetzung, die als 2.Abendmahlsstreit bekannt ist (ca. 1552-1560; Teilnahme aller wichtigen Theologen). In der weiteren Entwicklung sind v.a. vier Gruppen entscheidend:
- Die Gnesiolutheraner (an ihrer Spitze der Hamburger Superintendent Joachim Westphal), die unter allen Umständen an Luthers Lehre und so an der leiblichen Realpräsenz und der Ubiquitätslehre festhalten. Sie sind zu keinem Kompromiss bereit.
- Melanchthon, der sich immer stärker von der lutherischen Abendmahlslehre entfernt. Die Realpräsenz versucht er stärker akthaft als seinshaft zu deuten. Die Ubiquität stellt er in Frage. Seine Position bleibt aber fließend.
- Calvin, der die Abendmahlslehre Zwinglis wie oben beschrieben an die Luthers annähert, aber grundsätzlich die Realpräsenz leugnet, am Extra-Calvinisticum festhält und an der metaphorischen Deutung des "es" im Sinne des "Signifikat" festhält.
- Die Zwinglianer, unter ihnen v.a. Bullinger, die konsequent an Zwinglis Abendmahlslehre festhalten.
Diese Konstellation führt dazu, dass Calvin und v.a. Melanchthon sich nach zwei Seiten rechtfertigen müssen und nicht beide Seiten zugleich befriedigen können. Es kommt zu mehrmaligen Richtungsänderungen und kleineren und größeren Bewegungen, die dazu führen, dass der Streit immer spitzfinder wird. Die Argumente bleiben aber im Wesentlichen dieselben.

Von größter Bedeutung ist, dass seit dem Augsburger Religionsfrieden (1555) nur die Anhänger der Confessio Augustana d. Schutz des Reiches genossen. Als nun immer mehr zwinglianisch und calvinistisch geprägte Flüchtlinge nach Deutschland kamen, nahmen diese für sich die Confesiio Augustana Variata in Anspruch. Diese wiederum wurde von den Gnesiolutheranern verworfen. Der Streit wird für die Flüchtlinge zum existentiellen Problem. Sowohl Calvin als auch Melanchthon bemühten sich deshalb verstärkt um einen Ausgleich. Doch dieser wird von den konservativen Kräften auf beiden Seiten heftig torpediert.
Da Calvin durch den Consensus Tigurinus ziemlich festgelegt ist (wobei auch die Zwinglianer gegen ihn inspirieren), wird Melanchthon nun zur heftig umkämpften Autorität. Sowohl Calvin, die reformierten Flüchtlinge als auch die Gnesiolutheraner wollen ihn auf ihre Seite ziehen. Melanchthon wiederum befürwortet eine allgemeine Einigung, und vollführt einen Schlingerkurs. 1557 bezieht er endlich Stellung und verwirft (sehr zur Enttäuschung seines Freundes Calvin) die Abendmahlslehre Zwinglis, kehrt sich aber zugleich von den Gnesiolutheranern ab. Nach und nach kommt es zur Verfestigung der Spaltung, die nun unüberwindbar ist. So setzten sich am Ende Luthers Abendmahlslehre auf der einen und Zwinglis Lehre auf der anderen Seite im Wesentlichen durch. Wo die konfessionelle Zugehörigkeit umstritten war, kam es seit den 60er Jahren zu Klärungen (z.B. wird Heidelberg 1560 reformiert; Frankfurt wird 1561 lutherisch).

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